Willensfragen

Darf ein Erwachsener einem Kind seinen Willen aufdrängen oder hat er sich nicht vielmehr nach dem Willen des Kindes zu richten?

Diese Frage wird in einem anderen Licht gesehen, sobald der Erwachsene einsieht, dass es nicht um das Durchsetzen „seines“ Willens geht, sondern darum, dass mit dem Kind in einer bestimmten Situation Sinnvolles und Notwendiges geschieht (vgl. Elternsein heute: Führungseigenschaften von Eltern). Herrscht beispielsweise kaltes Wetter, würde sich das Kind erkälten, wenn es leicht bekleidet nach draußen ginge. In dem Fall ist es sinnvoll, das Kind auch dann anzuziehen, wenn es dagegen protestiert. Es wäre keine Lösung, das Kind, um dem Konflikt zu entgehen, einfach in der Wohnung zu lassen. Auch hier gilt, dass das Motiv einer Handlung über deren moralische Qualität entscheidet. Genießt der Erwachsene seine Macht, werden seine „Anweisungen“ vom Kind anders empfunden, als wenn er aus Liebe zum Kind und seiner Gesundheit handelt. So gesehen geht es gar nicht um einen Machtkonflikt, sondern um einen Sach-Autoritäts-Konflikt. Die Autorität, die hier die Entscheidung fällt, ist ganz objektiv – in dem genannten Fall das Wetter draußen – und beide, der Erwachsene und das Kind, richten sich danach. Der Unterschied zwischen dem Erwachsenen und dem Kind liegt nur darin, dass der Erwachsene den ganzen Vorgang bewusstseinsmäßig überschaut und klare Richtlinien für die nötige Handlung angeben kann, das Kind hingegen noch nicht.

Bei den meisten Alltagskonflikten können diese drei Aspekte hinsichtlich Autorität und Führung entdeckt werden:

  1. die Sachautorität der Dinge und Vorgänge,
  2. die auf Macht gegründete Autorität des Erwachsenen,
  3. die Willkür-Autorität des Kindes.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Wille bedarf in jedem Lebensalter einer klaren Führung. Zunächst lässt sich das Kind durch ein Vorbild und die Bereitschaft, sich durch seine Sinneswahrnehmungen zu Handlungen motivieren. In der Zeit bis zur Pubertät lässt es sich durch das Wort der Erwachsenen und durch seine Sympathie zu ihnen leiten. Ist das gelungen, ist der Grund gelegt für eine Erziehung zur Freiheit, die den Heranwachsenden befähigt, nach der Pubertät seinen Willen, sprich die eigenen Handlungen, durch selbstständiges Denken zu lenken (vgl. Entwicklung: Entwicklung und Lernen ).

Vgl. Kapitel „Aggression und Aggressivität im Kindesalter“, Elternsprechstunde, Verlag Urachhaus, Stuttgart