Anthroposophie und Religion

Wie steht die Anthroposophie zur christlichen Religion?

Und wie zu anderen Religionen wie dem Hinduismus oder dem Islam?

Die größte, höchste, alles umfassende Inspirationsquelle der Anthroposophie ist das Mysterium von Golgatha, der Christus-Impuls (vgl. Christus heute: Das Mysterium von Golgatha als Zentralereignis). Dennoch ist Anthroposophie in erster Linie eine Wissenschaft und keine Religion (vgl. Anthroposophie: Anthroposophie als Weg zur Wahrheit) Sie hat kein Dogma, ist kein System, kein Kompendium von Verhaltensweisen. Nur weil das so ist, lässt sie sich – weltweit – auf jede Lebenssituation anwenden.

Moralische Impulse aus Erkenntnis

Und wie jede Wissenschaft ist sie unabhängig vom Moralstatus dessen, der sich damit befasst. Jeder kann an den Erkenntnissen Rudolf Steiners teilhaben, kann die „Theosophie“1 und andere Grundlagenwerke lesen – es liegt aber an dem Betreffenden selbst, inwieweit er Erkanntes umzusetzen versucht. Rudolf Steiner bringt es auf den Punkt, indem er sinngemäß sagt: „Die Anthroposophie ist nicht moralisch, aber sie wirkt auf die Moral.“

Wer eine Erkenntnis aus der Anthroposophie auf sich anwendet, dem gibt sie möglicherweise Impulse hinsichtlich seiner Moral (vgl. Anthroposophie: Anthroposophie als Menschheitsheilmittel). Es gibt nun zahlreiche Menschen, die die Anthroposophen anklagen, weil sie nicht moralischer sind als andere Menschen, manchmal sogar unmoralischer. Daran sieht man, was die Anthroposophie ist: ein Erkenntnis-Instrument. Sie ist weder eine Belohnung noch eine Garantie für gutes Benehmen.“ „Gutes Benehmen“ muss man erst einmal selbst erringen. Man muss es wirklich auch wollen. Da ist keiner, der von außen sagt, so oder so müsse man etwas machen – zumindest sollte es so sein.

Das verweist uns auf einen ganz delikaten Punkt auch in unseren Kreisen: auf die Rolle der Freiheit und damit auch die Rolle des Lehrers, der Autorität. Eine Wissenschaft ist sich selbst Autorität. Wer vieles weiß, fühlt sich jedoch oft auch autorisiert andere zu lehren – mit der Konsequenz, dass diejenigen, die auf solche selbsternannten Lehrer hören, von ihnen und dem, was sie lehren, abhängig werden. Der anthroposophische Weg setzt aber bei der Freiheit der Selbstschulung an (vgl. Selbsterkenntnis und Selbsterziehung: Der individuelle Schulungsweg). Wer „Die Philosophie der Freiheit“2 bereits studiert hat, weiß wo er steht. Er ist sich bewusst darüber, inwiefern er in seinem Denken schon autonom ist und wo noch nicht. Das ist alles, was für den einzelnen zählt, worauf es für seine weitere Entwicklung ankommt (vgl. Gottebenbildlichkeit des Menschen: Gottebenbildlichkeit des Ich).

Notwendigkeit direkter Offenbarung

Steiner sagte ganz lapidar, das Christentum hätte zwar als Religion begonnen, es wäre aber von größerer Bedeutung als irgendeine Religion es sein könnte, die christliche eingeschlossen. Das Christentum ist nicht nur eine Religion, es ist der umfassende, letzte Sinn dieser Schöpfung.

Eine der Schwächen des Kirchenchristentums ist, dass es so dogmatisch ist. Die Konfessionen, in die es sich aufgespaltet hat, sind in dem Sinne degeneriert, als sie sippenhaft geworden sind. Ich kenne viele katholische und protestantische Christen, die wesentlich weiter entwickelt sind als ihre Kirchenführer (vgl. Religion: Zukünftige Aufgaben der Religion): Sie würden als Katholiken sofort Protestanten an der Heiligen Messe teilnehmen lassen und umgekehrt, würden einen ökumenischen Gottesdienst wünschen oder Frauen zu Priestern weihen lassen. Aber die klerikale Konserviertheit und Tradition lässt das nicht zu. Das nur ein Beispiel von vielen.

Die zweite Schwäche ist der Verzicht auf die direkte Offenbarung. In der katholischen Kirche ist die direkte Offenbarung, der Kontakt zum Heiligen Geist, nur über die Kirche, die Ekklesia möglich. Dort ist laut ihrer Lehre der Heilige Geist zu Hause, nicht in einem individuellen Menschen. Der Papst darf kraft seiner Weihe stellvertretend für den Heiligen Geist ex cathedra sprechen. Er darf für die Kirche sprechen, darauf gründet er seine Macht. Kein Katholik darf das. Das heißt, man darf glauben, aber nicht direkt wissen. Die Anthroposophie dagegen baut als Erkenntnis-Christentum auf die direkte Offenbarung (vgl. Anthroposophie: Anthroposophie als Weg zur Wahrheit).

Ibrahim Abouleish und die Anthroposophie

Ich möchte an dieser Stelle die Geschichte von Ibrahim Abouleish3 erzählen. Als er die Anthroposophie kennen lernte, wurde ihm klar, dass er wieder zurück in sein Land nach Ägypten musste. Er stammt aus einer reichen Familie und war zum Studium nach Europa gekommen, hatte eine Österreicherin geheiratet und dann war ihm die Anthroposophie begegnet. Er studierte mit einer alten Anthroposophin in Wien „Die Philosophie der Freiheit“4. Dieses Buch packte in so, dass ihm klar wurde, dass er mit dieser Freiheit etwas tun musste. Er wollte kein schönes Leben in Österreich führen als Doktor der Chemie und Pharmazie. Er nahm also sein ganzes Geld, ging zurück in sein Land, kaufte dort ein Stück Wüste und machte es urbar, belebte es. Daraus entstand das berühmte SEKEM-Projekt3, für das er den „Alternativen Nobelpreis“ bekam. Die Initiative hat jetzt noch ein weiteres riesiges Stück Wüste gekauft. Mittlerweile kommen Stammesfürsten aus ganz Afrika, um sich das Projekt anzuschauen und zu lernen, wie in ihrem eigenen Land kaputte Böden wieder kultiviert werden könnten.

Neuer Zugang zum Islam

Das Beeindruckende ist aber, dass Ibrahim Abouleish sich durch die Anthroposophie seine eigene Religion, den Islam, ganz neu erarbeiten konnte. Seit er in Ägypten lebt, übersetzt er mit einer Gruppe von Menschen jeden Tag einen Abschnitt aus dem Koran und interpretiert ihn aus anthroposophischer Sicht, so dass sie ihn verstehen und etwas damit anfangen können.

Als ich das erste Mal dort zu Besuch war, lud er mich in die Waldorfschule ein. Auf dem Schulgelände steht eine kleine Moschee. Am Freitag findet morgens immer eine Schulfeier statt und danach gehen sie in die Moschee.

Normale Waldorfschulen veranstalten einmal im Quartal eine Monatsfeier. Steiner wollte, dass jeden Monat gemäß dem Rhythmus des Älterleibes so ein Fest gefeiert würde, an dem das Gelernte gebündelt und vorgezeigt werden sollte. Das gehört zu den vielen Dingen, die nicht mehr durchgeführt werden. Die Waldorfschule, wie Steiner sie angedacht hatte, ist noch ein Konzept der Zukunft.

Entwicklung sichtbar machen

Umso erstaunter war ich, dass in dieser Waldorfschule jeden Freitag alle Klassen auf die Bühne gehen und zeigen, was sie in der Woche gelernt haben. Sogar der Kindergarten darf auftreten. Daraufhin sagte ich zu Abouleish: „Weißt du nicht, dass Rudolf Steiner sagte, man sollte erst in der zweiten Klasse auf die Bühne gehen, damit nicht frühzeitig die Eitelkeit gefördert wird? Und du machst es mit dem Kindergarten! Und außerdem ist es doch eine Monatsfeier und keine Wochenfeier. Warum machst du das?“

Er sagte: „Ich kann dir genau sagen, warum wir das so machen. Wir haben es hier mit einer ganz anderen Kultur zu tun. In den arabisch-ägyptischen Sprachen gibt es kein Wort für ‚Entwicklung‘. Deswegen sind in unseren Moscheen nur Ornamente und keine Bilder zu sehen. Keine Bilder, die die Sehnsucht nach Entwicklung stimulieren könnten, sondern nur geometrische Muster als Abbild des Ewigen. Ich möchte aber, dass die Kinder, die bei mir aufwachsen, das Konzept der Entwicklung mitbekommen. Das können sie nur, wenn sie Entwicklung sehen, weil Entwicklung in Sprache und Bild nicht vorkommt. Der Wochenrhythmus, die Sieben, ist ein Entwicklungsrhythmus. Aus diesem Grund möchte ich, dass alle Kinder, vom Kindergarten bis zur Oberstufe, jede Woche sehen können, was die anderen gelernt haben, wie sie aussehen, wie sie sich benehmen und wie sie sich von Woche zu Woche mehr ändern.“

Das hat mich tief beeindruckt.

Vgl. Ausführungen vom IPMT in Santiago di Chile 2010

  1. Rudolf Steiner, Theosophie, GA 9.
  2. Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit. Grundzüge einer modernen Weltanschauung. GA 4. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1995.
  3. Dr. Ibrahim Abouleish, Ägypter, gründete 1977 SEKEM, das heute von seinem Sohn geleitet wird.
  4. Siehe FN 2.
  5. SEKEM ist eine Entwicklungsintiative auf 70 Hektar Wüste nordöstlich von Kairo. Das Unternehmen forciert den landesweiten Einsatz biologisch-dynamischer Anbaumethoden mit einer umweltverträglichen Schädlingsbekämpfung, insbesondere beim Baumwollanbau. Es betreibt Schulen, Arbeits- und Erziehungsprogramme, ein medizinisches Zentrum und eine Akademie für angewandte Kunst und Wissenschaften.