Über Ehe, Partnerschaft und Freiheit

Wie weiß man, ob der Freund, mit dem man zusammen ist, die Person ist, mit der man sein ganzes Leben verbringen wird?

Das Schöne ist, dass man es nicht weiß. Die einzige wichtige Frage ist, ob man es WILL. Wenn man es will, kann man es auch.

Das Geniale am Sakrament der Christengemeinschaft ist die Formulierung des Traurituals: Man verspricht einander die Lebensgemeinsamkeit. Man verspricht nicht, dass man nie mehr mit einem anderen zusammen sein will, dass man dies und jenes nicht tun würde. Vielmehr verspricht man dem anderen Menschen, ihm treu zu sein durch das ganze Leben hindurch und mit ihm gemeinsam zu leben. Man heiratet auch den Schicksalsumkreis des Freundes. Wenn das Interesse am andern nicht nachlässt, kann man auch Zeiten als bereichernd erleben, in denen andere Freundschaften dazwischen kommen. Man erzählt sich gegenseitig davon, man spricht darüber, weil es die Ehe, die Lebensgemeinsamkeit, nicht tangiert. Und selbst wenn es sie tangiert, bleibt es im menschlichen Bereich, solange man darüber spricht, und sich austauscht darüber, was man empfindet. Dann ist es möglich, einander selbst zu solchen Zeiten zu verstehen und zu begleiten. Auf diese Weise kann man auch Möglichkeiten finden, damit zurechtzukommen.

Darin äußert sich der zukunftsweisende Wunsch nach Freiheit (vgl. Ideale: Die Ur-Ideale – Wahrheit, Liebe und Freiheit). Der Individualismus und der Freiheitsdrang regen sich im Menschen, weil sie seine Zukunft sind. Wir brauchen neue Formen von Ehe und Gemeinsamkeit, in denen der Respekt vor dem Individuum erhalten bleibt. Man muss doch sein eigenes Leben weiterleben können, auch wenn man verheiratet ist. Wer weiß denn, wen man noch treffen wird, welche Erfahrungen noch auf einen zukommen. Andererseits ist es etwas unheimlich Schönes, mit einem Menschen zusammen alt zu werden. Das ist wirklich etwas Tolles.

Persönliche Erfahrung

Ich bin jetzt 34 Jahre mit meinem Mann zusammen. Er ist 12 Jahre älter als ich, ist quasi schon ein alter Mann. Wir merken aber, die Ehe wird immer schöner durch das Reifer- und Weiser-Werden und die Fähigkeit, die Dinge anders zu sehen. Man kann über vieles ganz anders sprechen, wenn man älter wird. Diese Qualitäten können nicht erlebt werden, wenn man aus Angst vor einer Bindung nur Lebensabschnittepisoden und -partnerschaften lebt. Diese Partnerschaften sind viel besser als nichts, doch die vorhin beschriebene Lebensgemeinsamkeit ist ein Schulungsweg, auf dem man unglaublich viel lernt. Viel mehr, als wenn man sich nur den geeigneten Partner für den letzten Entwicklungsstand aussucht (vgl. Partnerschaft und Ehe: Vom Sinn der Lebenslänglichkeit).

Für mich besteht das Ideal der Ehe darin – und das versuchen mein Mann und ich zu leben – dass man beides kombiniert: dass jeder machen kann, was er will, und dass man trotzdem zusammen lebt. Freiheit und Liebe sollten im Gleichgewicht sein – es sollte nicht eines gegen das andere ausgespielt oder auf Kosten des anderen gelebt werden. Man braucht keine Angst zu haben zu heiraten. Wenn man die Ehe als Gefängnis erlebt, ist das furchtbar. Viele junge Leute wollen aus diesem Grund heute nicht mehr heiraten.

  • Viele sagen heute: „Ich will frei bleiben, also heirate ich nicht.“
  • Das andere Extrem wäre zu sagen: „Ich liebe meinen Partner und deshalb ist er jetzt mein Besitz.“ Sich gegenseitig die Freiheit einzuschränken und sich ständig Vorwürfe zu machen, ist ein totaler Albtraum.

Freiheit und Liebe kombinieren

Dabei geht es darum, Freiheit und Liebe zu kombinieren - und genau das wird im Trauritual der Christengemeinschaft formuliert. Kinder erinnern sich ja auch gerne ein Leben lang an ihre Kindheit, sie behalten ihren Namen und bleiben ihren Eltern ein Leben lang verbunden, auch wenn sie eines Tages von zuhause weg gehen und die eigene Freiheit genießen.

Warum sollte man das mit dem eigenen Partner nicht auch diese Freiheit in Liebe zugestehen?

Das ist in der Ehe auch möglich - wenn man zusammenbleibt. Es bedeutet einen großen Kraftzuwachs, wenn man sich im täglichen Leben hilft und beisteht und sich über diese Basis hinaus auch echt für das Schicksal des anderen interessiert. Dann versteht man, warum der Partner welche Freunde hat, warum vieles bei ihm so ist, wie es ist, und warum er manche Sachen nicht mag und nicht macht, die man selbst mag und macht.

Mann und Frau sind so unterschiedlich! Wenn man zusammenlebt, merkt man erst, wie einseitig man ist (vgl. Partnerschaft und Ehe: Männliches und weibliches Fühlen und Wollen). Das zu erkennen ist ganz wichtig für die eigene Entwicklung. Wenn man mit Freunden zusammen ist, ist man viel weniger individuell und „einzeln“, als wenn man mit jemandem zusammen lebt, der bis in die Ausgestaltung des Körpers wirklich anders ist.

Aus einem Gespräch mit jungen Menschen, IPMT in Santiago di Chile 2010