Ideal und Prinzipien der Waldorfpädagogik

Wie lassen sich die Prinzipien der Waldorfpädagogik auf den Punkt bringen?

Welche Anforderungen werden dabei an den Lehrer gestellt?

Das Ideal der Waldorfpädagogik darzustellen ist leicht, es umzusetzen ist schwer. Ich wage dies so zu formulieren, da ich selbst unterrichtend tätig war und weiss, dass der Lehrerberuf de facto der anstrengendste Beruf ist (vgl. Lehrertugenden und Professionalität). Arzt zu werden bringt auch Herausforderungen mit sich, doch von anderer Art. So habe ich vor Prüfungen oder Examen auf dem Gebiet der Medizin keine schlaflosen Nächte verbracht, vor einer ersten Epoche in einer neuen Klasse einer Waldorfschule dagegen wohl! Ich kannte als ungeübte Lehrerin – d.h. als Schulärztin, die hin und wieder eine Epoche gibt in Menschenkunde, Biologie, Chemie oder in Erster Hilfe und Gesundheitslehre – die Klassen noch nicht, nur einzelne Schüler. Ich memorierte die Namen der Schüler, ihre Sitzordnung, die „schwierigen Schüler“, auf die ich besonders achten sollte. Ich hatte Sorge, guten Kontakt zu allen zu bekommen, ihnen gerecht zu werden, mit dem Inhalt so einzusteigen, dass es die Klasse erfasst usw.

Eine weitere Herausforderung besteht darin, eine authentische Haltung gegenüber den Idealen der Waldorfpädagogik zu entwickeln, um nicht den Gefahren eines falschen Idealismus zu erliegen.

Sich der Idee erlebend gegenüberstellen

Anhand von Wolfgang Schmidbauers Buch „Alles oder nichts" mit dem sprechenden Untertitel „Über die Destruktivität von Idealen"1, wird einem das Problem eines falschen Idealismus rasch klar. Ideale entarten nur dann nicht zu einer destruktiven moralischen Forderung und führen in die Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung, wenn man sie sich selbst erarbeitet hat, wenn sie das Konzept sind, nach dem man sein Leben und seine Arbeit ausrichtet. Ist das nicht der Fall, sollte man ehrlicherweise sagen: Das will ich nicht – und gehen. Man sollte dorthin gehen, wo man die Ideen verwirklichen kann, die zu einem passen.

Rudolf Steiner sagt zur Frage des Idealismus und seiner möglichen Gefahr: „Jede Idee, die dir nicht zum Ideal wird, ertötet in deiner Seele eine Kraft; jede Idee, die aber zum Ideal wird, erschafft in dir Lebenskräfte.“2 Am Ende der Philosophie der Freiheit heißt es: „Man muss sich der Idee erlebend gegenüberstellen können, sonst gerät man unter ihre Knechtschaft.“3Ideale dagegen, mit denen man sich wirklich identifiziert, befeuern und geben Kraft (vgl. Ideale: Ideale als Kraftquelle).

Heilende Prinzipien

Doch obwohl mir bewusst ist, wie schwer es ist ein „guter Waldorflehrer“ zu werden, wage ich zu behaupten, dass die Waldorfschule eine ideale Inklusionsschule ist. Im Folgenden möchte ich die heilenden Prinzipien der Waldorfpädagogik, die Lehrern helfen können bei ihrer pädagogisch-therapeutischen Arbeit, aus meiner Sicht und Erfahrung näher ausführen.

• Charakterisieren statt definieren

Das Allerwichtigste ist das Charakterisieren anstelle des Definierens – egal, ob es um Lehrinhalte oder um die Beurteilung von Schülern geht. Es gibt Lehrer, bei denen sich die Schüler verurteilt fühlen, wie auf dem Schafott. Bis in die Abiturklasse erlebte ich in meiner Schulzeit, dass Tränen flossen bei Schülern an der Tafel oder wenn sie vor der Klasse standen, weil sie sich verurteilt fühlten.

Völlig anders wirkt es, wenn ein Lehrer das Können und das Engagement eines Schülers charakterisiert, indem er den Prozess beschreibt und bereits den guten Ansatz lobt bzw. den Mut des Betreffenden an die Tafel zu kommen. Wenn er ihm darüber hinaus vermittelt – ‚Ich helfe Dir, ich unterstütze Dich‘ – ist schon viel gewonnen. Wenn das Kind trotzdem total blockiert ist oder ein Black-out hat, wird er das klar benennen und es eventuell später nochmals drannehmen. Durch die Art, wie er mit einem solchen Moment umgeht, wie er den Prozess charakterisiert, wird das Kind nicht bloßgestellt, sondern als normal behandelt. Es erlebt, dass das alles im Leben vorkommen darf. Ein Kind muss lernen dürfen, mit Blockaden zurechtzukommen – die es ja bei Erwachsenen auch gibt. Durch das Charakterisieren bejaht der Lehrer all diese Prozesse, die Teil der Entwicklung sind.

Urteile sind Endstationen

Definitionen und Urteile sind dagegen immer „Endstationen“, das betrifft nicht nur den Lernprozess, sondern auch die Lerninhalte: Jeder Schüler kann selbst auf die Definitionen kommen, indem er die zugrunde liegenden Gesetze zu finden lernt – entweder mithilfe der vom Lehrer geschilderten Charakteristik oder anhand seiner eigenen Beobachtungen. Wer charakterisiert, beschreibt den (oft künstlerischen) Prozess, wer definiert, umreißt die wissenschaftliche Endstation. In Bezug auf den Unterrichtsprozess sollte man sich klarmachen: Vorgegebene Endstationen ermöglichen keine Weiterentwicklung. Sie müssen vom Schüler selbst gefunden werden, bevor man zum nächsten Thema weitergeht. Deswegen folgt der Unterricht schrittweise diesem Rhythmus:

  • Ein Experiment wird beobachtet und genau beschrieben.

Ich fand das mühsam in meiner Schulzeit, ich wollte sofort die dazugehörige Gesetzmäßigkeit erfahren. Einseitige Kinder, die Sackgassen lieben, reagieren allergisch auf all das Beschreiben, weil sie schnell zum nächsten Thema springen wollen. Doch genau wahrzunehmen und zu beobachten ist genauso wichtig wie das Feststellen von Gesetzmäßigkeiten.

  • Am nächsten Tag darf der Schüler das zugrundeliegende Gesetz selbst entdecken und formulieren.

Das ist etwas sehr Spannendes und setzt in die Praxis um, was Rudolf Steiner behauptete: Alle Erziehung wäre Selbsterziehung und der Lehrer hätte nur die Aufgabe, das richtige Ambiente, die richtige Umgebung zu schaffen, damit sich das Kind in und an dieser Umgebung selbst so erzieht, wie es seinem Schicksal gemäß ist und wie es das auf bestmögliche Art und Weise vermag. Diesem Ideal folgt unsere Unterrichtsmethodik.

• Freudig aus Fehlern lernen

Eine solche Haltung bedeutet, dass der Lehrer sich über die Fehler des Schülers freuen kann, weil dieser an dem kleinen Schmerz, etwas nicht zu können, aufwacht und sich jetzt engagiert, es richtig zu lernen. Auch Lehrer sind nur Menschen mit Eitelkeiten. Deswegen müssen sie sich immer wieder vergegenwärtigen, dass es zu den Lehrertugenden gehört, Ehrfurcht gegenüber Wahrheit und Erkenntnis zu vermitteln und nicht vor dem eigenen Wissen. Lehrer sind nur deshalb Könner, weil etwas von der weltenschaffenden Wahrheit durch sie hindurch wirkt. Deshalb sollten sie mit ihrem angehäuften Wissen nicht angeben...

• Lernbegierde pflegen

In einem Morgenspruch sagt Rudolf Steiner: „…dass ich kann arbeitsam und lernbegierig sein.“ Lernbegierde ist nicht gleichzusetzen mit Ehrgeiz. Sie ist die Sehnsucht nach Entwicklung, die deutlich zu unterscheiden ist vom Ehrgeiz, der Angst macht und Konflikte hervorruft. Lernbegierde verbindet alle. Wenn in einer Klasse Ehrgeiz ausbricht, kommt es zu problematischen Verhaltensweisen: Einer sticht den anderen aus; man möchte mehr scheinen, als man ist; der Schein wird wichtiger als die Fähigkeit. Lernbegierde wirkt sich dagegen positiv aus.

• Weltinteresse wecken

Eine weitere Aufgabe des Lehrers als Weltenbürger ist es, Weltinteresse zu wecken. Das ist wiederum eine Frage der Haltung: frei, offen, freilassend und neugierig zu sein. Von Rudolf Steiner wird berichtet, dass er einmal bei Eugen Kolisko im Chemieunterricht hospitierte, als dieser die Knallgasreaktion zeigte, die einen lauten Knall erzeugt. Rudolf Steiner soll so erschrocken sein, dass er vor Schreck aufsprang – weil er ganz in die Wahrnehmung versunken war wie ein neugieriger Schulbub und mehr erschrak als alle anderen.

• Gesundes Selbstvertrauen vorleben

Der Lehrer ist im Optimalfall ein vertikaler Mensch, der gesundes Selbstbewusstsein (vgl. Selbstbewusstsein: Selbstbewusstsein erringen als Erwachsener), Sicherheit, Kompetenz und Großzügigkeit ausstrahlt; der das Positive lobt und seine Schüler ermutigt, aus dem Negativen zu lernen. Rudolf Steiner nannte vier Stärkungsmöglichkeiten der Lehrertugenden, für jedes Wesensglied eine:

  1. Das Ich wird durch jede noch so kleine Aktion oder Initiative gestärkt (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Begabungen der Ich-Organisation).

  2. Der Astralleib wird jedes Mal gestärkt, wenn wir Interesse für etwas aufbringen (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Begabungen des Astralleibes).

Rudolf Steiner sagte, der Lehrer möge ein Mensch sein, der für alles Weltliche und Menschliche Interesse hat. Das ist das Gegenteil von Aussprüchen wie: „Das gehört nicht hierher!“ Man kann sagen – „Darüber sprechen wir in der Pause“ – aber niemals: „Das ist nicht interessant!“ Es geht vielmehr darum, für all die interessanten Dinge den angemessenen Ort zu finden. (Sonst lenken die Schüler die Lehrer nur ab und lassen sie andere Themen aufgreifen, als sie unterrichten sollen…)

  1. Wahrhaftigkeit stärkt den Ätherleib (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Begabungen des Ätherleibes).

Der Lehrer soll üben, in seinem Inneren keinen Kompromiss in Bezug auf die Wahrheit zu schließen. Im Äußeren ist es oft nötig, im Inneren darf es nicht sein.

  1. Die beste Übung für den physischen Leib ist, nicht „sauer“ zu werden, die eigenen Aggressionen bzw. die eigene Bitterkeit beherrschen zu lernen (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Begabungen des physischen Leibes).

Die natürliche Physiologie unseres Blutes beruht auf einem Säure-Basen-Gleichgewicht: Unser Blut soll weder alkalisch-bitter, noch angesäuert sein. Indem man das vom Seeli-schen her unterstützt, fördert man die Salz-Struktur, das Säure-Basen-Gleichgewicht des physischen Leibes. Ich habe immer den Eindruck, die Worte – „Ihr seid das Salz der Erde“4 – beziehen sich auf diese 4. Lehrertugend und sind eine Aufforderung, das elektrolytische Gleichgewicht in Blut und Interstitium zu unterstützen. „Nicht versauern!“5, sagt Rudolf Steiner auch. Es dürfe keinen „sauren“ Lehrer geben. Das ist natürlich ein hartes Wort und zugleich ein hoher Anspruch, der vor allem die Lehrer als Profis betrifft und nicht die Eltern (vgl. Lehrertugenden und Professionalität).

Vgl. „Hilfen im Umgang mit Angst im Schulalter“, Vortrag auf der Schulärztetagung 2013

  1. Wolfgang Schmidbauer, Alles oder nichts. Über die Destruktivität von Idealen. Rowohlt, Reinbek 1987.
  2. Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? Kap. Bedingungen. GA 10. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1993.
  3. Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit. GA 4. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1995.
  4. Neues Testament, Matthäus 5, 13.
  5. Rudolf Steiner, Erziehungskunst. Methodisch-Didaktisches. GA 294, S. 193.