Warum wir eigenaktiv Bewusstseinskräfte entwickeln müssen

Wohin wollen und können wir uns als Menschen entwickeln?

Was ist mit dem Menschen als „Krone der Schöpfung“ gemeint?

Inwiefern hat der Mensch eine Sonderstellung im Kontext der Naturwesen?

Was Krone der Schöpfung zu sein bedeutet

Der Mensch ist ein sehr interessantes Wesen. In der Bibel wird er sogar „Krone der Schöpfung“ genannt. Das bedeutet meiner Auffassung nach, dass die Natur als Schöpfermacht in jedem von uns ihr Schöpfungswerk bewusst vorzeitig beendet hat, damit etwas entwickelt werden kann, was nur wir selbst – als Krönung – entwickeln können. Deshalb sind wir Menschen als unvollkommene Wesen mit weiterem Entwicklungsbedarf erschaffen worden.

Anders als die Tiere können wir uns nicht auf unsere Instinkte verlassen. Das wirkt auf den ersten Blick unlogisch. Die Schöpfung hat mühelos, vollkommene Pflanzen und Tiere als aktive, mobile, hochspezialisierte, fähige Lebewesen hervorgebracht. Für uns Menschen dagegen hat die Natur nicht festgelegt, wie wir zu sein haben, obwohl das für die Schöpfungsmächte ein Leichtes gewesen wäre. Das hat gute Gründe: Den Menschen zeichnet eben aus,

  • dass er auf der einen Seite in der Lage ist, die liebevollsten Handlungen zu vollbringen,
  • dass er andererseits aber auch fähig ist, die Erde zu zerstören und Mord und Totschlag zu verüben.

Verzicht auf Spezialisierung

Es gibt noch einen weiteren Aspekt. Vergleicht man die Embryonalentwicklung der Tiere mit derjenigen der Menschen, kann man etwas Merkwürdiges bemerken. So hat beispielsweise der Embryo eines Vogels, der später Flügel ausbildet, in einer frühen Phase wunderbare fünf Finger, ähnlich einer menschlichen Hand. Auch der Embryo eines Schweines, das später Hufe entwickelt, weist fünf Finger auf. Es ist eine entwicklungsdynamische Tatsache, dass allen warmblütigen Wirbeltieren als Embryo die Menschengestalt wie eingeschrieben ist. Irgendwann kommt jedoch ein Punkt in ihrer Entwicklung, ab dem die Tierembryos sich spezialisieren und Hufe, Schwänze, Klauen und Krallen ausbilden, denen man ansehen kann, wozu sie gut sind und was die Tiere damit machen können.

Der menschlichen Hand sieht man jedoch nicht an, ob sie im nächsten Moment einen Dolch ergreifen oder liebevoll streicheln wird. Was uns von den Tieren grundsätzlich unterscheidet, ist also der Verzicht auf Spezialisierung, der Verzicht auf eine „von Natur aus“ perfekte Entwicklung. Anders ausgedrückt: Wir Menschen verzichten darauf, von Natur aus vollkommen zu sein. Schon Platon hat den Menschen in seinem Dialog „Protagoras“ als „defizitäres Wesen“ charakterisiert.

Identitätskrise des Menschen

Als Ärztin konnte ich beobachten, dass die meisten Menschen deshalb ärztlichen Rat suchen, weil sie ihren Instinkten nicht vertrauen können, weshalb sie nicht einmal mit den natürlichsten Bedürfnissen sicher umgehen können: wieviel Schlaf jemand braucht, wie man sich richtig ernährt, ganz zu schweigen vom Umgang mit den Fortpflanzungskräften. Es gibt in Bezug auf diese existentiellen Themen einen großen Beratungs- und Lernbedarf und auch jede Menge Ratgeber, Zeitungsartikel, Broschüren dazu.

Wir sagen zwar alle „ich“ zu uns, sind uns aber unserer Identität nicht sicher. Wir sind Geschöpfe, die weder wissen, wer sie wirklich sind, noch, was sie auf diesem Planeten sollen. Wir neigen ständig dazu, uns „daneben zu benehmen“. Das ist keine angenehme Rolle, die wir da spielen. Deswegen kann man jeden, der keine Orientierung hat und sich deshalb zu betäuben versucht, verstehen. Wir werden in den nächsten Jahrzehnten erleben, dass viele Drogen legalisiert werden. Es wird normal werden, sich zu betäuben bzw. zu stimulieren, um sich ein paar Stunden am Tag „besser drauf“ zu fühlen. Wenn man diese Zusammenhänge nüchtern betrachtet, versteht man die heutige Zeit und das ständige Hinterfragen der eigenen Identität viel besser.

Die Notwendigkeit zur Selbstschulung, zu der auch die Möglichkeit gehört, die sogenannten Nebenübungen zu machen, kann man eigentlich erst vor dem Hintergrund dieser Menschenkunde richtig begreifen: dass wir eigenaktiv Bewusstseinskräfte entwickeln müssen, um zu ersetzen, was Körper und Seele instinktiv nicht leisten können.

Vgl. Vortrag „Das eigene Menschsein entwickeln“, gehalten im Rudolf-Steiner-Haus, September 2024