Ausdrucksformen der Bewusstseinsseele
Was kennzeichnet die Entwicklung der Bewusstseinseele?
Wie unterscheidet man positive und negative Entwicklungen?
Inwiefern ist der Transhumanismus Ausdruck der Bewusstseinsseelenentwicklung?
Anthroposophie und Bewusstseinsseele
Anthroposophie handelt per definitionem von der Bewusstseinsseelenqualität: vom Verstehen, was es bedeutet, ein individueller Mensch zu sein (vgl. Anthroposophie: Anthroposophie als Geisteswissenschaft): „Sophia" = Wissen, „Anthropos" = Mensch. Die Bewusstseinsseele kann sich erst entfalten, wenn der Mensch bewusst beginnt, seine individuellen Ich-Kräfte zu entfalten und Verantwortung für die Gestaltung seiner physischen Umgebung zu übernehmen.
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Wer dagegen noch das Bedürfnis hat irgendwo dazuzugehören (Thema der Empfindungsseele),
- oder von Unsicherheit und grundsätzlichen philosophischen Fragen geplagt wird (Fragestellungen der Verstandesseele),
holt noch Aspekte früherer Seelenzustände nach und hat die Entwicklung hin zur Bewusstseinsseele noch nicht zur Gänze vollzogen.
Erst wenn der Mensch bereit ist, sich mit ewigen Idealen und spirituellen Zielen zu verbinden, vollzieht sich gleichsam eine „zweite Geburt", gebiert er sein wahres Ich.
In der „Theosophie”1 spricht Rudolf Steiner vom „Aufleuchten des Ewigen im Ich”: Das ist der Kern dessen, was als Bewusstseinsseele bezeichnet werden kann. Durch dieses Aufleuchten des Ewigen in sich erlangt der Mensch ein Bewusstsein von seinem wahren Menschentum.
Egoismus versus Selbstverantwortung
Rudolf Steiner beschreibt zwei mögliche individuelle Ausdrucksformen der Bewusstseinsseele, eine positive und eine negative:
- Egoistische Fehlentwicklung
Eine Art Fehlentwicklung wäre, dass man mürrisch, lebensverneinend und egozentrisch wird. Man sieht die Welt aus dem eigenen Egostandpunkt heraus und konzentriert sich überall nur auf das Negative, Herunterziehende. So wird man zum verhärmten Egoisten, der sich in seiner Selbstzentriertheit immer nur über Missstände beklagt und gleichzeitig am Rest der Welt teilnahmslos vorbeigeht.
- Entwicklung von Selbstverantwortung
Anzeichen einer positiven Entwicklung wäre, dass man die Einsamkeit, welche die Bewusstseinsseelenentwicklung mit sich bringt, als Chance nützt, selber herauszufinden, was man mit seinem Leben machen will, wie man sein Selbst individuell und eigenverantwortlich gestalten möchte. Diese Haltung ist die Voraussetzung, dass sich die Bewusstseinsseele überhaupt entwickeln kann und man zunehmend wach wird für die individuellen und spirituellen Entwicklungsmöglichkeiten.
Zwei Entwicklungsrichtungen des menschlichen Bewusstseins
Darüber hinaus gibt es zwei Entwicklungsperspektiven, die die ganze Menschheit betreffen: eine vom Materialismus geprägte und eine am Geistigen orientierte.
- Transhumanismus als materialistische Ausdrucksform
Die eine Strömung der Menschheit definiert sich rein über die Materie und entwickelt ein KI-gesteuertes Maschinenbewusstsein, also ein transhumanistisches Identitätsbewusstsein. Der Mensch begreift sich im Transhumanismus als Maschine, deren Teile beliebig technisch optimiert werden können. Ziel dieser Strömung ist das Erreichen von ewigem Leben durch elektronische Übertragung des Bewusstseins auf einen Avatar: Man möchte als reines Bewusstsein von sich selbst weiterleben. Auch das ist Ausdruck von „Bewusstseinsseelenqualität", jedoch im rein materialistischen Sinne.
- Geistige Entwicklung als übersinnliche Ausdrucksform
Der andere Teil der Menschheit strebt danach, die Schwelle zur geistigen Welt zu überschreiten, sprich: durch das Nichts zu gehen und so die seelisch-geistige Leibfreiheit und die damit einhergehenden Entwicklungsmöglichkeiten zu entdecken (vgl. Biographiearbeit: Das Stehen vor dem Nichts als Schwelle). Hier geht es darum, den Leib so zu verwandeln, dass er Instrument der Seele und des Geistes wird. Das Ziel ist die geistige Weiterentwicklung und so der ewigen Identität zu dienen (vgl. Menschheitsentwicklung: Individualisierung als Entwicklungsmotiv).
In der heutigen Zeit, die auch als „Apokalypse", als „Aufdeckung” im wortwörtlichen Sinn aufgefasst werden kann, stehen beide Richtungen in starker Spannung zueinander.
Mit der Angst vor dem Geist empathisch umgehen
In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns heute bei jeglicher Beratungstätigkeit. Die Menschen sind zwischen den beschriebenen Polen wie hin- und hergerissen, sind in höchstem Maße verunsichert. Sie haben Angst vor dem Geist, weil man ihn nicht sehen und beweisen kann (vgl. Geist und geistiges Wesen: Geisterkenntnis und Freiheit). Deshalb halten sich viele lieber an das, was machbar erscheint, wie das downloaden des eigenen Bewusstseins in einem virtuellen Raum, der aber doch irgendwie greifbar erscheint.
Ich finde es ganz wichtig, dass wir mit größter Empathie versuchen, uns in das transhumanistische Denken hineinzuversetzen, ohne es zu verurteilen. Nur so beginnen wir die Mission des Materialismus wirklich zu verstehen: dass Ziel des Materialismus ist, dem Menschen die Entscheidungsfreiheit im Bewusstsein zu ermöglichen. Welche Art Mensch man werden will, kann und muss jeder selbst entscheiden (vgl. Freiheit: Freiheit und Würde des Menschen).
Vgl. Vortrag „Was wir Rudolf Steiner für die Biografiearbeit verdanken“ sowie Vortrag „Freiheit im Zeitalter der Bewusstseinsseele“, beide in Kassel Herbst 2025 gehalten
- Rudolf Steiner, Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung, GA 9.

