Biografiearbeit als ein Schlüssel zu einem neuen Selbstverständnis – die zweite Geburt in der Biografie1

Wenn man diesen Titel des Vortrages bedenkt, kann man das Wort „neu“ irritierend finden:

Wieso müssen wir unser Selbstverständnis in ein altes und ein neues gliedern?

Wir leben drei Leben: unser ganz persönliches Leben, unser soziales Leben und unser Leben als Zeitgenosse*in, durch das wir am Schicksal der ganzen Menschheit Anteil haben. Alle drei Wege provozieren Fragen nach der eigenen Identität:

Wer bin ich?

Was ist mein Weg?

Wie werde ich von den Menschen in meinem Umkreis gesehen?

Was ist der Mensch – was heißt es für mich, ein Mensch zu sein oder besser: ein Mensch zu werden?

Wie kann man ein Selbstverständnis finden, das einen festen Mittelpunkt in sich selber hat, der nicht mehr zu verunsichern ist, der so stabil ist, dass man ihn sogar durch die Todespforte tragen kann?

In den spirituellen Traditionen und auch im Christentum gibt es die wunderbare Lehre von zwei Geburten und von zwei Toden: Man kann zweimal geboren werden und zweimal sterben.

In der Biografiearbeit arbeiten wir in diesem Spannungsfeld zwischen dem alten und dem neuen Selbstverständnis. Im Durcharbeiten der eigenen Biografie sollen die Fragen so gestellt werden, dass dieser Punkt leichter zu finden ist:

Wer bin ich eigentlich?

Wie kann ich mir ein neues, ewiges stabiles Ich und Selbstbewusstsein erringen?

Unterschiede zwischen Mensch und Tier

Wenn wir unsere menschliche Lebenszeit, die heute ungefähr 80 Jahre dauert, vergleichen mit der Lebenszeit von Tieren und Pflanzen, können wir einen deutlichen Unterschied beobachten. Die Lebenszeit bei Tieren und Pflanzen ist von der Natur wunderbar geregelt, d.h. wer nicht lebensfähig ist, geht in den Kreislauf der Natur zurück. Da gibt es keine Geburtshilfen oder Kliniken, keine erzieherischen und entwicklungsfördernden Maßnahmen; es gibt nur die natürliche Zuwendung der Muttertiere zu den Jungen. Alles ist großartig vom Instinkt her gesteuert. Und wenn keine Katastrophen oder andere Eingriffe passieren, haben die verschiedenen Arten eine für sie typische Lebenszeit. Tieren sterben in der Regel, wenn sie sich nicht mehr ernähren können, oder sie werden gefressen, weil sie in der Nahrungskette für andere Lebenswesen Futter sind.

Das ist bei uns Menschen vollkommen anders: Die Lebenszeiten sind verschieden, durch Krankheit, Unfälle und Schicksalseingriffe ist unser Leben individuell begrenzt. Der Hauptunterschied, und das hat schon Platon in seinem Dialog Timaios ausgeführt, besteht darin, dass wir als Menschen defizitär sind. Wir haben im Vergleich zu Tieren ein enormes Instinktdefizit, d.h. von Natur aus können wir nur wenig zu unserer Entwicklung beitragen, weil alles davon abhängt, welche Lernprozesse uns ermöglicht werden durch ein mehr oder weniger entwicklungsförderndes menschliches Umfeld.

Ständig wechselndes Selbstbild

Mit dieser Tatsache des Defizitären gliedert sich die menschliche Biografie von vorneherein in drei wesentliche Grundorientierungen, man könnte auch sagen: Wir leben drei Leben. Das ist als erstes ein persönliches Leben: wie wir uns selbst erleben, welche Identität wir uns im Laufe des Lebens zusprechen. Wir erleben uns als Kind oder in der Pubertät völlig anders, auch anders, wenn wir verliebt sind und geliebt werden oder gerade von jemand verlassen werden; wir erleben uns verschieden je nach unserem Beruf und auch, wenn wir diesen wechseln; das Selbsterleben geht bis dahin, dass manche ihr eigenes Geschlecht infrage stellen. Wenn wir im Laufe unserer Entwicklung zurückblicken, haben wir unser Selbstverständnis ständig geändert, umdefiniert, gewandelt. Wir stellen uns immer wieder neu infrage – unsere Identität ist nicht sicher, sie ist abhängig davon, wo wir gerade stehen.

Auch unser Selbstbild wechselt, ist wandelbar, je nachdem, wie das soziale Umfeld auf uns reagiert. Wenn wir viel Bejahung bekommen, entwickeln wir ein kräftiges Selbstgefühl und es geht uns gut. Werden wir abhängig von dieser Bejahung, kann man feststellen, welche riesige Angst man vor Anerkennungsentzug hat. Man macht dann vielleicht Dinge, um anderen zu gefallen, die man aber vor dem eigenen Gewissen gar nicht wirklich verantworten kann. In der Psychologie würde man sagen, dass dieses Selbstbild von einer Außensteuerung abhängig ist.

Unser „provisorisches Ich“

Diese persönliche und soziale Unsicherheit, die zunächst unsere Biografie prägt, würde ich als ein „altes Identitätserleben“ verstehen. Dieses ist ambivalent, unsicher, störbar, alles ist im Prozess. Rudolf Steiner prägte für dieses alte Selbstverständnis zwei Ausdrücke: „Vorläufiges Ich“, und an einer anderen Stelle spricht er vom „provisorischen Ich“. Letzteren Begriff finde ich ein wenig besser; provisorisch macht deutlich, dass man „etwas“ hat, beispielsweise den eigenen Namen kennt, die Familie, den Beruf etc. Aber wenn mich jemand fragt: „Wer bist du wirklich? Lebst du wirklich das Leben, das du willst oder das du musst?“, komme ich schon eher ans „Eingemachte“ und sage vielleicht: „Ich bin unterwegs, in Entwicklung oder bei mir ist gerade Baustelle, ich funktioniere äußerlich noch ganz prima, aber weiß innerlich nicht ein noch aus.“ Man kommt an eine andere Schicht, wenn man Menschen fragt:

Wie geht es dir denn wirklich?

Wer bist du eigentlich?

Deshalb gibt es in den spirituellen Traditionen und auch im Christentum die wunderbare Lehre von zwei Geburten und von zwei Toden, man kann zweimal geboren werden und zweimal sterben. Die zweite Geburt wird im Johannes-Evangelium im dritten Kapitel geschildert „Man wird aus Wasser und Geist neu geboren.“ Nikodemus, ein weiser, angesehener Mann aus dem Bereich der priesterlichen Juden und Schriftgelehrten, kommt zu Jesus in der Nacht und fragt ihn: „Was muss ich denn tun, um in das Reich Gottes zu kommen und die Ewigkeit zu erwerben?“ Er fragt im Grunde nach seinem ewigen Ich, nach dem Göttlichen in sich selbst. Da wundert sich Jesus und erwidert: „Du bist doch ein Meister in Israel, weißt du das nicht? Der Mensch muss zweimal geboren werden. Einmal aus der Mutter Schoß und einmal aus Wasser und Geist.“

Die zwei Anteile der ätherischen Organisation

  • Flüssigkeitsorganismus – leibgebundener Anteil

Wasser ist der Träger des Lebendigen, ist Grundlage alles Zirkulierenden und Prozessualen, auch Grundlage der Lebenszeit. In der anthroposophischen Menschenkunde wird der wässrige Anteil bzw. Organismus des Menschen Flüssigkeitsorganismus genannt. Wir bestehen aus ca. 70% Flüssigkeit, die ständig in Zirkulation ist. Sie ist Träger all der Gesetze, die in ihrer Summe das Leben ausmachen.

Leben ist eine sehr komplexe Erscheinung, die aus unglaublich vielen Gesetzmäßigkeiten besteht, alleine wenn wir die Biochemie betrachten, alles, was an Stoffumwandlung im menschlichen Organismus stattfindet, Wachstum, Entwicklung, Regeneration, die Überwindung von Krankheitsprozessen in Heilprozesse etc. Diese komplexe Lebenstätigkeit nennt Rudolf Steiner „ätherische Organisation“. Wir brauchen ein Verständnis der ätherischen Organisation, um diese Stelle der zweiten Geburt im Johannes-Evangelium zu verstehen.

  • Gedankenorganismus – leibfreier Anteil

Aber was bedeutet „aus Geist geboren“? Was ist Geist?

Rudolf Steiners stellte die grandiose Frage:

Was passiert, wenn alle Lebensgesetzlichkeiten, die im Körper wirksam sind, um Wachstum zu ermöglichen, im Körper nicht mehr gebraucht werden, z.B. weil die Regeneration nachlässt oder weil das Wachstum beendet ist?

Diese Kräfte, die der Körper für seine eigene Regenerationstätigkeit nicht mehr braucht, gehen aus dem Körper wieder heraus und bilden die gedankliche Aura, in die jeder Mensch eingebettet ist. Das Gedankenleben umgibt unseren Kopf und unsere Gestalt, es reflektiert sich am Gehirn. Das Gehirn ist ein Gedankenreflexionsapparat, wenn es gesund ist; wenn es erkrankt, kann es die Gedanken nicht mehr reflektieren. Aber es ist auf keinen Fall ein Gedankenproduktionsapparat – das konnte noch kein Mensch nachweisen. Denn die Gesetze des Lebens kommen ja nicht aus der Substanz, sondern sie bilden die Substanz. Das kann man wunderbar sehen am Übergang vom Mineralreich zum Pflanzenreich: Die Elemente, die das Mineralreich konstituieren, sind die chemischen Elemente, die sind in ihrer Menge überschaubar.

Wenn man sich aber die sekundären Pflanzenstoffe anschaut – davon ist der größte Teil heutzutage biochemisch erforscht – ist das völlig anders: Täglich werden neue sekundäre Pflanzenstoffe entdeckt. Diese ganze Stoffes- und Substanzfülle wird aus den ätherischen Lebensprozessen heraus gebildet. Sie kommt nicht aus den Molekülen des periodischen Systems mit seinen Elementen, sondern sie sind ein Ergebnis der Lebensgesetzlichkeit, von der sie gebildet werden. Ebenso bilden Tiere ihre ganz arteigenen Substanzen. Und noch spezieller ist das bei dem Menschen: Jeder ist eine Art für sich, weil er sein ganz individuelles, spezifisches Eiweiß hat.

Die Weisheit unseres Denkens

Diese leibgebundene ätherische Lebensgesetzlichkeit können wir in der Weisheit unseres Denkens wiederfinden, das wir dem leibfreien ätherischen Organismus verdanken. Deshalb hat unser Denken auch Zugang zur Weisheit unserer Schöpfung, sodass wir in der Lage sind, die Naturgesetze und seine Regeln wie auch die kosmischen Gesetze mit unserem Denken zu erfassen. Die Gedanken sind Teil dieser Schöpfungsweisheit, die als Naturgesetze in unserem Körper wie in einem Mikrokosmos zusammenwirken. Die Weisheit, die uns bildet, ist die reflexive Weisheit, mit der wir die Welt verstehen können.

Das ist im Johannes-Evangelium gemeint mit „aus dem Geist geboren“. Im Grunde ist das Gedankenleben schon aus dem Körper „herausgestorben“, denn Denken ist eine außerkörperliche Erfahrung. Diese zweite Geburt, aus Wasser und Geist, findet im Ätherischen und im Denken statt.

Einen festen Mittelpunkt aufbauen

Das kann jeder Mensch machen, der sich diese Fragen vorlegt:

Gibt es in mir etwas, das ewig, unwandelbar und unzerstörbar ist, dass ich mir einen ganz festen, neuen Mittelpunkt aufbauen kann, der nicht mehr zu verunsichern ist, der so stabil ist, dass ich ihn sogar durch die Todespforte tragen kann, weil er im Denken lebt und nicht im Körper?

  1. Im Denken haben wir Zugang zu den unwandelbaren Gesetzen, ja, es unterliegt ihnen: Da ist die Ewigkeit zuhause.

  2. Die Lebensprozessen sind der Vergänglichkeit unterworfen, sie verlaufen in der Zeit.

So lange wir unser Selbstbewusstsein auf dieses vergängliche, prozessuale Auf- und Ab des täglichen Lebens und auf unseren an die Lebenszeit gebundenen Körper stützen, können wir nicht von einem neuen, ewigen Selbst sprechen, und schon gar nicht von einem Selbst, dem wir zur Geburt verholfen haben. Vielleicht lehnen wir dieses alte Selbst sogar ab und sagen, dass dafür die Eltern oder die Natur oder der „liebe Gott“ verantwortlich sind. Wenn man durch eine Identitätskrise geht, ist es folgerichtig, dass man sich fragt:

Will ich dieses Geschöpf, von dem die anderen sagen, dass ich es sei und zu dem ich auch „ich“ sage, überhaupt akzeptieren?

Wie man findet

Picasso sagte in einem Gedicht: „Ich suche nicht, ich finde.“ Wenn man ständig nur sucht, findet man nicht. Wenn man finden will, sucht man anders. Picasso hatte die Frage:

Wer bestimmt meine Suche und meine Sehnsucht?

Ist das nicht bereits das Ziel?

Ist diese Sehnsucht nur dadurch möglich, dass ich im Grunde weiß, was ich suche?

Ich suche mich, die Menschlichkeit, eine bessere Welt – alle unsere Sehnsüchte, Hoffnungen, Ideale sind reine Zukunft. Und wir suchen, weil wir wissen, was wir finden wollen. So wie es Christian Morgenstern ausdrückt in einem Gedicht: „Wer vom Ziel nichts weiß, kann den Weg nicht haben, wird im selben Kreis all sein Leben traben. Kommt am Ende hin, wo er hergerückt, hat der Menge Sinne nur noch mehr zerstückt.“

Oder wie man es im Zen-Buddhismus sagt: Der Weg ist das Ziel. Es ist wichtig, sich klarzumachen: Im Grunde wissen wir, wohin wir wollen. Jede menschliche Biografie ist ein Weg, DER Weg, und das Ziel ist in ihr klar veranlagt. Deshalb haben wir Sehnsucht nach einem guten, schönen, menschenwürdigen, wahren Leben und fühlen uns traurig und verzweifelt, wenn wir uns von diesem Ideal entfernen. Wir haben in uns den Maßstab, worauf es ankommt. Dieser wird durch die Biografiearbeit bewusstgemacht und freigelegt.

Vgl. Vortrag „Wer bin ich? Was ist mein Weg? Biografiearbeit als Schlüssel zu einem neuen Selbstverständnis“, gehalten bei einem Webinar zur Biografiearbeit am 13. und 14. März 2020

  1. Vorliegender Text ist eine Zusammenfassung von Christine Pflug eines online-Vortrages von Michaela Glöckler, gehalten auf einem webinar am 13./14. März, veranstaltet von der BVBA (Berufsvereinigung Biografiearbeit auf Grundlage der Anthroposophie www. biographiearbeit.de), an dem über 100 Teilnehmer*innen zuhörten. Der Titel hieß «Wer bin ich? Was ist mein Weg? Biografiearbeit als Schlüssel zu einem neuen Selbstverständnis».