Schicksalsverständnis auf drei Ebenen
Welche Herausforderungen hat ein Mensch auf seinem persönlichen Entwicklungsweg?
Und welchen Herausforderungen sieht jemand sich gegenüber, weil das Schicksalsumfeld etwas von ihm braucht oder umgekehrt?
Und wie kommt jemand mit dem Zeitenschicksal zurecht?
Lesen der Schicksalssignatur
Wenn man als Therapeut oder Biografiearbeiter Menschen begleitet, aber auch auf dem Weg der Selbsterforschung, ist es wichtig die folgenden drei Schicksalsaspekte zu unterscheiden:
- Persönliches Schicksal, individuelle Betroffenheit,
- Schicksal, das man mit seinem Umfeld hat, familiär oder am Arbeitsplatz
- Zeitschicksal, das man mit der Menschheit teilt
Wir müssen genau schauen, wie die Schicksalssignatur aussieht:
Wie mischen sich menschheitlicher Aspekt, soziales Netzwerk und persönlicher Anteil in der Schicksalskonfiguration?
Das lässt sich nicht mit einmal herausfinden, das ist eine Frage, die gehegt werden muss, mit der man intensiv leben muss auf der Suche nach dem heiligen, gesunden unantastbaren Wesen des anderen, egal mit welchen schwierigen körperlich-seelisch-geistigen Bedingungen jemand konfrontiert ist.
- Ad) 1. und 2. Persönliches und soziales Schicksal
Jemand kann ein phantastisches karmisches Umfeld haben und sich darin als Individuum nicht zugehörig fühlen, total verzweifelt sein und keiner weiß, warum. Man kann umgekehrt ganz zufrieden sein mit seiner Gesundheit und seinem persönlichen Karma, dabei jedoch in katastrophalen „karmischen Netzwerken“ festhängen, gewollt oder ungewollt.
Manch einer ist krank oder hat ein Problem nicht um seinetwillen, sondern um der Menschen willen, die mit ihm zu tun haben, die daran „aufwachen“, dass dieser Mensch z. B. plötzlich einen schweren Verkehrsunfall hatte. Manche Unfälle geschehen wegen dem Ehepartner oder einem Kind, weil diese dadurch eine Orientierung fürs Leben bekommen. Das sind Stellvertreter-Handlungen – man macht etwas für andere, wird Schicksal für andere.
- Ad) 3. Zwei Aspekte des Zeitschicksals
Als ersten Aspekt von Zeitschicksal können wir beispielsweise Amokläufer nehmen: Von einer Person werden zahlreiche Menschen und schwer verletzt. Hier spielen Zeitschicksal, soziales Netzwerk und die persönliche Komponente ineinander, aber der Hauptschwerpunkt liegt auf dem Zeitschicksal. Denn solche Taten sind erst heutzutage möglich. So etwas wäre in meiner Jugend undenkbar gewesen – es gab weltweit nicht einen einzigen Fall. Amokläufe sind neu, liegen in der Zeit. Das Gleiche gilt für Selbstmordattentate, wenn auch aus anderen Gründen.
Der zweite Aspekt von Zeitschicksal beruht darauf, dass jetzt die vierte oder fünfte Generation von materialistisch gesinnten Menschen lebt, die von seelischer Öde erfüllt sind, die mit dem Erleben von Sinnlosigkeit zu kämpfen haben. Anders kann man sich nicht erklären, dass man sich absichtlich in die Luft sprengt. Wo doch sowieso alles öde und sinnlos ist und dabei noch stressig.
Beides wird noch sehr zunehmen, bis man sich daran gewöhnt hat, mit der Allgegenwärtigkeit des Todes zu leben ohne dabei neurotisch oder psychotisch zu werden. Man kann sie als Schulungsszenarien für die Menschheit begreifen.
Verstehen als Schlüssel zum Zeitschicksal
Für uns als Therapeuten ist es notwendig, dass wir verstehen, wie Leid zustande kommt. Solange wir meinen, diese Themen beträfen nur die anderen, solange wir uns darüber beklagen, wie furchtbar es heute auf der Welt zugeht – im Sinne von „Eigentlich müsste doch alles ganz anders sein!“ – sind wir noch nicht fähig das Zeitschicksal in seiner Bedeutung zu begreifen. So wie heute Kinder erzogen werden, kann man froh sein, dass es nicht noch viel schlimmer ist, z. B. auch angesichts der neuen Armut – die Zeitbombe tickt!
All das bekommen junge Leute heute sehr direkt mit, das hängt mit der hohen Sensibilität zusammen, die wir heute schon bei kleinen Kindern vorfinden. Sie sind viel wacher im Ich, viel kundiger – nicht nur technisch – sondern auch problemkundig. Doch sie können all das noch nicht verarbeiten. Dass sie mitbekommen, was auf der Welt geschieht, genügt, um sie zu traumatisieren (vgl. Trauma – Ursachen und Behandlung: Hilfe in einer traumatisierenden Zeit).
Wir müssen Empathie für unsere Zeit entwickeln, müssen tief im Inneren verstehen, warum alles so ist, wie es ist, und gar nicht anders sein kann.
Vgl. Ausführungen aus Seminargruppe 5 an der Kunsttherapietagung 2010 in Dornach

