Mehrere Geburten im Laufe des Lebens
Was meint Rudolf Steiner mit den Geburten im Laufe des Lebens?
Inwiefern sind diese Geburten als Metamorphosen von leibgebundenen Wesensgliedertätigkeiten aufzufassen?
Welche Pädagogischen Konsequenzen sollte das Wissen um diese Entwicklungsgesetze haben?
Geburten als Metamorphosen verstanden
Rudolf Steiner hat bereits 1907 an verschiedenen Orten Vorträge über die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft gehalten und diese aufgrund von vielen Nachfragen zu einer schriftlichen Abhandlung umgewandelt und publiziert.1 Dort beschreibt er die kindliche Entwicklung in ihrem zeitlichen Verlauf, was er später dann auch mit Bezug auf die gesamte Biografie vielfach fortgesetzt hat. So führt er 1908 in Holland aus:
„[…] vom theosophischen Standpunkt sprechen wir nicht nur von einer Geburt, sondern von mehreren Geburten, und diese Sprache von mehreren Geburten macht uns den Lebenslauf des Menschen voll verständlich.“2
Mit Geburten sind die Metamorphosen der leibgebunden Wesensgliedertätigkeiten in die Seelenkräfte des Denkens, Fühlens und Wollens gemeint. Für die seelisch freie Tätigkeit wird ‚geboren‘, was vorher unbemerkt im Körper tätig war.
- Um das 7. Jahr: Geburt der Formkraft der Gedanken (ÄL)
Über die um das siebte Jahr herum freiwerdende Formkraft der Gedanken schreibt er:
„[…] denn bis zum Zahnwechseljahr werden alle Formen, worin sich der physische Leib gestalten muss, ausgebildet. Und was bis zu dieser Zeit am Leibe nicht in Form veranlagt ist, an groben und feinen Formen, das ist für das ganze menschliche Leben verloren. Größer wird der Mensch, er wächst, aber die Formen, welche größer werden, sind im Feinsten bis da veranlagt. Daher muss man gerade in dieser Zeit, wo man nicht auf den Ätherleib einzuwirken hat, alles tun, um die Formen so gut wie möglich zu machen.“3
Die das Kind umgebende schützende Ätherhülle aus der entsprechenden Erdgegend, wo die Verkörperung stattfindet, wird nach dem Zahnwechsel ‚weggeschoben‘.4 Damit hat sich die ätherische Organisation ätherisch emanzipiert, so wie es die physische Organisation des Kindes nach Durchtrennung der Nabelschnur vom mütterlichen Organismus getan hat.
Konsequenzen für die Vorschulpädagogik
Darauf gründet sich die anthroposophische Vorschulpädagogik. Sie vermeidet – unter dem oben geschilderten Gesichtspunkt der Geburt der ätherischen Kompetenz – eine zu frühe intellektuelle Bildung, für die das Vorschulkind noch nicht reif ist. Der pädagogische Schwerpunkt liegt auf der Förderung der sensomotorischen Intelligenz, die in der Nachahmungsfähigkeit zum Ausdruck kommt und durch Eigentätigkeit an der Durchformung des Körpers arbeitet.
Daher ist eine Umgebungsgestaltung mit guten Vorbildern für die Eigentätigkeit die beste Förderung von Gehirnreifung und Intelligenz. Wichtige Instrumente dafür sind neben sinnvollen Handlungsweisen im häuslichen Alltagsgeschehen insbesondere auch künstlerisch-kreative Tätigkeiten, das Pflegen guter Gewohnheiten, einschließlich kleiner Rituale wie Singen und/oder Beten vor den Mahlzeiten, ein Tagesrückblick am Abend in liebevoller Atmosphäre.5
- Um das 15. Jahr: Geburt der Differenzierungskraft der Gefühle (AL)
Zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife ist gemäß der anthroposophischen Entwicklungsperspektive die astralische Organisation noch von einer schützenden Hülle umgeben, die um das 15. Lebensjahr definitiv abgestreift wird.
Diese schützende astralische Hülle wird durch die menschlichen Beziehungen im sozialen Zusammenhang und Schicksalsumkreis gebildet, in den sich das Kind herein verkörpert hat und von denen sich der Jugendliche im Zuge der Pubertätsentwicklung emanzipiert. Die seelische Reifung in diesem Alter und ihr Einfluss auf die physisch-ätherische Konstitution verläuft dann am gesündesten, wenn das Kind bzw. der Jugendliche sich an Erwachsenen orientieren kann, die es liebt und im guten Sinne des Wortes als Autoritäten schätzt. Ohne eine solche Liebe zur Persönlichkeit nahestehender Menschen, kann sich nach Rudolf Steiners Auffassung auch die eigene Liebesfähigkeit und Empathie für die Mitwelt nicht gesund entfalten.
Konsequenzen für die Pädagogik im 2. Jahrsiebt
Daher ist es in der anthroposophischen Pädagogik entscheidend, dass die Kinder und Jugendlichen ihre Lehrerinnen und Lehrer gernhaben, anstatt Angst vor ihnen zu haben oder sie abzulehnen. Wenn die Lehrer den Unterricht für dieses 2. Jahrsiebt künstlerisch-charakterisierend und lebendig-spannend gestalten, wird dadurch das in Entwicklung begriffene Gefühlsleben unmittelbar angesprochen und seine Differenzierung gefördert.
- Um das 20. Jahr: Geburt der Differenzierungskraft der Gefühle (AL)
Etwa um das 20. Lebensjahr „wird das eigentliche Ich im Menschen, das bis jetzt in seiner Hülle war, erst vollständig geboren. Und damit tritt der Mensch im freien Verkehr in die Welt, damit ist er zu einem Wesen geworden, das sich in absolut freien Verkehr mit der Außenwelt stellt.“6
Ist der Astralleib mit dem 2. Jahrsiebt leibfrei und damit geboren geworden, so ist die Zeit reif für die Ausbildung des selbstständigen Urteils, dessen Untergrund ein differenziertes Gefühlsleben ist. Das kann einem insbesondere am jugendlichen Idealismus klar werden:
„Der Mensch ist in dieser Zeit noch nicht geeignet, die äußere Welt in einer objektiven Weise zu betrachten. Aber dasjenige, das auf die Welt zutritt, ist von schöner, idealer Art. [Auch diese Art will heraus, und hier handelt es sich darum, wie diese Art, insofern sie als Idealismus herauskommt, als Hoffnung dem Leben entgegentreten wird.] Diese Hoffnung und dieser Idealismus zeigen sich in ihrer wahren Gestalt zwischen 14, 15 und 21 bis 22 Jahren. In dieser Zeit zeigt sich alles, was herauswill, auch wenn es in Widerspruch ist mit der Realität. Es sind alles Erinnerungen von früherem Leben, mit den neuen, frischen Kräften des Astralleibs.“7
Konsequenzen für die Pädagogik im 3. Jahrsiebt
Hier findet Rudolf Steiner eindringliche Worte, die zeigen, wie wenig die Schulen diesen pädagogischen Forderungen gerecht werden.
Wehe, wehe den Menschen, denen man die Hoffnungsideale, denen man die Erwartungsideale in dieser Zeit trübe macht […]; Es kommt nicht darauf an, ob die Ideale zu erreichen sind, sondern es handelt sich um die Kräfte, die darin liegen. Diese sind die günstigen Lebenskräfte, die, falls sie gut erzogen werden, unseren Astralleib für das Leben sicher und fest machen. […] es gibt nichts Schlimmeres, als wenn man für diese Zeit nicht sorgt, dass der Idealismus sich entwickeln kann, wenn man diesem Idealismus entgegentritt mit einem Philistertum, das versuchen will, den Idealismus zu brechen.“8
Weitere Entwicklungsschritte durch Rückzug der Wesensglieder
Weiter schildert Rudolf Steiner die sich daran anschließende Möglichkeit der Selbsterziehung, die sich durch alle Hüllen hindurch bis zum 35. Jahr in Form von seelischer und körperlicher Selbstbeherrschung niederschlägt.
Im folgenden Jahrsiebt beginnt sich die astralische Organisation aus der physisch-ätherischen Organisation zu lösen, wodurch diese in sich steifer wird. Auf der anderen Seite wird das ‚seelisch freie‘ Leben und Erleben reicher und intensiver.
Ab dem 42. Jahr beginnen sich die ätherischen Kräfte aus der physischen Organisation zurückzuziehen (Klimakterium), wodurch das Gedanken- und Erinnerungsleben eine Verstärkung erfährt.
Danach bildet sich die physische Organisation weiter zurück und der definitive Alterungsprozess setzt ein – aber die Fähigkeit geistiger Überschau wächst dadurch.
Diese knappe Übersicht mag andeuten, wie nach anthroposophischer Anschauung in jedem Lebensalter die Wesensglieder unterschiedlich mit Bezug auf die körperliche und seelisch-geistige Konstitution tätig sind.
Vgl. Einleitung zu Band 15, Schriften zur Anthroposophischen Medizin, Kritische Edition der Schriften Rudolf Steiners“, frommann-holzboog Verlag, Stuttgart 20259
- Rudolf Steiner, Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst, GA 27.
- Rudolf Steiner, Das Prinzip der spirituellen Ökonomie im Zusammenhang mit Wiederverkörperungsfragen. Ein Aspekt der geistigen Führung der Menschheit, GA 111, 143.
- Ebenda, S. 143 f.
- Ebenda.
- Vgl. Glöckler (2023a und 2016b).
- Ebenda, S. 152.
- Rudolf Steiner, Das Prinzip der spirituellen Ökonomie im Zusammenhang mit Wiederverkörperungsfragen. Ein Aspekt der geistigen Führung der Menschheit, GA 111, 151f.
- Ebenda.
- In Band 15 der SKA findet sich auch das umfangreiche Literatur- und Referenzverzeichnis. Wer den Inhalt weiter vertiefen möchte, kann sich dort darüber informieren.

