Quellen der Gemeinschaftsbildung im Ätherischen

Im Sinnlichen ist der Mensch als Einzelner isoliert. Der physische Leib, so bemerkt dies Rudolf Steiner in „Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist“, ist ein Isolator (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Begabungen des physischen Leibes).1 Der physische Leib ist „der Wille des Menschen von außen“ angeschaut. Wir isolieren unseren Willen mit Hilfe dieses individuellen physischen Leibes, so dass unsere Taten und unsere Orientierung Ausdrucksformen dieser Willenskompetenz sind. Jesus stellte den ihm individuell begegnenden Kranken die Frage: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“.2 Darin kommt der tiefe Respekt vor der isolierten, autonomisierten, von der Umwelt abgegrenzten Willenskompetenz des Individuums zum Ausdruck. Allerdings scheint dieser isolierte Wille wenig mit Gemeinschaftsbildung zu tun zu haben – er klingt eher nach dessen Gegenteil. Als Individuen wollen und müssen wir jedoch zuerst einmal „auf die eigenen Füße kommen“, müssen lernen „ja“ zu sagen zu dem Unterfangen individueller menschlicher Entwicklung. Bis wir dann bei uns selber angekommen sind, die eigene Identität bestimmen und leben lernen. Dann aber, wenn man gelernt hat, einigermaßen mit sich selbst zurechtzukommen, beginnt die soziale Arbeit, dass man auch mit den Mitmenschen zurechtkommt und diese einen nicht als „sozial schwierig“ abtun.

Ursprung von Gemeinschaft

Die Befähigung zur Gemeinschaftsbildung hat ihre Quellen im Physischen nur insofern, als die Kraft von Bluts- und Familienbanden noch wirksam sind. Bewusst gepflegte, aus freiem Entschluss gebildete Gemeinschaften speisen sich aus nicht physischen Kraftquellen. Sie liegen im Ätherischen, im Astralischen und im Geistigen.3 Bilder und Urkunden, Überlieferungen wie die vom heiligen Gral, religiöse Werte, Ziele und Visionen, begeisterndie Menschen und halten sie zusammen für gemeinsames Tun. So liegt auch die Gralsburg den Beschreibungen nach in der ätherischen Welt, dem Land „Anschauwe“ der höheren Anschauung. Und es spricht geradezu für diese Realität, dass es auf dem physischen Plan nicht nur eine, sondern über ganz Europa hin viele Gralsburgen gibt.4 Es geht um den Tempel, der in der geistigen Welt erbaut wurde und der deswegen so viele physische Repräsentanten haben kann. Ich glaube, noch niemand hat es geschafft, alle historisch verbürgten Gralsburgen zu identifizieren und zu lokalisieren, obwohl schon viele davon erfasst wurden, eine auch in Arlesheim bei Basel in der Schweiz.5 Überall dort, wo Menschen sich mit dieser Gralsspiritualität verbinden und ihr ein Wahrzeichen im Physischen bauen möchten, kann der Tempel physisch sichtbar werden. Die wahren Tempel befinden sich jedoch in der ätherischen Welt, der Welt „ewigen Lebens“. Wenn sie auf die Erde kommen, sind sie sogar in der Gefahr, dass sich ihre Erbauer voneinander abgrenzen, Angehörige bestimmter Konfessionen gegeneinander Krieg führen.

Wenn wir jedoch nach der Ur-Gemeinschaft, nach dem integrativen Archetyp suchen, aus dem jede Gemeinschaft sich „organschaftlich“ herausbildet, müssen wir in die ätherische Welt gehen, in die Welt der Gedanken als der gemeinsamen Sprache aller Menschen, der Welt der schaffenden Bildekräfte, die geistig und physisch das Werden der Evolution bestimmen.6 In dieser Welt sind die Tempel des Geistes gebaut. In diese Welt wurde auch das erste Goetheanum nach seiner physischen Vernichtung wieder aufgenommen.7 Nur von der Grundsteinlegung 1913 bis zum Brand 1922 weilte es als ein Tempelbau des fünften Kulturzeitraums für kurze Zeit hier auf der Erde. Was aus dem Menschenwillen heraus in Übereinstimmung mit der kosmischen Weisheit gestaltet wurde, bleibt jedoch geistig unverlierbar bestehen und wirkt weiter.

Hören als Urgeste der Gemeinschaftsbildung

Was bedeutet es, einen Tempel in der ätherischen Welt zu suchen?

Die ätherische Welt ist nicht nur die Welt der Lebenskräfte und der Gedankenbildekräfte (vgl. Doppelnatur des Ätherischen: Wachstums- und Gedankenkraft), sondern sie ist auch die Welt des Sozialen. Wenn wir uns rein „ätherisch verhalten“ könnten, würden wir entweder schlafen oder uns hörend in den anderen hineinfühlen, wie es Rudolf Steiner so schön beschreibt: Wenn wir einem anderen wirklich zuhören, müssen wir seine Gedanken nachahmen. Hören ist ein gedankliches Nachahmen dessen, was ein anderer sagt. Nachahmung ist ein Hineinschlafen in den andern, ist ein Mitleben, ein Miterleben mit dem anderen.8

Das Tor des Auges dagegen ist das Tor des Gegenübers: Hier bin ich, hier ist die Welt, da bist du.

Über das Ohr, wenn wir gut hören und die Augen schließen, verweben und verwesen wir im Klangäther, wir träumen und schlafen uns hinein in die Welt und werden soziale Wesen, wie im Schlaf. Hier urständet der Trieb, die Kompetenz, die Möglichkeit, Gemeinschaft zu bilden, Gemeinschaft zu suchen.

Die ätherische Welt ist auch die Welt, in der sich Wärme, Licht und Klang, die unterschiedlichen Ätherarten, als Schöpferprinzipien in den vergänglichen Elementen manifestieren und die irdische Welt gestalten, wodurch sich so etwas wie eine Brücke „über den Strom“ zwischen sinnlicher und geistiger Welt bildet. In unseren innerlichen oder auf individualisierte Weise in Worte gefassten Gedanken können wir über diese Brücke den Verstorbenen folgen und die Verbindung pflegen mit der Welt der Toten (vgl. Denken: Denken als Brücke zwischen der Sinneswelt und der Welt des Geistigen). Wir können mit ihnen denselben Tempel besuchen, aus derselben Tempelgemeinschaft heraus wirken.

Das Großartige ist, dass wir über unsere Gedanken, unser Gedankenleben, Anteil haben an der ewigen Gedankenwelt, am ewigen Leben, und mit unserem Körperleben Anteil haben am vergänglichen Leben und dass es dasselbe Wesenhafte ist - der ätherische Organismus - der uns beides ermöglicht (vgl. Wesensglieder: Die Metamorphose der Wesensglieder in leibfreies Denken, Fühlen Und Wollen). Das kommt in der Meditationsgeste des Buddha wunderbar zum Ausdruck, die diese Doppelnatur des Ätherischen sichtbar macht, indem die linke Hand nach unten weist, in die Inkarnation, die rechte nach oben, in die leibbefreite Gedankenwelt.

Vgl. Publikation im ‚Der Merkurstab’ des Vortrags auf der Jahreskonferenz der anthroposohisch-medizinischen Bewegung am 16.9.11 im Goetheanum

  1. Rudolf Steiner, Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist, GA 205.
  2. Neues Testament, Joh. 1,5.
  3. Rudolf Steiner, Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung. GA 9, Kap. Das Wesen des Menschen. Rudolf Steiner Verlag.
  4. siehe z.B. Frank Teichmann, Der Gral im Osten. Verlag Freies Geistesleben.
  5. Werner Greub, Wolfram von Eschenbach und die Wirklichkeit des Grals. Philosophisch-Anthroposophischer Verlag, Dornach 1974.
  6. siehe Rudolf Steiner, Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen. GA 27, 1. Kapitel, Rudolf Steiner Verlag.
  7. Rudolf Steiner, Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/1924. GA 260. Vortrag vom 31. Dezember 1923, abends. Rudolf Steiner Verlag.
  8. Rudolf Steiner, Die soziale Grundforderung unserer Zeit. In geänderter Zeitenlage. GA 186. Rudolf Steiner Verlag.