Ich-Bewusstsein durch Schicksalswirken
Warum ist es hilfreich, Schicksal als etwas Geschicktes zu verstehen?
Inwiefern ist unser Handeln die Handschrift unseres Ich?
Wie lässt sich Schicksal als Vorbereitung auf Zukünftiges verstehen?
Schicksalswirken im Alltag
Schicksale sind oft auch tragisch. Im Alltag sprechen wir wenig vom Schicksal – eigentlich erst, wenn ganz besonders freudige oder schreckliche Dinge passieren.
Bei genauerem Hinsehen erleben wir aber täglich, dass Unerwartetes geschieht. Jeder Tag hat so ein kleines Päckchen für uns bereit mit etwas, das wir nicht erwartet haben, wodurch manches anders wurde als geplant. Wie bei mir z.B. heute Abend, indem ich erst mit einer Stunde Verspätung hier in Mannheim angekommen bin. Das hatten wir uns alle anders vorgestellt. Es wurde uns aber unerwarteter Weise „geschickt“ und damit zugemutet. Da ist dann die Frage:
Soll ich mich jetzt über die Weichenstörung bei der deutschen Bahn aufregen?
Oder frage ich mich nicht besser: Was mache ich mit dieser unerwartet frei gewordenen Zeit?
Eines meiner Lieblingsmärchen als Kind war das „Märchen von dem Mädchen, das Stroh zu Gold spinnen konnte“. Lebenskunst, die Verarbeitung biografischer Ereignisse, hat immer etwas davon: Es geht darum zu lernen, das Stroh unseres Lebens, unseres Schicksals, zu Gold zu spinnen, etwas Positives, Dauerhaftes daraus zu machen, mit dem wir dann gerne weiterleben, weil es ein integrierter wertvoller Teil unseres Lebens geworden ist. Denn das, was wir auch aus schwierigen Schicksalsmomenten lernen können, bleibt mit uns verbunden, war es wert, gelebt zu werden, wenn es uns gelingt, dafür dankbar zu sein, indem uns klar wird: „Ohne dieses Ereignis und die damit verbundenen Erkenntnisse wäre ich um eine wichtige Erfahrung ärmer.“
Ich-Bewusstsein durch Erdenleben erwerben
Was uns individuell macht, ist die Summe aller unserer Taten und die damit verbundenen Schicksalsgegebenheiten. An dem was wir tun, werden wir erkannt und beurteilt. Was wir tun ist die Handschrift des Ich (vgl. Christus heute: Vorchristliche und christliche Motivation für Reinkarnation). Und wir werden immer mehr ein individuelles Menschen-Ich durch unser Tun, durch unser Schicksal. Durch das, was wir tun, werden wir zu denjenigen, die wir sind.
Von daher wird auch nachvollziehbar, warum wir aus einer geistigen Welt überhaupt auf die Erde kommen müssen: um uns unseres individuellen Ich bewusst zu werden. Könnten wir nicht tätig sein und die daraus entstehenden Konsequenzen nicht erleben, wüssten wir nicht, wer wir sind. Man kann sagen, dass uns in einem Erdenleben
- einerseits das als Konsequenz bzw. als Schicksal trifft, was auf Taten zurückgeht, die wir individuell oder zusammen mit anderen Menschen in einem früheren Erdenleben vollzogen haben. Diese Schicksalsituationen haben mit Vergangenem zu tun.
- Andererseits suchen wir unbewusst bestimmte Erfahrungen auf, damit wir in einem späteren Leben gut vorbereitet sind, in einer schwierigen Situation standzuhalten. Diese Schicksalsituationen haben mit Zukünftigem zu tun.
So gesehen ist es gut, dass wir gegenwärtig die Hintergründe und Zusammenhänge unseres Schicksals noch nicht kennen. Denn um sich konstruktiv mit den Schattenseiten der menschlichen Freiheit auseinanderzusetzen, braucht es bereits ein gewisses Maß an Selbsterkenntnis und geistiger Orientierung – sonst kann man einen solchen Grad von Überschau und Wissen, wie er für die volle Schicksalseinsicht nötig ist, (noch) nicht verkraften.
Vgl. „Christus – und das Schicksal der Menschen“, Vortrag gehalten Oktober 2023 in Mannheim

