Talent für Schicksal entwickeln
Was steckt in dem Wort Schicksal?
Wer ist der Herr des Schicksals?
Wie kann Schicksal als künstlerischer Aufrag verstanden werden?
Schicksal als Aufruf zur Tat
Das indische Wort für Schicksal – Karma – heißt aus dem Sanskrit übersetzt, die Tat. Im deutschen Wort Schicksal steckt schicklich darinnen, geschickt im Sinne von fähig, aber auch, dass mir jemand etwas schickt oder dass ich jemandem etwas schicke. Das ist eine Aktivität. Andererseits muss ich mich in mein Schicksal fügen können. Ich muss so geschickt sein, dass ich mein Schicksal akzeptieren und möglichst positiv gestalten lerne. Das allein ist für jeden Menschen eine mehr oder weniger große Herausforderung. Novalis sagt: „Glück ist Talent für das Schicksal.“ Unser „Geschick“ besteht aus Leid und Freude. Doch es ist immer auch persönlicher Ausdruck dessen, wie wir mit unseren Krisen (unserem Willen, unseren Entschlüssen, unseren Taten) umgehen.
In seinem Gedicht „An den Mond“ vergleicht Goethe das Mondlicht mit dem Auge eines Freundes, das mit Milde auf sein Schicksal, „sein Geschick“ blickt:
Füllest wieder Busch und Thal
Still mit Nebelglanz,
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz;
Breitest über mein Gefild
Lindernd deinen Blick,
Wie des Freundes Auge mild
Über mein Geschick…
Schicksalsgestaltung als künstlerischer Auftrag
Es geht im Grunde darum, unser Schicksal als künstlerischen Auftrag zu begreifen, bei dem wir beides zu verantworten haben:
- den Schicksalsstoff, den wir selbst zubereitet haben,
- und die weitere Gestaltung, die nur wir selbst vornehmen können.
Die Kunst der Schicksalsgestaltung ist die einsamste Kunstrichtung. Vom Gesichtspunkt des Wahrhaftigen gesehen ist es aber auch die geselligste Kunstrichtung, weil man sich in diesem Bemühen mit der ganzen Menschheit identifizieren kann.
Wir können die Möglichkeit zum künstlerischen Schaffen am eigenen Schicksal entdecken, wenn wir uns, im besten Sinn des Wortes, nicht nur gehen lassen und Situationen „wieder-holen“, sondern durch alles hindurch lernen, uns zum Guten hinzuwenden – und unser Schicksal so immer menschenwürdiger zu gestalten.
Vgl. Vgl. Vortrag „Wege zum Herzdenken durch meditatives und künstlerisches Üben“ Dornach, 2007 und „Christus – und das Schicksal der Menschen“, Vortrag gehalten Oktober 2023 in Mannheim

