Die alleinerziehende Mutter

Welche besonderen Herausforderungen hat die alleinerziehende Mutter zu meistern?

Welche Chancen hat sie als Alleinerziehende?

Es gibt heute eine kaum mehr überschaubare Literatur zum Thema „Mutter“ bzw. „Mutter und Kind“. Dies macht deutlich, wie vielgestaltig die damit zusammenhängenden Erfahrungen, Probleme und Perspektiven sind und wie unterschiedlich deren psychologische oder philosophische Interpretation. Einmal werden mehr die sozio-kulturellen Strukturen der Mutter-Kind-Beziehung herausgestellt in ihrer spezifischen Bedeutung für die spätere Biographie. Dann wieder werden neue Lebensformen vorgestellt der „Mütter ohne Männer“, in denen die Frauen zu Wort kommen, die sich zwar ein Kind wünschen, das Zusammenleben mit einem Mann jedoch problematisch finden und lieber mit zwei oder drei anderen Müttern und deren Kindern eine Wohngemeinschaft bilden wollen. Natürlich werden auch die „Mütter mit Beruf“ in der Literatur beschrieben und beraten. Ihnen wird Hilfestellung geleistet mit dem Ziel, die mit der Doppelbelastung verbundenen Vorurteile und Selbstzweifel zu überwinden.

Die Vielzahl der Veröffentlichungen und die darin aufgezeigten und beschriebenen Probleme machen auch deutlich, dass der Beruf der Mutter, so menschheitsalt er auch ist, in unserer Zeit neu überdacht und in seiner sozialen Bedeutung neu verstanden werden muss.

Orientierung für Lebensgestaltung finden

Die Beantwortung der Frage, was Kinder brauchen (vgl. Kindsein heute: Was Kinder brauchen), kann eine Hilfe sein, in der Vielfalt der Probleme, die mit dem Alleinerziehen verbunden sind, eine Orientierung zu finden für die innere und äußere Lebensgestaltung.

Unter den alleinerziehenden Müttern gibt es sowohl die hauptberufliche als auch die nebenberufliche Mutter. Meist lebt die hauptberufliche Mutter mit sehr wenig Geld und die nebenberufliche Mutter in etwas besseren Verhältnissen. Gelingt es der Mutter, sich mit ihren jeweiligen Lebensumständen zu identifizieren, so wachsen die Kinder in dieser Situation meist glücklicher auf als in einer Familie, wo häufig Zank und Streit herrscht. Identifiziert sie sich mit ihrem mütterlichen Beruf (vgl. Muttersein: Den Mutterberuf bejahen lernen) und schafft sie es, mit dem Wenigen, was sie hat, auszukommen, so ist das natürlich für das Kind ein Segen. Aber auch für sie selbst ist es die entscheidende Hilfe, denn so findet sie eher Freunde und Anschluss an andere Familien, die ihr dann auch bei der Bewältigung ihrer Lebenssituation helfen können.

Wer miterlebt, wie problematisch die Atmosphäre in vielen Familien der Gegenwart ist, freut sich über jedes Kind, das einigermaßen unbehelligt und harmonisch aufwachsen darf. Auch wenn das Fehlen des Vaters natürlich ein Faktor im Leben des Kindes ist und die Mutter Sorge tragen muss, dass die väterlichen Funktionen von ihr und anderen Menschen übernommen werden, so kann sie sich doch auch immer wieder sagen, dass eine solche Art zu leben auch zum Wohl des Kindes ist. Denn es gibt ungezählte Kinder, die gerade in der Dreierbeziehung Vater-Mutter-Kind kein gesundes und harmonisches Existenzgefühl entwickeln können, da sie immer wieder in die zermürbenden Spannungen zwischen den Eltern einbezogen werden. Ein ungebrochenes Gefühl der Geborgenheit kann so nicht entstehen.

Vorteile des Alleinerziehens

Demgegenüber kann die alleinerziehende Mutter in keine Diskussion über Erziehung, Schule, Ferienaufenthalte, Anschaffungen zu Hause verwickelt werden, die Anlass für Zank und Streit geben könnten. Das Kind erlebt, dass die Mutter tut, was sie für richtig hält, und dieses eindeutige Handeln schafft Sicherheit und Vertrauen. Die alleinerziehende Mutter kann dem Kinde etwas ge¬ben, was andere Mütter gemeinsam mit ihrem Partner sich oft mühsam erst erarbeiten müssen. Begegnet man im späteren Leben Halbwaisen oder den vielen Erwachsenen, die infolge des Krieges ohne Vater aufgewachsen sind, findet man unter ihnen oft besonders harmonische Menschen, die dankbar auf ihre Kindheit zurückblicken.

Ein Vater erzählte mir einmal, dass er seinen Vater nur als Kleinkind erlebt hat, aber dennoch durch seine ganze Kindheit hindurch nie das Gefühl hatte, ohne Vater zu sein, denn die Mutter habe während des Krieges noch auf seine Heimkehr gewartet und viel von ihm erzählt. Als dann die Todesnachricht kam, sei besonders viel vom Vater gesprochen worden. Alle Bilder seien angeschaut worden, und die Mutter habe gesagt, dass er nun einen Vater im Himmel habe.

Ein Vater im Himmel ist natürlich etwas anderes als ein Vater auf der Erde. Das väterliche Element jedoch, das sich im Wahrgenommenwerden ausdrückt, bleibt erhalten. Solch ein Beispiel kann auch den Alleinerziehenden helfen, die ihren Partner zunächst geliebt haben, aber dann Gründe hatten, sich zu trennen. Gelingt es der Mutter, dem Kind den Vater so zu schildern, wie er war, als sie ihn liebte und das Kind bekommen hat, so wächst das Kind doch in einer väterlichen Atmosphäre auf. Man kann dann auch eine Erklärung dafür finden, warum der Vater jetzt nicht mehr da ist, die der Wahrheit entspricht. Entweder braucht ihn jetzt ein anderer Mensch (eine andere Frau vielleicht) mehr, weswegen er jetzt dort lebt. Oder er lebt in einer anderen Stadt oder einem anderen Land und kann eben nicht kommen, weil er dort arbeitet. Schwieriger wird es allerdings, wenn eine Besuchsregelung besteht und der Vater immer wieder mit dem Kind zusammen ist.

Uneinigkeit vermeiden

Hier ist es wichtig, dass die Mutter die Ausflüge zum Vater bejaht und so integriert, wie die berufstätige Mutter die Mitfürsorge eines anderen Menschen integrieren muss. Darf das Kind beispielsweise beim Vater fernsehen und bei der Mutter nicht, so ist es nicht sinnvoll, dem Kind Vorhaltungen zu machen, warum es wieder beim Vater ferngesehen hat, oder diese Tatsache zu ignorieren. Vielmehr ist es hilfreich, sich vom Kind erzählen zu lassen, was es beim Vater erlebt und gesehen hat (vgl. Konfliktfähigkeit: Abwägen im Interessenskonflikt). Das gibt dem Kind die Möglichkeit, das passiv am Bildschirm Aufgenommene noch einmal aktiv zu reproduzieren und sich dadurch auch mehr davon zu distanzieren. Der Mutter gibt es die Möglichkeit, Anteil zu nehmen an dem, was das Kind erlebt hat, und das eine oder andere vielleicht in den kommenden Tagen noch verarbeiten zu helfen und auszugleichen. Für das Kind ist es entscheidend, dass es in dem Empfinden leben darf, dass jeder der Erwachsenen gibt, was er geben kann, und dass sich das im Leben sinnvoll verbinden lässt. Viel schädlicher als eventuelle negative Einflüsse des einen oder anderen Partners ist es, wenn das Kind Uneinigkeit und seelische Spannung erlebt.

Zum Abschluss sei noch etwas angefügt, das für jede Muttersituation förderlich sein kann. Im Anschauen der Probleme, die man in der jeweiligen Lebenssituation hat, wird oft vergessen, dass diesen Problemen auch eine Fülle von unproblematischen und positiven Tatsachen gegenübersteht. Da wo dies nicht empfunden wird, ist es sinnvoll, systematisch nach diesen positiven Tatsachen zu suchen. Sowohl die Hausfrau als auch die berufstätige wie die alleinerziehende Mutter haben ihre Vor- und Nachteile. Gelingt es, beides gleichgewichtig zu sehen, so wird es auch leichter, die für die eigene Entwicklung fruchtbaren Gesichtspunkte festzustellen und das Leben für das Kind, aber auch für sich selbst, sinnvoll zu gestalten.

Vgl. Kapitel „Die alleinerziehende Mutter“, Elternsprechstunde, Verlag Urachhaus, Stuttgart**