Erneuerung der Mysterien

Was bedeutet „Erneuerung der Mysterien“?

Wie könnte eine neue Spiritualisierung des Kulturlebens heute aussehen?

Mit dem Erwachen des historischen und philosophischen Bewusstseins ab dem achten Jahrhundert vor Christus begannen die alten Mysterienstätten dekadent zu werden und wurden nach und nach geschlossen. Die Säkularisierung, und damit die „Entspiritualisierung“ der Wissenschaft, nahmen ihren Anfang. Zugleich traten auch demokratische, republikanische und anarchistische Bestrebungen auf.

Die Prophetie des Johannesevangeliums begann sich mehr und mehr zu erfüllen, die eben nicht nur für eine Elite der Herrschenden, sondern für jeden einzelnen Menschen gilt: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“1. Durch diese Entwicklung wurden aber auch die intimsten Geheimnisse der alten Mysterien an die Öffentlichkeit gebracht: der Weg, wie der einzelne Mensch Erkenntnis der Wahrheit und individuelle Freiheit erlangen kann. Die Aufforderung, sich als Menschenwesen zu erkennen und die Mitte zu finden zwischen allen Extremen, was ja die zentrale Lehre der alten Mysterien war, wurde nun immer mehr zu einem allgemeinen Kulturgut. Rudolf Steiner nannte diese neue Kultur eine „Mysterienkultur des Willens“ im Gegensatz zur alten „Mysterienkultur des Wissens und der Weisheit“.

Metamorphose des Prinzips der Geheimhaltung

Das Prinzip der Geheimhaltung, in den alten Mysterien zentrale Bedingung der Pflege des Weisheitsgutes, erfuhr im Rahmen der Mysterien-Erneuerung eine Wandlung im Sinne einer Metamorphose. Denn einerseits kennen die neuen Mysterien des Willens kein Geheimnis mehr – was ja ganz und gar dem Zeitgeist entspricht: Die „gesamte Weisheit der Welt“, inklusive der Gesamtausgabe Rudolf Steiners, ist im Internet zu finden und steht jedem zur Verfügung. Geheime Dokumente aus den Schaltzentralen der Macht, z.B. Protokolle von geheimen Banker-Konferenzen, werden plötzlich mutig von jemandem publiziert. Allerorten wird Transparenz gefordert. Hier gilt, was Rudolf Steiner in seinem Schulungsbuch schreibt, dass man jedem Fragenden Rede und Antwort stehen müsse.

Andererseits sagt er aber auch, dass man zu schweigen hätte, wenn nicht nach den esoterischen Inhalten gefragt würde.2

Das zentrale Element der neuen Mysterien ist, dass das, was man tut, öffentlich sichtbar wird und es als kulturell wertvoller Beitrag auch sein sollte. Jetzt kommt es nicht mehr auf wie auch immer geartetes Wissen an, sondern auf die Realisierung von Ideen und Vorhaben. Wird das Gute gewollt und getan, offenbart es sich der Welt und bedarf keiner Geheimhaltung mehr.

Aufforderung an den Willen

Die neuen Mysterien sind Mysterien des Willens, Mysterien der Gestaltung des sozialen Lebens (vgl. Mysterien und Initiation: Charakteristika der neuen Mysterien). Ihnen liegt die freie Entscheidung des einzelnen Menschen zugrunde, der seinen Willen in den Dienst des anderen und auch der Gemeinschaft stellen kann. Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762 - 1814) hatte dies so formuliert: „Der Mensch kann, was er soll; und wenn er sagt: ich kann nicht, so will er nicht.“ In diesem Sinne „erneuerte“ Mysterien sind daher „christliche Mysterien“. Sie knüpfen an das Christus-Ereignis an, das Rudolf Steiner aus dieser Einsicht heraus immer wieder auch das Mysterium von Golgatha oder das Christus-Mysterium genannt hat. Die Nachfolge Christi kennt keine Bes-serwisserei oder Lust auf äußeren Einfluss und Machtentfaltung. Sie kennt nur Aufforde-rungen an den Willen des Menschen und zwar an den freien Willen. Dass das so ist, kann man schon an diesen spezifisch christlichen Aufforderungen erkennen:

„Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen.“3

Aufforderungen dieser Art kann man nur freiwillig befolgen – sie widersprechen dem „normalen Empfinden“.

Das Individuum als Liebeträger

In seinem öffentlichen Vortrag zur Apokalypse des Johannes am 17. Juni 1908 in Nürnberg führt Rudolf Steiner dazu aus: „Je mehr der Mensch individuell wird, desto mehr kann er Liebeträger werden. Wo das Blut die Menschen zusammenkettet, da lieben die Menschen aus dem Grunde, weil sie durch das Blut hingeführt werden zu dem, was sie lieben sollen. Wird dem Menschen die Individualität zuerteilt, hegt und pflegt er den Gottesfunken in sich, dann müssen die Impulse der Liebe, die Wellen der Liebe, von Mensch zu Mensch gehen aus freiem Herzen heraus. Und so hat der Mensch mit diesem neuen Impuls das alte Band der Liebe, die an das Blut gebunden ist, bereichert. Die Liebe geht nach und nach über in die geistige Liebe, die von Seele zu Seele fließt, die zuletzt die ganze Menschheit umfassen wird mit einem gemeinschaftlichen Band allgemeiner Bruderliebe. (...) Während so die frühere Einweihung eine Einweihung in die Vergangenheit, in uralte Weisheit ist, geht die christliche Einweihung dahin, dem Einzuweihenden die Zukunft zu enthüllen. Das ist das Notwendige, dass der Mensch nicht nur eingeweiht wird für seine Weisheit, für sein Gemüt, sondern dass er eingeweiht wird für seinen Willen. Denn dadurch weiß er, was er tun soll, dass er sich Ziele setzen kann für die Zukunft. Der sinnliche Alltagsmensch setzt sich Ziele für den Nachmittag, für den Abend, den Morgen. Der geistige Mensch vermag aus den geistigen Prinzipien heraus ferne Ziele sich zu setzen, die seinen Willen durchpulsen, seine Kräfte lebendig machen. So der Menschheit Ziele setzen, das heißt im wahren, höchsten Sinn, im Sinn des ursprünglichen christlichen Prinzips, das Christentum esoterisch erfassen. So hat es derjenige verstanden, der das große Prinzip der Einweihung des Willens geschrieben hat, der die Apokalypse geschrie-ben hat. Man versteht die Apokalypse schlecht, wenn man sie nicht versteht als den Impulsgeber für die Zukunft, für das Handeln, für die Tat.“4

Wer diese Wende in der Mysterienkultur durchschaut, kann verstehen, warum es Rudolf Steiner so wichtig war, beginnend 1902, als er die deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft übernahm, Formen der Gemeinschaftsbildung zu inaugurieren und zu pflegen. Auch wenn auf diesem Gebiet so manches missglückte, wie beispielsweise der Versuch zur Stiftung einer Gesellschaft für theosophische Art und Kunst,5 so hat ihn das doch nie abhalten können, in dieser Richtung weiterzuarbeiten. Und als immer mehr Menschen zu ihm kamen, die Hinweise und Hilfen suchten für eine Erneuerung der verschiedenen beruflichen Arbeitsfelder, so wirkten die neuen Berufsideale für die Pädagogik, die Medizin, die Krankenpflege, die Heilpädagogik, das priesterliche Wirken, die Landwirtschaft, die künstlerischen Tätigkeiten und die wissenschaftlichen Bestrebungen stets gemeinschaftsbildend, indem sich die Menschen einer bestimmten Berufsgruppe mit diesem erneuerten Berufsideal verbanden und bestrebt waren, es zu realisieren.

Vgl. „Raphael und die Mysterien von Krankheit und Heilung“, Medizinische Sektion am Goetheanum 2015

  1. Neues Testament, Johannes 8,32.
  2. Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, GA 10, Dornach 1992, S. 87.
  3. Neues Testament, Matthäus 5,44
  4. Rudolf Steiner, Die Apokalypse des Johannes. Vortrag vom 17. Juni 1908 in Nürnberg, GA 104, Dornach 1985, S. 38 u. 41.
  5. Siehe Rudolf Steiner, Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904-1914, Ansprache vom 15. Dezember 1911 (vormittags). GA 264, Dornach 1984.