Der Gesichtspunkt der Verstorbenen

Wie können wir uns mit Verstorbenen verbinden?

Das Motiv der Verstorbenen durchzieht die Apokalypse und ihre Siegelsprache wie ein roter Faden. „Selig sind, die fortan in Christus sterben“, heißt es da sinngemäß. Dass Sterben und Geborenwerden mit einbezogen werden in die Dramatik der Apokalypse, befreit uns von der Angst, dass mit einem Erdenleben entweder alles gewonnen oder alles verloren ist (vgl. Schicksal und Karma: Ich-Erleben und Schicksalsgestaltung). Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum in der Apokalypse alles so lange dauert und immer wieder scheinbar Ähnliches passiert.

Wir können die Verstorbenen mit einbeziehen in unsere Entwicklungsfragen und unser eigenes Leben auch vom Gesichtspunkt der Verstorbenen aus anschauen, indem wir uns einmal am Tag fünf Minuten lang fragen, wie ein lieber verstorbener Mensch uns begrüßen würde oder welche Botschaft er uns geben würde. Wir können ihn fragen:

Was ist im Moment wirklich wesentlich für mich?

Was würdest du zu dieser Situation, in der ich mich gerade befinde, aus deinem Blickwinkel sagen?

Wenn wir das ernsthaft fragen, steht unser Leben unter einer völlig anderen Gerichtsbarkeit. Dann treten wir in unserem Bewusstsein jeden Tag über die Schwelle zur geistigen Welt und überqueren die Regenbogenbrücke. Dadurch verändern sich unsere Probleme und Sorgen. Das Leben wird deshalb nicht uninteressanter, ganz im Gegenteil. Es wird an manchen Stellen möglicherweise schmerzhafter und wesentlicher, aber auch viel humorvoller.

Eine der schönsten Anekdoten über Verstorbene, die ich kenne, stammt von Herbert Hahn. Er war mein Religionslehrer während meiner gesamten zwölf Waldorfschuljahre, ein Schüler Rudolf Steiners. Herbert Hahn war sehr eng befreundet gewesen mit Karl Schubert, dem Begründer der Heilpädagogik. Sie hielten es miteinander wohl wie in der bekannten Mönchsgeschichte, in der sich zwei Mönche gegenseitig versprechen, dass, wenn der eine Bruder früher stirbt, er dem anderen erzählt, wie es drüben wirklich aussieht.

Nachdem Karl Schubert gestorben war, kam Herbert Hahn einige Zeit später mit leuchtendem Gesicht die Treppen hinauf zur Stuttgarter Waldorfschule, ging in den Lehrerkonferenzraum und sagte zu den anderen Lehrern: „Ich muss euch etwas erzählen. Ich habe heute Nacht von Karl Schubert geträumt. Als ich ihn sah, bin ich auf ihn zu gerannt und habe ihn gefragt: ‚Karl sag mir doch, wie es da drüben ist!’“ Darauf soll Karl Schubert zu ihm gesagt haben:

„Viel humorvoller, Herbert. Viel humorvoller, sag das den Freunden.“

Wir dürfen uns die Verstorbenen ruhig ein bisschen schmunzelnd vorstellen, während sie auf unser Leben schauen und uns zusehen.

Ich möchte zum Abschluss einige meditative Worte vorlesen, die uns zeigen können, dass das Wort, welches den Geist in sich trägt und zugleich den Willen befeuert, seinem Wesen nach meditative Gralsspeise ist. Wenn wir das Gelesene empfinden wollen, enthüllt es sich.

Den folgenden Spruch möchte ich gerne lesen, weil wir umgeben sind von Tod und Schrecken in den Krisengebieten, auch durch die vielen Selbstmordattentate. Es wäre schön, wenn wir unsere Aufmerksamkeit einen Moment den Geistern und Seelen dieser Verstorbenen zuwenden könnten. Die Worte sprechen für sich selber:

„Die Ihr wachet über Sphärenseelen,
Die Ihr webet an den Sphärenseelen,
Geister, die Ihr über Seelenmenschen schützend
Aus der Weltenweisheit liebend wirkt,
Höret unsre Bitte,
Schauet unsre Liebe,
Die mit Euren helfenden Kräfteströmen
Sich einen möchten
Geist-erahnend, Liebe strahlend!“ 1

Diese Worte wenden sich an die bereits entkörperten Sphärenmenschen und senden ihnen Liebe nach. Sie möchten sich mit den führenden Engelwesen dieser Menschen in Beziehung setzen.

Wenn man im Bewusstsein solcher Worte die Zeitung liest und nicht nur für die Zeitung Zeit hat, sondern auch zwei Minuten für diese Worte, dann ändert sich etwas in der Welt. Damit legen wir einen Boden, auf dem aus neuen Gedanken neue Wirklichkeiten erschaffen werden.

Vgl. Zusammenstellung von Vorträgen über „Die sieben Siegel der Apokalypse“, gehalten 2007

    1. GA 181, Dornach 1991, S.12: Die vorangehenden Gedenkworte wurden während des Krieges in dieser oder ähnlicher Weise von Rudolf Steiner vor jedem von ihm innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft gehaltenen Vortrag in den vom Kriege betroffenen Ländern gesprochen.