Vergangene, gegenwärtige und zukünftige Gesellschaftsformen

Rudolf Steiner charakterisierte in einem Vortrag am 29. Oktober 19191 drei verschiedene Möglichkeiten von Führung und Gemeinschaftsbildung: die hierarchische Führung mit ihrer klassischen pyramidalen Struktur, die demokratiegestützte Führung, die vom Austausch und der Mitbestimmung aller Beteiligten geprägt ist, und die sogenannte „Gemeingesellschaft“, deren Führungsstruktur einer umgekehrten Pyramide entspricht: Wer hier führen will, tut dies nicht im Bewusstsein seiner Macht und Sonderstellung oder primär um seiner Selbstverwirklichung willen, sondern weil er im Interesse des Ganzen gebraucht wird und das Bestreben hat, seine Fähigkeiten in dem Maße, wie es gebraucht wird, für das Ganze einzusetzen. Führung wird hier zur konsequenten Dienstleistung. Machtausübung im Sinne der Gemeingesellschaft ist freiwilliger Dienst am Ganzen (vgl. Schwellenerfahrung: Schwellenbewusstsein im sozialen Leben).

  • Die theokratisch-hierarchische Gesellschaftsform ist die älteste, die schon in der Vergangenheit der Menschheitsgeschichte zu hoher Blüte gekommen ist (vgl. Mysterien und Initiation: Über die alten Mysterien).

  • Demokratie, Selbstbestimmung und Mitbestimmung sind Qualitäten der Gegenwart, die weltweit schon errungen wurden oder aber angestrebt werden.

  • Ganz zukunftsorientiert ist hingegen die dritte Gesellschaftsform, die Steiner die Gemeingesellschaft nennt. Denn sie setzt bereits den mündigen Menschen voraus, der seine eigene Aufgabe und Stellung in einer Gemeinschaft realistisch einschätzen kann. Er ist in der eigenen Entwicklung so weit fortgeschritten, dass er sich bewusst und freiwillig in einen bestimmten Sozialzusammenhang integrieren kann (vgl. Mysterien und Initiation: Mysterien des Willens).

Drei Glieder des sozialen Organismus

Auf den einzelnen Menschen übertragen entspricht diese Dreiheit der Art und Weise, wie wir mit unserem Denken, Fühlen und Wollen umgehen (vgl. Wesensglieder: Die Metamorphose der Wesensglieder in leibfreies Denken, Fühlen Und Wollen):

  • In Bezug auf das Denken muss jeder sein eigener unbedingter Herr und Herrscher werden im Sinne der pyramidal-hierarchischen Struktur.

  • Dem Fühlen wird man nur gerecht, wenn man in ständigem Austausch mit seiner Mitwelt steht, indem man mitempfindet und wahrnimmt, aber auch zulässt, dass man von anderen erlebt und wahrgenommen wird (Demokratie).

  • Das eigene Willensvermögen und die daraus resultierenden Handlungen sollten sich förderlich für die Mitwelt in das soziale Leben hineinstellen und sich nach den Erfordernissen und Bedürfnissen dieser Mitwelt richten (Gemeingesellschaft).

Damit ist auch der Schlüssel gegeben für einen ganz praktischen Zugang zu den drei Gliedern des sozialen Organismus:

  1. Zum Geistesleben: Was ich mir denke, was ich aus den Erfahrungen meines Lebens mache, was und durch wen ich lerne, entscheide ich allein.

  2. Zum Rechtsleben: Durch das Erleben und Einhalten von Spielregeln, die das soziale Miteinander der Menschen ordnen, entwickelt sich das für eine Gemeinschaft von Menschen spezifische Gerechtigkeitsempfinden, dass auch der andere zu seinem Recht kommen muss.

  3. Zum Wirtschaftsleben: Wo der Wille des einen auf die Handlungsbereitschaft eines andern Menschen trifft und unterschiedliche Bedürfnisse miteinander in Konflikt geraten, ist brüderliche Wahrnehmung der Intentionen des andern ebenso notwendig wie das Wahrnehmen der eigenen Aufgabe, die es auch gegen so manchen Widerstand zu verwirklichen gilt.

Treten in der Gemeinschaft Konflikte auf (vgl. Zusammenarbeit: Orientierung am gemeinsamen Ziel), so ist schon viel gewonnen, wenn man herausfindet, auf welcher Ebene des sozialen Lebens sie beheimatet sind. Dann ist es relativ leicht, adäquate Lösungsansätze zu finden. Auch ist es hilfreich, die heutzutage immer zeitaufwendiger und unbeweglicher werdenden demokratischen Leitungsstrukturen nicht nur als fortschrittlich anzusehen, weil sie den hierarchisch-patriarchalischen Führungsstil abgelöst haben, sondern sie auch einmal an der Idee der Gemeingesellschaft zu messen, wo nur das eingerichtet wird, was der Sache dient, weswegen sowohl individuelle als auch kollegiale (demokratische) Verantwortung gefragt sind (vgl. Mysterien und Initiation: Christliche Mysterien – Kultur der Verantwortung und Mitgestaltung).

Vgl. „Macht in der zwischenmenschlichen Beziehung“, 11. Kapitel, Verlag Johannes M. Mayer, Stuttgart – Berlin 1997

  1. Rudolf Steiner, Soziale Zukunft. GA 332a. Neueste Ausgabe Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz 2000.