Sinnfindung angesichts schwerer Schicksale
Wie kann man den Sinn von Krankheiten im menschlichen Schicksal finden, auch wenn es um katastrophale Krankheiten und schwerste Behinderungen geht?
Ein Beispiel aus der Praxis
Nehmen wir als Arbeitshypothese an, dass der Mensch sich entwickelt und dabei durch mehrere Leben geht. Nehmen wir obendrein an, dass Krankheit immer etwas mit Lernen zu tun hat, körperlich, seelisch, geistig. In diesem Kontext haben wir die Möglichkeit, Krankheit auf ihren Sinn und ihre Bedeutung hin zu befragen.
- Persönliche Reaktion
Bei mir regte sich daraufhin spontan das bürgerliche Bewusstsein: Ich dachte an die Krankenkasse, den Steuerzahler, an alles Mögliche – bis ich erfuhr, dass die Familie den Jungen so liebt, dass sie ihn nicht im Heim untergebracht haben, sondern ihn zu Hause betreuen. Zum Ausgleich für diesen elfmonatigen Dauerdienst bei Pflege und Betreuung und mit ständiger Rücksichtnahme auf seinen besonderen Bedarf, hatte man innerhalb der Familie die Verabredung getroffen, einmal im Jahr ohne ihn Urlaub zu machen, damit auch die anderen Kinder einmal ganz im Mittelpunkt stehen konnten mit ihren Bedürfnissen. Wir haben diesen Jungen betreut und ihn dabei liebgewonnen.
- Seltsames Verhalten des Kindes
Eines Vormittags aber war er außer Rand und Band und brüllte wie am Spieß. Ich konnte ihn nicht verstehen. Wir hatten uns bisher gut in einer nur uns verständlichen Gesten- und Lautsprache unterhalten. Ich stürzte herbei und dachte, es sei irgendetwas ganz Furchtbares passiert: Er sei aus dem Bett gefallen oder habe sich was angetan. Doch er brüllte nur und war nicht zu beruhigen. Des Rätsels Lösung zeigte sich jedoch bald, denn etwa sieben bis zehn Minuten später kam seine Mutter auf die Station. Er hatte ihr Kommen bereits wahrgenommen, bevor sie das Krankenhaus betreten hatte. Es ist unbeschreiblich, wie sich sein Freudengeheul steigerte, als sie ins Zimmer kam.
- Blickwinkel der Mutter
Sie erzählte mir beim Entlassungsgespräch, dass das Gebrüll Ausdruck reinster Freude sei und überhaupt nichts mit Schmerz zu tun habe und dass das immer so sei, wenn sie ihn woanders in Pflege gegeben hatte und zurückkehrte. Er merkte auch sonst schon im Voraus, wenn irgendetwas Ungewohntes in der Familie vor sich ging, als hätte er einen sechsten Sinn. Abschließend sagte sie: „Wissen Sie, für mich sind diese Wochen ohne meinen Jungen immer ganz furchtbar. Sie glauben gar nicht, wie schwer mir das fällt, ihn abzugeben. Aber das schulde ich meiner Familie. Die wollen einfach auch einmal im Jahr mit mir wandern, mit mir irgendetwas unternehmen, und deswegen bin ich auch so dankbar, dass Sie ihn hier aufnehmen." Wie ich mich bei diesem Entlassungsgespräch ob meiner allzu bürgerlichen Überlegungen schämte, die ich bei seiner Aufnahme angestellt hatte!
- Überdenken der eigenen Reaktion
Daraus lernte ich Verschiedenes: Zum einen, wie sehr man sich bei der Beurteilung anderer täuschen kann. Und was für eine starke seelische Kraft sich durch eine solche Schicksalsverbundenheit entwickeln kann. So eine innige Mutter-Kind-Beziehung auf solch einem hohen geistigen Niveau habe ich selten erlebt.
Welche Möglichkeiten eine schwere Krankheit eröffnet
Was kann der Sinn eines Lebens sein, wenn Stehen, Gehen, Sprechen nicht möglich sind und der Betreffende im Grunde lebenslanger Pflege bedarf?
Ich habe versucht, mich so gründlich wie irgend möglich in diese Situation hineinzudenken, also etwas zu tun, was im Grunde unerlässlich ist, wenn man diese Sinnfrage von innen heraus verstehen will.
- 1. Als Empfangender leben
Das Erste, was ich da bemerkt habe, war: Man lernt die Welt aus der Perspektive des Empfangens kennen. Man erlebt tagtäglich, wie die Umwelt einen prägt, behütet, versorgt, unterstützt, erfreut, liebt, mitnimmt, mitträgt. Diese Unmöglichkeit, sich selbst auszuleben, ist wie eine Art Atem-Anhalten, ein Art Zur-Ruhe-Kommen, das einen völlig neuen Ansatz für das weitere Schicksal schafft.
- 2. Vertrauen in den sozialen Umkreis
Was kann ein Mensch lernen, der ein ganzes Leben lang beschenkt wird?
Eine solche Situation ermöglicht aber auch ein Vertrauen-Fassen in die Tragekraft des sozialen Umkreises. Man hat es nur mit wenigen Menschen zu tun, die jedoch wirklich zu einem gehören. So konnte er eine ganz klare, besondere, vertrauensvolle menschliche Beziehung erleben, die sich in diesem Leben noch vertieft hat.
- 3. Keine Veranlagung von negativem Schicksal
Was kann er lernen, wenn er sich ein Leben lang nicht in Taten verwirklicht, wenn er daran gehindert ist, im Guten wie im Schlimmen etwas zu tun?
Man hat in dieser Konstellation keine Möglichkeit, durch böse Taten negatives Schicksal zu veranlagen.
Man hat aber auch keine Möglichkeit, durch gute Taten andere Menschen zu verpflichten oder gar von sich abhängig zu machen.
Man hat ein Leben, in dem man verarbeitet, klärt, beruhigt, ordnet, eine Bilanz erstellt.
Dadurch schafft man sich einen neuen Ausgangspunkt für ein nächstes Erdenleben, in dem einem die angestaute Kraft, die sich im jetzigen Erdenleben nicht verwirklichen konnte, zur Verfügung steht.
- 4. Veranlagung zukünftiger Fähigkeiten
Es gibt ja Menschen mit fast unvorstellbarer Genialität und Kraft. Man schiebt es staunend auf die Vererbung, auf Glück, auf Zufall. Man fragt aber in der Regel nicht, unter welchen Bedingungen solche besonderen Kräfte, eine solche Genialität, überhaupt entstehen können. Diese besonderen Kräfte sind das Ergebnis einer Schicksalsgegebenheit, in der man sich zurücknehmen musste und nicht oder nur teilweise ausleben konnte, was in einem veranlagt war. Genialität ist demnach oft das Ergebnis von Erdenleben, die im Zeichen großer Hindernisse und Behinderungen standen.
Mit der Frage nach dem Sinn leben
Mir ist am Schicksal dieses Jungen vieles deutlich geworden, was mir im Zuge meiner Berufsausübung immer wieder geholfen hat, wenn mich Eltern nach dem Sinn eines tragischen Schicksals fragten.
Es ist vor allem nötig, sich in die konkrete Situation hineinzudenken und sich einzufühlen. Man kann daraus weitere Fragen und Überlegungen ableiten. Wer ehrlich mit der Frage nach dem Sinn seines Schicksals oder desjenigen eines nahen Menschen lebt, bekommt eine Antwort – auch wenn es manchmal dauert es, bis Einsicht aufdämmert und zur Gewissheit wird.
Für den betroffenen Menschen mit Unterstützungsbedarf oder schwerer Krankheit bedeutet das Umgehen mit dieser Fragestellung, dass er in einer Atmosphäre leben darf, in der nicht nur Mitleid und Bedauern herrschen, sondern in der er mit all seinen Unfähigkeiten akzeptiert und bejaht wird als vollgültiger Mensch in einer besonderen Schicksalssituation. Darin kann auch so etwas mitschwingen wie die Vorfreude darauf, diesem Menschen in einem späteren Erdenleben wieder zu begegnen als einem, der viel zu geben hat, weil er das Annehmen, Empfangen und Verarbeiten gelernt hat.
Vgl. „Christus – und das Schicksal der Menschen“, Vortrag gehalten Oktober 2023 in Mannheim und das Büchlein: „Christus und das Schicksal des Menschen auf der Erde“

