Menschenkundliche Grundlagen der Freiheit
Worauf gründet sich die Freiheit des Menschen?
Was sagt die anthroposophische Menschenkunde dazu?
Inwiefern ist der freie Wille das größte Freiheitspotential des Menschen?
Freiheit als neue Qualität in der Schöpfung
Der Mensch als „Krone der Schöpfung“ ist der Ort der Verwandlung, wo die bisherige Schöpfung an ein Ende gekommen ist. Es wurde ein Schöpfungsschlusspunkt erreicht: Mehr kann im Menschen ohne sein bewusstes Zutun nicht erreicht werden. Jetzt muss eine neue Schöpfung beginnen – die Freiheit. Doch Freiheit ist eine neue Qualität, die nur durch den Menschen und seine Art der Entwicklung entstehen kann. Rudolf Steiner sagte, ein freies, selbstbestimmtes Wesen kann jeder nur selbst aus sich machen – weder Natur noch Gesellschaft können das. Ein jeder darf und muss es selber bewerkstelligen.
Meist braucht es eine Krise, damit man merkt: „Wenn ich mich jetzt nicht wirklich ergreife, mir selber sage, was und wer ich werden will, dann herrschen andere über mich oder ich werde krank oder rutsche völlig ab.“ Wenn man in diesen dunklen Stunden bestehen will, ist man gefordert, diesen Schritt der Selbstbestimmung zu wagen. Wenn nichts Altes mehr trägt, lernt man, sich in sich selbst zu halten und zu vertrauen, dass einen das eigene Werde-Ideal von nun an trägt. Das, was man sich als Ideal in innerster Wahrhaftigkeit und Gewissensfreiheit selber vornimmt „zu werden“, möchte ich das wahre Selbst nennen.
Metamorphose in Denken, Fühlen und Wollen als „Physiologie der Freiheit“
Dass wir überhaupt an unserer eigenen Vervollkommnung als Mensch arbeiten können, verdanken wir einer Besonderheit der menschlichen Konstitution, auf die ich im Folgenden näher eingehen möchte. Voraussetzung für unsere Freiheit ist, dass die vom Körper nicht genützten ätherischen, astralischen und Ich-Kräfte uns als leibfreies Kräftepotential zur Verfügung stehen. Rudolf Steiner und Ita Wegman nannten diesen Vorgang Metamorphose von körpergebundenen Kräften in leibfreie Kräfte (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Die Metamorphose der Wachstumskräfte in Gedankenkräfte).
- Aufbaukraft wird zu Denkvermögen
Entsprechend verdanken wir unsere Fähigkeit zu denken unseren zurückgehaltenen, leibbildenden Wachstums-, Heilungs- und Regenerationskräften, die der Körper nicht so nützt, wie es bei den Tieren der Fall ist. Stattdessen werden diese ätherischen Kräfte der leibfreien, seelisch-geistigen Tätigkeit des Denkens als „Bausubstanz“ zur Verfügung gestellt.
- Differenzierungskraft wird zu freiem Fühlen
Die körperliche Grundlage unserer Gefühle sind die astralischen Differenzierungskräfte. Im Körper differenzieren sie Zellen, Organe, das Geschlecht, Substanzen. Die „zurückbehaltenen“ Differenzierungskräfte werden zu unserem leibfreien Fühlen. Deshalb ist unser Gefühlsleben so fein ziseliert, und wir fühlen uns psychisch krank, wenn wir nicht verstehen, was wir fühlen. Rudolf Steiners sagt sinngemäß zur Depression: Eine depressive Stimmung taucht in dem Moment auf, wenn man die eigenen Gefühle nicht versteht, bzw. sie nicht mehr handhaben kann. je mehr wir verstehen, was wir fühlen, umso gesünder sind wir seelisch.
- Integrationskraft wird zu freiem Wollen/Handeln
Zuletzt die Integrationskräfte der Ich-Organisation: Sie integrieren im Körper Formen und regulieren Prozesse, schaffen ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Wirkungsweisen der seelischen, astralischen und physischen Kräfte. Immer, wenn wir von Integration in eine Ganzheit reden, meinen wir die Ich-Organisation. Wenn diese Kräfte den Körper verlassen und sich in seelische Fähigkeiten verwandeln, sprechen wir vom „freien Willen“:
- In Bezug auf den Körper , ist der Wille abhängig von der menschlichen Konstitution und der eigenen Befindlichkeit.
- Außerkörperlich aber lebt das Ich „seelisch frei im Denken“1 als freier Wille, als Handlungsvermögen.
Der leibbefreite Wille ist völlig frei, ist reine Kraft, Energie, Handlungsvermögen. Doch jeder Mensch muss sich selbst zu seinen Handlungen motivieren, muss sich für das begeistern, was er für richtig hält, um es dann zu tun. Das geschieht nicht von selbst.
Fazit: Die Fähigkeit zu denken und zu fühlen wurden uns von der Schöpfung zur Verfügung gestellt, unseren Willen müssen wir jedoch selbst schulen.
Vgl. Vortrag „Das eigene Menschsein entwickeln“, gehalten im Rudolf-Steiner-Haus, September 2024
- Rudolf Steiner und Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst, GA 27.

