Instinktdefizit als Voraussetzung für Freiheit

Was ist die tiefere Ursache des menschlichen Instinktdefizits?

Welche Vorzüge hat der Mensch dadurch gegenüber dem Tier?

Wo ist Freiheit in der menschlichen Konstitution verankert?

Kardinaler Unterschied zwischen Mensch und Tier

Die Schöpfung, wie auch die Evolution seither, kann – wenn sie will – perfekte Wesen hervorbringen. Kein Hund kann hundiger werden, keine Katze katziger. Dazu gehört auch der Umstand, dass eine Kuh, wenn geschlechtsreif wird, sie zugleich auch sozialkompetent wird, sodass sie sich perfekt um ihren Nachwuchs kümmern kann. Beim Menschen passiert in der Pubertät exakt das Gegenteil.

  • Instinktdefizit

Denn wir Menschen haben den Tieren gegenüber ein kollektives Instinktdefizit. Wir können uns nicht von Natur aus zu vollkommenen Menschen entwickeln. In meinem Buch „Kita, Kindergarten und Schule“1 bin ich ausführlich auf die Ursachen für dieses Instinktdefizit eingegangen. Das anthroposophische Menschenbild beschreibt unsere natürliche Konstitution als fünfgliedrig, ähnlich wie die vorchristlichen Weisheitslehrer anderer Kulturen es taten. Sie bauten ihre Lehren auf diesem Menschenbild auf, aber sie konnten es nicht für unsere Zeit zugänglich machen und erklären. Das war Rudolf Steiners Aufgabe. Er ging auf die fünf Wesensglieder in ihrem Zusammenhang und ihrem Wirken so genau ein, dass man es auch heute gedanklich nachvollziehen, mit dem naturwissenschaftlichen Menschenbild zusammenschauen und auf diese Weise umfassend verstehen kann (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Die fünf Ebenen des anthroposophischen Menschenbildes).

  • Zurückhaltungskraft

Wir haben demnach Teil an der mineralischen, pflanzlich-lebendigen und tierisch-empfindsamen Natur – sind darüber hinaus aber auch mit einer Ich-Organisation ausgestattet, über die das Tier nicht verfügt. Diese Ich-Organisation hält einen Teil der naturgegebenen Kräfte im Menschen zurück, was verhindert, dass die uns innewohnende Schöpfungsweisheit wie von selbst – automatisch – einen perfekten Menschen aus uns macht. Unsere Ich-Organisation befähigt uns zur Zurückhaltung, dass wir nicht blind unseren Trieben und Instinkten folgen müssen. Wir können dadurch auf etwas verzichten, müssen nicht allem folgen, was uns anzieht oder uns interessant vorkommt.

5. Prinzip als Freiraum

Was aber geschieht mit den zurückgehaltenen Kräften im menschlichen Organismus?

Rudolf Steiner erklärt ganz konkret, was mit den ätherisch-aufbauenden, astralisch-differenzierenden und ichhaft-integrierenden Kräften, die von der Ich-Organisation blockiert bzw. zurückgehalten werden, geschieht:

  • Die aufbauenden Lebenskräfte des Ätherischen Organismus, die sich körperlich nicht realisieren können und deshalb auch nicht das perfekte Instinktprogramm liefern, gehen aus dem Körper heraus, werden leibfrei, und verwandeln sich, indem sie sich am Gehirn spiegeln, zu unserem Denkvermögen (vgl. Doppelnatur des Ätherischen: Die Metamorphose der Wachstumskräfte in Gedankenkräfte)(Denken).
  • Die körperlich zurückgehaltenen Differenzierungskräfte des astralischen Organismus, die nicht ausgelebten Begierden, erscheinen außerkörperlich als freie empathische Empfindungs- und Gefühlskompetenz (Fühlen).
  • Und die zurückgehaltenen Integrationskräfte der Ich-Organisation selbst, erscheinen außerkörperlich als freier Wille (Wollen). Der sogenannte freie Wille ist im Körper nicht zu finden.

Diese vom Ich dem Körper entzogenen Kräfte, bilden das Kräftegefüge für unsere geistige Kompetenz, unser 5. Seins-Prinzip – von Aristoteles „pempte ousia“, das fünfte Seiende, genannt. Es ist die Grundlage menschlicher Freiheit.

Der Mensch als Mitschöpfer – zweite Geburt

Diese Unvollkommenheit im Physischen gab dem Menschen erst die Möglichkeit, als „Krone der Schöpfung“ zu wirken: durch die Fähigkeit, selbst zum Schöpfer zu werden, in sich selbst Neues zu erschaffen, sich selbst neu zu gebären. Das bedeutet aber auch, dass wir uns geistig finden und aus uns heraus bestimmen müssen, welche Art Mensch wir werden wollen, welche Art von Entwicklung wir anstreben, wofür wir uns verantwortlich zeigen. Wir müssen uns fragen:

Will ich meinen Gewissensraum, diese Krone zum Geistigen hin, öffnen oder nur selbstgerecht und selbstbezogen meinem guten oder schlechten Gewissen folgen, wie es mir beigebracht wurde?

Das ist heute eine spannende Frage, unsere Existenz als Mensch betreffend.

Ich liebe das anthroposophische Menschenbild, weil es mir nicht nur hilft, den Alltag zu bewältigen, sondern auch Grundlage meiner medizinischen Kompetenz ist. Dieses Menschenbild macht die Psychosomatik konkret verständlich, zeigt aber auch auf, warum wahrhaftiges Denken, Gebete, Meditation und Gefühle wie Verehrung und Dankbarkeit gesundheitsfördernd sind. Denn bei alledem handelt es sich um dieselben Kräfte, die unserer körperlichen Konstitution zugrunde liegen.

Vgl. „Die sieben Entwicklungsgeheimnisse der Menschheit“, Vortrag vom 13. Mai 2025, gehalten in Mannheim sowie das Büchlein „Entwicklungsperspektiven im Leben des Einzelnen und der Menschheit“, von gesundheit aktiv, Esslingen 2025.

  1. Michaela Glöckler, „Kita, Kindergarten und Schule“, waldorfbuch.