Freiheit aus Voraussetzung für Selbstverantwortung
Inwiefern hängen Freiheit und Selbstverantwortung zusammen?
Warum ist der christliche Gott ein ohnmächtiger Gott?
Was verbindet das Göttliche unverbrüchlich mit dem Menschlichen?
Gottgewollte menschliche Freiheit
Freiheit ist natur-, gott- und schöpfungsgewollt – aber wir sind gefordert, sie zu entwickeln. Dessen müssen wir uns erst einmal bewusstwerden und dann entscheiden, wie wir mit dieser Aufgabe umgehen wollen. Die Schöpfermächte lassen uns diesbezüglich vollkommen frei.
Darin liegt auch der Unterschied zwischen den vorchristlichen und den nachchristlichen Religionen:
- Die vorchristlichen waren regional und volksbezogen: Man verehrte die Götter in der Natur.
- Die nachchristlichen , wie z.B. der Islam und die Bahai-Religion, sind menschheitlich ausgerichtet und nicht an ein Volk, einen Ort oder an eine Hautfarbe gebunden.
Das Christentum unterscheidet sich von den vor- und nachchristlichen Religionen in einem Punkt: durch Gottes Ohnmacht, seine Zurückhaltung selbst gegenüber den schrecklichsten menschlichen Abirrungen. Als Nietzsche diese Zurückhaltung Gottes hinterfragte, kam er zu dem Schluss: „Gott ist tot“ . Es könne ihn nicht mehr geben, sonst würde er sich doch bemerkbar machen. Gott ist aber nicht tot, er hat sich vielmehr selbst aus seiner früheren Machtposition zurückgezogen, hat sich bewusst in die Ohnmacht begeben.
Die Kreuzigung ist das Wahrbild der göttlichen Ohnmacht, bekräftigt durch das Gebet am Kreuz: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Es ist offenbar von Gott gewollt, dass wir durch diese finstere Epoche gehen müssen, in der wir nicht (mehr) wissen, dass wir von göttlicher Herkunft sind und auch nicht bemerken, wie unmenschlich wir uns benehmen.
Menschliche Freiheit dank göttlicher Ohnmacht
Den wahren Grund für die „Ohnmacht Gottes“ stellte der Ethik-Philosoph Hans Jonas in seinem Essay „Der Gottesbegriff nach Auschwitz“1 dar (vgl. Ethische Fragen: Hans Jonas ethisches Prinzip der Verantwortung). Nachdem er erfahren hatte, dass seine Mutter in den Gaskammern von Auschwitz verstorben war, rang er ob dieser offensichtlichen Ungerechtigkeit mit der Frage, wo Gott war, als Auschwitz geschah, warum er nicht eingeschritten war. Er konnte nicht begreifen, wie ein allwissender, allmächtiger, liebender Gott diese Gräueltaten zulassen konnte. Er hätte doch Mittel und Wege finden müssen, dieses Grauen zu verhindern.
Hans Jonas kam in dieser tiefen Sinnkrise zu dem Schluss, dass die göttliche Schöpferweisheit im Laufe der Entwicklung ihr Verhältnis dem Menschen gegenüber grundlegend verändert haben musste, dass Gott den Menschen in die Freiheit entlassen hatte und ihm gegenüber deshalb auf Macht und Allwissenheit verzichtete. Denn nur in Freiheit ist der Mensch in der Lage, zunehmend ein Bewusstsein seiner selbst und seiner Taten zu entwickeln. So konnte er dann auch sein Hauptwerk schreiben, „Das Prinzip Verantwortung“. 2
Das Einzige, worüber Gott und die Menschen unverbrüchlich verbunden bleiben, ist die Liebe. Denn Liebe ist mit Freiheit vereinbar. Macht und Wissen hingegen nicht. Hans Jonas erkannte, dass der Mensch für den Holocaust verantwortlich war, nicht Gott.
Vgl. Vortrag „Das eigene Menschsein entwickeln“, gehalten im Rudolf-Steiner-Haus, September 2024
- Den Text Der Gottesbegriff nach Auschwitz. Eine jüdische Stimme trug Hans Jonas 1984 als Dankesrede vor, als ihm die Universität Tübingen den Leopold Lucas-Preis verlieh.
- Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung – Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, Frankfurt a.M. 1979.

