Entwicklung und Wirkweise der Heil-Eurythmie

Welche Verbindungen gibt es zwischen den Lauten unserer Sprache und dem Kosmos?

Inwiefern können Bewegungen heilsam wirken?

Wie und wann entwickelte sich die Heileurythmie?

Verhältnis von Makrokosmos und Mikrokosmos erfassen

In der Zeit vom 19. Oktober bis 11. November 1923 – die Arbeit „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst“1 hatte bereits begonnen – hielt Rudolf Steiner in Dornach Vorträge mit dem Titel: „Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes“.2 Sein Anliegen war, dass das doch eher abstrakte Konzept, das der Mensch gegenüber dem Makrokosmos ein Mikrokosmos ist, und alle Gesetzmäßigkeiten der Welt in sich birgt, möglichst konkret erfasst würde.

Das Verhältnis von Makrokosmos und Mikrokosmos wird in der Eurythmie dadurch weiter konkretisiert, dass

  • die Bewegungen für die Konsonanten in Beziehung gesetzt werden zu den Fixsterngruppen und ihren Formen, wie sie im Tierkreis zum Ausdruck kommen.

  • Die Vokalgesten hingegen korrelieren mit den Planetenbewegungen und dem Charakter der einzelnen Planeten.

  • Hinzu kommt, dass auch die Tierkreisbilder selbst in spezifischen eurythmischen Gesten zugeordnet werden.3

  • ebenso wie den Planetenbewegungen als solchen eigene Gesten zugeordnet werden.4

1923 folgte vom 15. bis 18. November in den Haag der Vortragszyklus: „Der übersinnliche Mensch anthroposophisch erfasst“.5 Auch dort kam Rudolf Steiner auf die Eurythmie zu sprechen und darauf, wie wenig die Menschen gegenwärtig noch fühlen, wie sie eigentlich beim Aussprechen von Vokalen ihr Gefühl für das, was sie sagen wollen, zum Ausdruck bringen, in den Konsonanten hingegen das jeweils konkret Sachliche, worum es geht: „Das Innere der Menschenseele bedeutet Vokale, Konsonanten bedeuten immer Formen.“6

Das Verhältnis von Makrokosmos und Mikrokosmos wird in der Eurythmie dadurch weiter konkretisiert, dass

Von der Eurythmie zur Heil-Eurythmie

Die Entwicklung der Eurythmie begann im Jahr 1912. Zunächst ging es dabei um eine neue Bewegungskunst.7

  • 1. Neue Bewegungskunst

Die Entwicklung der Eurythmie begann im Jahr 1912. Zunächst ging es dabei um eine neue Bewegungskunst.8

  • 2. Pädagogische Eurythmie

Nach dem Ersten Weltkrieg und mit der Begründung der Waldorfschule durch Emil Molt (1876–1936)9 kam die pädagogische Eurythmie hinzu, für die Rudolf Steiner als pädagogischer Leiter der Waldorfschule dann einen Lehrplan für die Klassen 1–12 entwarf und auch für den Vorschulbereich Hinweise gab, wie hier mit den Kindern eurythmisiert werden kann.10

  • 3. Heil-Eurythmie bzw. Eurythmie-Therapie

1921 entwickelte er – angeregt durch die an der Waldorfschule tätigen Eurythmistinnen – die therapeutische bzw. Heil-Eurythmie, heute auch Eurythmie-Therapie genannt. Diese neue Therapieform stellte er dann im Ärztekurs von 1921 dar, wobei die beiden Schuleurythmistinnen die Übungen demonstrierten. Dabei betonte er wiederholt, dass die Heileurythmie nicht ohne ärztliche Indikation und Begleitung durchgeführt werden sollte.11

Wie Bewegungen zustande kommen

„Alle Bewegungen beruhen auf der inneren Wesenheit der Menschen-Organisation. Aus dieser fließt in den ersten Jahren des menschlichen Lebens die Sprache. So wie sich nun der Laut in der Sprache der Konstitution des Menschen entringt, so können bei einer wirklichen Erkenntnis dieser Konstitution Bewegungen aus dem Menschen und aus den Menschengruppen herausgeholt werden, die eine wirkliche sichtbare Sprache oder ein sichtbarer Gesang sind.“12

In der Eurythmie und Heileurythmie werden nach Steiners Auffassung alle vier Wesensglieder zum Zusammenwirken aufgerufen:

  • Die Bewegung muss aktiv gewollt sein – d.h. vom Ich aus bewusst gestaltet werden.

  • Die astralische Organisation als Träger von Bewusstsein und Bewegung gibt dazu die Möglichkeit der Umsetzung.

  • Die Bewegungsformen hingegen sind den Bildebewegungen des Ätherischen angepasst.

  • Diese wiederum können im physischen Organismus Formbildung, Regeneration und Regulierungsprozesse anregen.

Dabei spielt auch die funktionelle Dreigliederung des Organismus eine wichtige Rolle, da die Sprachlaute mit ihren Bewegungsformen einen jeweils spezifischen Bezug zu

  • den Nerven/Sinnesprozessen,
  • den rhythmischen Vorgängen von Herz und Lunge
  • und den Verdauungsprozessen im Stoffwechsel haben.

Da alle Bewegungsformen jedoch solche sind, die der Ätherleib seiner Natur nach als Wachstums- und Regenerationsbewegungen realisiert, kann man auch sagen, dass Ich-Organisation, astralische Organisation und die physische Organisation sich hier heilend in den Dienst der ätherischen Organisation stellen, diese in ihren Hauptfunktionen in Form von Wachstum und Regeneration zu stärken.

Die Bedeutung der Bildebewegungen

Elke Neukirch hat in einer aussagekräftigen Studie Steiners Differenzierung der pädagogisch-hygienischen, hygienisch-eurythmischen und hygienisch-therapeutischen Arbeit zur Darstellung gebracht.13 Studiert man die Bewegungsformen der Sprach-, Laut- und Ton-Eurythmie, und bringt diese Bewegungsformen in Verbindung mit den Bildebewegungen im Verlauf der Embryonalentwicklung, so versteht man unmittelbar einen Kernsatz aus den Vorträgen über Heileurythmie, dass nämlich jede Form eine „zur Ruhe gekommene Bewegung“ sei.14 Während die embryonalen Bildeprozesse Fließbewegungen zeigen, Aus- und Einstülpungen, Verzweigungen, aufeinander zulaufende Wachstumsbewegungen, Differenzierungsprozesse, Induktionsvorgänge und Integrationsprozesse, zeigen die definitiven anatomischen Formen die zur Ruhe gekommenen Bewegungen an.

Dem Göttinger Anatom und Embryologen Erich Blechschmidt (1904–1992) ist es zu verdanken, dass man diese – von ihm ‚Bildebewegungen‘ genannten – Phänomene heute im Großformat studieren kann im Anatomischen Institut in Göttingen, wo er stark vergrößerte Modelle der verschiedenen embryonalen Entwicklungsstadien herstellen ließ – bis heute eine vielbesuchte Dauerausstellung.15

AD 1. Grundelemente der (künstlerischen) Eurythmie

Während in der Gymnastik Bewegungen geübt und gepflegt werden, die sich aus der Statik und Dynamik des physischen Leibes ergeben, bedarf die eurythmische Bewegung des eingehenden Studiums der ätherischen Bildebewegungen, denen sich der physische Leib dann anzupassen hat.

In der künstlerischen Eurythmie kann in Form ‚sichtbarer Sprache und sichtbaren Gesanges‘ Dichtkunst und Musik zur Darstellung kommen. Zudem gibt es auch Ausdrucksformen für charakteristische Körperhaltungen und seelische Ausdrucksweisen.16

Jedem eurythmischen Laut sind in dem Zusammenhang drei Farbqualitäten zugeordnet, wodurch sich der seelische Ausdruck der Bewegungen weiter nuancieren lässt:

  • Es gibt eine Farbe für die Bewegung als solche, sie wird durch die Farbe des Eurythmiekleides zum Ausdruck gebracht.

  • Der Schleier, der über das Kleid geworfen wird und auch die Arme bedeckt, hat die Farbe der zugehörigen Gefühlsqualität.

  • Der willenshafte Charakter, der Impetus, mit dem die Bewegungsform des Lautes gemacht wird, hat wiederum eine andere Farbnuance.

Wer Eurythmie studiert, weiß, wie lange es dauert, bis diese verschiedenen Seelenstimmungen von Bewegung, Gefühl und Charakter eines Lautes so stark empfunden werden können, dass sie über den Bewegungsausdruck auch für den Zuschauer sichtbar werden.

Zusammen mit der Bildhauerin Edith Maryon (1872–1924) gestaltete Rudolf Steiner Eurythmie-Figuren für die Hauptkonsonanten und Vokale sowie die Seelengesten und die Dur- und Mollstimmung, die diesen farbigen Dreiklang zeigen und das Studium erleichtern.

AD 2. Pädagogische Eurythmie

In der pädagogischen Eurythmie steht die Kunst im Dienst der altersgerechten körperlichen und seelischen Entwicklung: „Bei der Eurhythmie strömt sich der ganze Mensch, nach Körper, Seele und Geist in Bewegung aus. Das fühlt der heranwachsende Mensch, und er erlebt diese eurhythmischen Übungen mit ganz derselben Natürlichkeit als eine Äußerung der menschlichen Natur, wie er in jüngeren Jahren das Sprechenlernen erlebt.“17

AD 3. Heileurythmie

„Werden die Bewegungs-Gebärden der Kunst- und pädagogischen Eurhythmie modifiziert, so dass sie aus der kranken Wesenheit des Menschen so fließen, wie die anderen aus der gesunden, so entsteht die Heil-Eurhythmie.“18

Liegen Krankheitsprozesse vor, so entstehen abweichende Bildebewegungen, verstärkte, geschwächte, gestaute oder fahrige Bewegungsmuster. Praktizierende der Heileurythmie mit ausreichender Erfahrung gewinnen bereits aus dem Gangbild, aus der Art, wie der betreffende Mensch aufrecht steht und sich spontan bewegt klare Anhaltspunkte dafür, welche physiologischen Prozesse mithilfe der Heileurythmie zu regulieren sind. Dabei werden dann die indizierten Vokale, Konsonanten oder auch Ton- und Intervallbewegungen intensiv wiederholt und dadurch eine regulierende Rückwirkung auf den Stoffwechsel-Bewegungsorganismus des betreffenden Menschen ausgeübt.19

Man sieht, wie hier äußerlich Ausgeführtes sich gesundend in die Organe hinein fortsetzt, wenn einer Organerkrankung die bewegte Gebärde genau angepasst ist. „Weil diese Art, durch Bewegung in dem Menschen zu wirken, auf Körper, Seele und Geist geht, wirkt sie in intensiverer Art in das Innere des kranken Menschen hinein, als alle andere Bewegungs-Therapie.“ 20

„Es sind auch die praktischen Erfolge der Heil-Eurhythmie solche, dass man sie durchaus als ein segensreiches Glied unserer hier dargestellten therapeutischen Denkweise ansprechen kann.“21

Vgl. Einleitung zu Band 15, Schriften zur Anthroposophischen Medizin, Kritische Edition der Schriften Rudolf Steiners“, frommann-holzboog Verlag, Stuttgart 202522

  1. Rudolf Steiner, Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst, GA 27.
  2. Rudolf Steiner, Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes, GA 230.
  3. Rudolf Steiner, Eurythmie als sichtbare Sprache (Laut-Eurythmie-Kurs), GA 279.
  4. Rudolf Steiner, Der übersinnliche Mensch, anthroposophisch erfaßt, GA 231.
  5. Rudolf Steiner, GA 133, 201, 202, 207, 208, 209, 219.
  6. Siehe FN 3, S. 120.
  7. Rudolf Steiner, Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie, GA 277a, Eurythmie als sichtbarer Gesang (Ton-Eurythmie-Kurs), GA 278, und Eurythmie als sichtbare Sprache (Laut-Eurythmie-Kurs), GA 279).
  8. Vgl. Esterl (2012).
  9. Vgl. Rudolf Steiner, Lucifer-Gnosis. Grundlegende Aufsätze zur Anthroposophie und Berichte aus den Zeitschriften „Luzifer“ und „Lucifer-Gnosis“, GA 34 und Die Methodik des Lehrens und die Lebensbedingungen des Erziehens, GA 308 sowie Stockmeyer (2017) und Stein-von Baditz (2021), 32–35. (Letztere beiden sind online verfügbar unter: www.forschung-waldorf.de/publikationen/detail/ueber- die-paedagogische-eurythmie-fuer-unterrichtende-1/); [6.1.2025].
  10. Siehe FN 1, S. 88.
  11. Siehe FN 1, S. 86.
  12. Vgl. Neukirch (2016).
  13. Vgl. Rudolf Steiner, Eurythmie als sichtbare Sprache (Laut-Eurythmie-Kurs). GA 279, 210.
  14. Siehe Humanembryologische Dokumentationssammlung Blechschmidt: www.anatomie.uni-goettingen.de/de/humanembryologie.html.
  15. Vgl. Rudolf Steiner zur Rolle von Schleier und Gewand in der eurythmischen Kunst in Eurythmie als sichtbare Sprache (Laut-Eurythmie-Kurs), GA 279, 131f. u. 298.
  16. Siehe FN 1, S. 87.
  17. Ebenda.
  18. Inzwischen liegt eine gediegene Grundlagenliteratur zu Heileurythmie vor: Kirchner-Bockholt (2010); Kingeter und Schapink (2023); Armstrong (2016); H.-B. und E. von Laue (2016); Keller-Roth (2021); Barfod und Hachtel (2023).
  19. Siehe FN 1, S. 88.
  20. Ebenda.
  21. In Band 15 der SKA findet sich auch das umfangreiche Literatur- und Referenzverzeichnis. Wer den Inhalt weiter vertiefen möchte, kann sich dort darüber informieren.