Dreifaches Schicksalsverständnis

Auf welchen drei Ebenen spielt unser Schicksal?

Wie können wir sie unterscheiden lernen?

Warum ist es so wichtig, Empathie für die Zeit, in der wir leben, aufzubringen?

Persönliches, soziales und Zeitschicksal

Wollen wir unsere und die Biografie anderer wirklich verstehen, müssen wir lernen, das Schicksal in dreifacher Weise ernst zu nehmen:

  1. 1. als persönliches Schicksal, also individuell

  2. 2. als Schicksal, das man mit seinem Umfeld hat, mit anderen Menschen – ein Netzwerk der Betroffenheit, familiär oder am Arbeitsplatz.

  3. 3. Das Dritte ist das Zeitschicksal, das zwei Aspekte hat:

Als ersten Aspekt von Zeitschicksal können wir beispielsweise die Amokläufe vielerorts nehmen. Hier spielen Zeitschicksal, soziales Netzwerk und die persönliche Komponente ineinander, aber der Hauptschwerpunkt liegt auf dem Zeitschicksal. Denn eine solche Tat ist erst heutzutage möglich. So etwas wäre in meiner Jugend undenkbar gewesen – es gab weltweit nicht einen einzigen Fall. Amokläufe sind neu, liegen in der Zeit, genauso wie Selbstmordattentate. Das alles wird noch sehr zunehmen, bis man sich daran gewöhnt hat, mit der Allgegenwärtigkeit des Todes zu leben ohne dabei neurotisch oder psychotisch zu werden.

Der zweite Aspekt von Zeitschicksal beruht darauf, dass jetzt die vierte oder fünfte Materialistengeneration lebt, die von seelischer Öde erfüllt ist, von dem Erleben totaler Sinnlosigkeit. Anders kann man sich nicht erklären, dass man sich mit Lust in die Luft sprengt. Wenigstens einmal berühmt sein und dem Leben einen Kick geben! Wo doch sowieso alles öde und sinnlos ist und dabei noch stressig! Ich kann das total verstehen. Wo wären wir alle, wenn wir die Anthroposophie nicht hätten! Ich wäre in der Klapsmühle oder bei den Terroristen! Bestimmt niemand von uns wäre brav angepasst mit unseren Ecken und Kanten, die wir hier alle haben – wir wollen doch etwas!

Lesen der Schicksalssignatur

Auch für die Diagnostik ist es wichtig diese drei Schicksalsaspekte zu unterscheiden. Wir müssen genau schauen, wie die Schicksalssignatur aussieht und uns fragen:

Wo steht der Mensch auf seinem persönlichen Entwicklungsweg?

Welche Herausforderungen hat er sich persönlich gesucht?

Und welchen Herausforderungen steht er gegenüber, weil das Schicksalsumfeld etwas von ihm braucht?

  • Jemand kann ganz zufrieden sein mit seiner Gesundheit und seinem persönlichen Karma und dabei in katastrophalen karmischen Netzwerken festhängen und nicht herauskommen. Er will da vielleicht auch gar nicht raus.

  • Umgekehrt kann jemand ein phantastisches karmisches Umfeld haben und sich darin als Individuum nicht zugehörig fühlen, kann total verzweifelt sein und keiner weiß, warum.

Manch einer ist krank oder hat ein Problem nicht um seinetwillen, sondern um der Leute willen, die mit ihm zu tun haben, die nur aufwachen, weil dieser Mensch plötzlich einen schweren Verkehrsunfall hatte. Manche Unfälle geschehen wegen dem Ehepartner oder einem Kind, weil diese dadurch eine Orientierung fürs Leben bekommen. Das sind Stellvertreter-Handlungen – man macht etwas für andere, wird Schicksal für andere.

Verstehen als Schlüssel zum Zeitschicksal

Es ist absolut notwendig, dass wir als Therapeuten verstehen, wie Leid zustande kommt und welche Aufgabe es hat. Es gilt herauszufinden:

Wie mischen sich menschheitlicher Aspekt, soziales Netzwerk und persönlicher Anteil in der Schicksalskonfiguration?

Das lässt sich nicht einfach so beantworten, das ist eine Frage, die gehegt werden muss, mit der man intensiv leben muss auf der Suche nach dem heiligen, gesunden unantastbaren Wesen des anderen, egal, welche mit Behinderungen sein Körper oder seine Seele zu tun haben.

Und solange wir nur meinen, das alles beträfe die anderen, solange wir uns beklagen darüber, wie furchtbar es heute auf der Welt zugeht – „Eigentlich müsste doch alles ganz anders sein!“ – sind wir noch nicht fähig das Zeitschicksal in seiner Bedeutung zu begreifen, dann fehlt uns die Empathie für unsere Zeit. Wir müssen tief im Inneren verstehen, warum alles ist, wie es ist, und gar nicht anders sein kann.

So wie heute Kinder allerorts mit Gewalt und Krieg konfrontiert werden, kann man froh sein, dass es nicht noch viel schlimmer ist, z. B. auch angesichts der neuen Armut. Ich erlebe daran die unendliche Behütung aus der geistigen Welt.

Vgl. Ausführungen aus Seminargruppe 5 an der Kunsttherapietagung 2010 in Dornach