Schicksalskunst im Lichte der Mysteriendramen

Was ist unter Schicksalskunst zu verstehen?

Die Mysteriendramen1 Rudolf Steiners wurzeln im Anthroposophischen Kunstimpuls (vgl. Identität und Ich: Kunst als Weg zur Ergreifung des Ich). Alle Kunstrichtungen sind in der Inszenierung vertreten. Und auch die höchste Kunst, die „Schicksalskunst“, strahlt als eine Projektion des Geistesmenschentums aus einer fernen Zukunft herein. Denn das ganze Geschehen ist durchwoben und durchzogen von dem Willen zur Schicksalserkenntnis, zur aktiven Schicksalsgestaltung (vgl. Schicksal und Karma: Schicksalserleben – persönlich, beruflich-sozial und zeitgeschichtlich).

Es ist interessant, dass der Vortragszyklus „Kunst im Lichte der Mysterienweisheit“2 von Rudolf Steiner Ende 1914, Anfang 1915 gehalten wurde im Rahmen einer Weihnachtstagung vom 28. Dezember 1914 bis zum 3. Januar 1915. 1914 konnte Rudolf Steiner das fünfte Mysteriendrama nicht mehr schreiben und aufführen, weil der Krieg ausgebrochen war.

Wenn man den Vortragszyklus unter diesem Aspekt liest, merkt man, dass er ganz vieles enthält, was in diesem fünften Mysteriendrama und in eventuell darauf folgenden noch ergriffen und künstlerisch gestaltet worden wäre, Gesetzmäßigkeiten betreffend, wie Menschen ihr Schicksal gestalten.

Ich möchte ein paar Sätze aus diesem eben genannten Vortrag vorlesen, die dem Zusammenhang zwischen Kunst und Karma gewidmet sind.

„Es ist sehr schwierig, wirklich die Empfindung zu entwickeln, dass man sein Schicksal mit dem eigenen Ich heranträgt. Wahr ist es aber, wir tragen unser Schicksal mit unserem eigenen Ich heran und die Impulse bekommen wir nach Maßgabe unserer früheren Inkarnationen in dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, sodass wir da unser Schicksal selber an uns herantragen. Und wir müssen danach streben, zusammenzuwachsen mit unserem Schicksal, müssen immer mehr und mehr, statt antipathisch einen schweren Schicksalsschlag abzuwehren, uns sagen: Dadurch, dass dieser Schicksalsschlag dich trifft, das heisst, dass du dich triffst mit dem Schicksalsschlag, dadurch machst du dich in gewisser Beziehung stärker, kräftiger, kraftvoller. Es ist schwieriger, so mit seinem Schicksal zusammenzuwachsen als uns dagegen zu wehren (…).“3

Die folgende Stelle bezieht sich auf etwas, was er davor erwähnte: Wenn man eine Konzentrationsübung im Denken macht, kommt man an einen Punkt, an dem einem dieser Gedanke entschwindet. Er wird so stark, dass man merkt: Das ist eine objektive Gestaltungskraft, das ist gar nicht mein Gedankenbild! Ich bin jetzt in einer objektiven Kraft-Physiognomie aufgegangen. Das sind erste, feine Ansätze der Erlebens, dass man sich beim bewussten Denken im außerkörperlichen Ätherleib befindet, der sich am Gehirn nur reflektiert. Wenn der persönliche, reflektierte Gedanke erstirbt, erlebt man sich für einen Moment als Weltgestaltungskraft. Man ist ganz zu diesem Gedanken geworden, der aber als eigener Gedanke erstorben ist. Darauf bezieht Steiner sich hier:

„Es ist schwieriger, so mit seinem Schicksal zusammenzuwachsen, als uns dagegen zu wehren, aber das, was wir verlieren, wenn unser Gedanke erstirbt, das können wir nur wiedergewinnen, wenn wir auf diese Weise, was außer uns ist, in uns hineinziehen. In dem, was in unserer Haut ist, können wir nicht bleiben, wenn der Gedanke bei der Konzentration in uns erstirbt, aber hinaustragen wird er uns, wenn wir unser Karma, unser Schicksal, im wahren Sinn erfasst haben. Da wecken wir uns wieder auf. Der Gedanke erstirbt, aber das, was wir als Identifizierung erfasst haben zwischen unserem Ich und unserem Schicksal, das tragen wir hinaus, das trägt uns draußen in der Welt herum. Diese Gelassenheit gegenüber unserem Schicksal, das wahrhaftige Hinnehmen unseres Schicksals, das ist es, was uns mit Existenz beschenkt, wenn wir außerhalb unseres Leibes sind.“ 4

In den Mysteriendramen wird gezeigt, dass, wann immer der cholerische Strader für Momente seine Gelassenheit verliert, sofort der Freund kommt und sagt: „Jetzt hast du aber deine Gelassenheit verloren.“ Oder er sagt: „Ich werde ihn begleiten.“ Sofort sind die Schicksalsgenossen da, die sich auch auf dem Weg befinden, ihr Schicksal ernst nehmen zu lernen. Deswegen arbeiten alle wie „Schicksalskünstler“ zusammen, helfen sich gegenseitig, damit keiner fällt, sondern es alle gemeinsam schaffen. Die Mysteriendramen sind ein Vorbild für diese Schicksalsgenossenschaft.

Die härteste Prüfung ist sicher die, als Strader, dem es so schwer fiel Gelassenheit zu üben, erfährt, dass seine geliebte Theodora durch Johannes Thomasius okkult hingemordet wurde und er begreift, dass die Verhaltens- und Handlungsweise des Johannes schuld ist am Tod seiner Frau. Sogar der hellsichtige Felix Balde sagte dazu:

„Mein Hellsehen hat mich bei ihr getäuscht; sie hatte eigentlich noch ein langes Leben vor sich.“

Doch jetzt besteht Strader die Prüfung, behält seine Gelassenheit, bricht nicht zusammen, bekommt keinen Wutausbruch gegen Johannes, keiner muss ihm zur Seite stehen oder ihn trösten – nichts. Er spricht ganz ruhig von Thomasius als von dem Mann, „an den ich immer glauben möchte.“ Er hält Johannes die Treue, obwohl er um die schwere Schicksalsverfehlung weiß. Er weiß, dass es für Johannes furchtbar sein würde, sich eines Tages seiner Schuld bewusst zu werden. Deshalb hält er ihm die Treue, damit es dann nichts aufzuräumen gibt. Sie sind ja auch zusammengeblieben. Das ist vollendete Schicksalskunst. Deswegen kann am Ende des Dramas Benedictus in Bezug auf ihn diese ganz besonderen Worte von der „sonnenreifen Seele“ sprechen.

Vgl. Vortrag „Wege zum Herzdenken durch meditatives und künstlerisches Üben“, 2007

  1. Rudolf Steiner, Vier Mysteriendramen. 1910-13, GA 14.
  2. Rudolf Steiner, Kunst im Lichte der Mysterienweisheit. GA 275.
  3. Ebenda, Ausgabe 1990, S. 142.
  4. Ebenda.