Humanmedizin der Zukunft
Was war Rudolf Steiners Vision einer Humanmedizin der Zukunft?
Welche Herausforderungen müssen zu ihrer Verwirklichung gemeistert werden?
Inwiefern kann das anthroposophische Menschenbild die integrative Medizin befruchten?
Berücksichtigung der Individualität und Würde
Rudolf Steiners letztes Werk „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst“,1 das er gemeinsam mit Ita Wegman verfasste, gibt einen umfassenden Ausblick auf eine Humanmedizin der Zukunft, in der sich die Erkenntnisse der naturwissenschaftlich-empirischen Forschung mit denen der anthroposophischen Geistesforschung zur Heilkunst verbinden können (vgl. Zur Erweiterung der Heilkunst: Die Themenschwerpunkte aus GA 27). Wäre der Mensch eine Maschine, so ließen sich Körper, Seele und Geist reparieren und steuern, sobald der Mechanismus durchschaut ist. Auch wenn dieses Paradigma immer noch hoch im Kurs steht: Die tägliche Erfahrung zeigt, dass dem nicht so ist. Jedes Individuum, jede menschliche Biografie ist einmalig und bedarf der individuellen (Selbst-)Erkenntnis, Pflege und Gestaltung. Nicht umsonst gibt es den schönen Begriff der Lebenskunst dafür, wenn diese individuellen Gestaltungsprozesse graduell gelingen (vgl. Schicksal und Karma: Ich-Erleben und Schicksalsgestaltung).
Wird das Menschenbild auf die rein naturwissenschaftliche Ebene reduziert und Seele und Geist – hypothetisch – zu Ergebnissen von molekulargenetisch und biochemisch steuerbaren Prozessen gemacht, verliert der Begriff menschlicher Würde seinen Inhalt (vgl. Ideale: Freiheit und Würde des Menschenwesens). Denn Wert und Inhalt erhält dieser Begriff durch die Möglichkeit der Entwicklung von Freiheit, Selbstverantwortung und einer Kultur des Gewissens (vgl. COVID-19: Autonomie, Herz und Gewissen), wie sie der Frühromantiker Novalis im zweiten Teil seines „Heinrich von Ofterdingen“ so prägnant beschrieben hat und wie sie auch der Anthroposophie zugrunde liegt.2
Eine solche Kultur lässt sich nicht von außen steuern, wohl aber kann sie sich entwickeln, wenn dies von vielen einzelnen Menschen individuell eingesehen und gewollt wird (vgl. Anthroposophie: Anthroposophie als Weg zur Wahrheit) – wenngleich sie heute noch vielfach als „Torheit“ angesehen wird. Rudolf Steiner sagte dazu: „Aber was oft die Vernunft der kommenden Zeiten ist, das ist für die vorhergehenden Torheit.“3
Verbindung von Materialismus und Spiritualität
So ging es Rudolf Steiner auch dezidiert nicht um ein Entweder-Oder bezüglich Materialismus und Spiritualität, sondern um ein wirklichkeitsgemäßes Sowohl-als-auch:
„Der Materialismus ist die Weltanschauung, die den Menschen betrachtet, insofern er hervorgegangen ist aus den Substanzen und Kräften dieser Erde. Und wenn auch mancher betont, der Mensch bestehe nicht bloß aus den Substanzen und Kräften dieser Erde, so haben wir doch keine Wissenschaft, die sich mit dem am Menschen beschäftigt, was nicht aus den Substanzen und Kräften dieser Erde kommt. Deshalb ist heute die Behauptung von vielen, die es von ihrem Standpunkt aus gut meinen, daß irgendwie das Ewige in dem Menschen dennoch verstanden werden könne, eine nicht ganz ehrliche. [...] Und viele, die heute den Materialismus widerlegen wollen, wissen eigentlich nicht, was sie tun; denn sie ahnen nicht, welche ungeheure Bedeutung die Detailkenntnisse haben, die der Materialismus gebracht hat. Und sie ahnen nicht, was für eine Konsequenz für das Ganze der Menschenerkenntnis der Materialismus gebracht hat“.4
„Es ist die Tragik des Materialismus, daß er nichts von der Materie weiß, wie sie in Wirklichkeit in den verschiedenen Gebieten des Daseins wirkt. [...] Er weiß gar nichts über die Wirkung der Materie, weil man darüber erst etwas erfährt, wenn man die in der Materie wirksame Geistigkeit, die die Kräfte darstellen, ins Auge fassen kann.5
Von dieser „in der Materie wirksamen Geistigkeit“ ist in „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst“ 5 die Rede – so wie sie aus Sicht der Anthroposophie im Weltall, der Natur und im Menschen anzutreffen ist (vgl. Natur und Kosmos: Charakteristika und Konzepte von Leben). Diese ‚Kräfte‘ und ihre Gesetzmäßigkeiten ebenso zu studieren wie die Naturgesetze (vgl. Natur und Kosmos: Dem Leben dienende Hauptelemente), ist und bleibt lebenslang Aufgabe und Herausforderung für jeden anthroposophischen Arzt. Das Ziel dieses Weges – der sich gesund entwickelnde Mensch – ist dabei ein inspirierendes Ideal für Forschung, Entwicklung und tägliche Arbeit.
Integrativ-medizinischer Ansatz der AM
Die Anthroposophische Medizin (AM) ist inzwischen auf allen Kontinenten vertreten in Form von Arztpraxen, Therapiezentren mit vielfältigen Behandlungsangeboten, Pflegeeinrichtungen, Krankenhäuser, Akutversorgungs- und Rehabilitationszentren, private medizinische Kliniken und multidisziplinäre Ambulanzen.7 Diese weltweite Präsenz bestätigt den integrativ-medizinischen Ansatz, der weit über eine bloße „tolerante Kooperation“ von verschiedenen komplementären Modalitäten hinausgeht.
Das Angebot der Anthroposophischen Medizin umfasst:
- konventionelle Methoden
- spezifische anthroposophische Arzneimittel,
- Pflegetechniken und äußerliche Anwendungen,
- künstlerische Therapien,
- Beratung zu gesunder Lebensführung und Ernährung,
- Körperarbeit,
- therapeutische Eurythmie
- und Meditationspraktiken.
Die Anthroposophische Medizin (AM) wird in Steiners letztem Werk als auf einer stringenten anthropologisch-philosophischen Methode basierend dargestellt, die die Wirkprinzipien aller spirituellen, psychosomatischen und naturwissenschaftlich fundierten Heilmethoden umfasst (vgl. Anthroposophische Medizin: Anthroposophisches und naturwissenschaftliches Krankheitsverständnis).
Vgl. Einleitung zu Band 15, Schriften zur Anthroposophischen Medizin, Kritische Edition der Schriften Rudolf Steiners“, frommann-holzboog Verlag, Stuttgart 20258
- Rudolf Steiner, Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst, GA 27.
- Zu Novalis siehe auch Kap. V sowie GA 59, 236–268 und Glöckler (2023c).
- Siehe FN 1, S. 46.
- Rudolf Steiner, Der übersinnliche Mensch, anthroposophisch erfasst, GA 231, 58f.
- Rudolf Steiner, Anthroposophie — Eine Zusammenfassung nach einundzwanzig Jahren. Zugleich eine Anleitung zu ihrer Vertretung vor der Welt, GA 234, 86 .
- Siehe FN 1, Kapitel 12.
- https://www.anthromedics.org www.ivaa.info/anthroposophic-medicine/care-settings/.
- In Band 15 der SKA findet sich auch das umfangreiche Literatur- und Referenzverzeichnis. Wer den Inhalt weiter vertiefen möchte, kann sich dort darüber informieren.

