Anspruch und Aufgabe der Anthroposophischen Medizin

Welchen Anspruch hat die Anthroposophische Medizin?

Worin sieht sie ihre Aufgabe?

Was war laut Rudolf Steiner das entscheidend Neue?

Bemühen der Anthroposophischen Medizin um mehr Menschlichkeit

Die Anthroposophische Medizin ist ein Kind des 20. Jahrhunderts. Sie hat den Anspruch, naturwissenschaftliche, philosophische und spirituelle Erkenntnisse und deren therapeutische Anwendungen in ein ganzheitliches Konzept zu integrieren.

Als eigenständige medizinische Bewegung hat sie jedoch erst gut 80 Jahre Entwicklung hinter sich (vgl. Anthroposophische Medizin: Ita Wegmann und die Entwicklung der Anthroposophischen Medizin), weswegen sie noch nicht so breit im allgemeinen Bewusstsein verankert ist wie beispielsweise die Homöopathie. Darüber hinaus ist die Bezeichnung „Anthroposophische Medizin“ etwas schwer verständlich. Der Begriff „Homöopathie“ hat sich aus dem prinzipiellen Gegensatz zur gängigen „Allopathie“ gebildet. Er orientiert sich am Simile-Prinzip. „Anthroposophisch" heißt hingegen in der schlichtesten Übersetzung aus dem Griechischen einfach nur „menschlich". Entsprechend hat sich die Anthroposophische Medizin zur Aufgabe gesetzt, im Umgang mit Krankheit und Gesundheit in Theorie und Praxis das Bewusstsein und die Entwicklung von mehr Menschlichkeit (vgl. Ideale: Die Ur-Ideale – Wahrheit, Liebe und Freiheit) ins Zentrum allen Bemühens zu stellen.

Wesensglieder-Diagnostik als neue Perspektive

Rudolf Steiner war es wichtig, die Wesensglieder-Diagnostik und die sich daran anschließende Therapiefindung als das entscheidend Neue zu sehen, das durch die Anthroposophie in den gegenwärtigen Medizinbetrieb hereinkommen kann (vgl. Wesensglieder: Die Wesensglieder als Gesetzeszusammenhänge). Es ging ihm nicht primär darum, neue und womöglich wirksamere Medikamente zu finden für dieses und jenes. Vielmehr wollte er vermitteln, dass die Medizin durch ein Menschenbild bereichert werden kann, das befähigt, den Menschen primär als geistiges Wesen zu begreifen und ihn dadurch in Gesundheit und Krankheit neu zu sehen und behandeln zu lernen.1

In Kapitel I von „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst“ heißt es: „Der Mensch ist, was er ist, durch Leib, Ätherleib, Seele (astralischer Leib) und Ich (Geist).

  • Er muss als Gesunder aus diesen Gliedern heraus angeschaut;

  • er muss als Kranker in dem gestörten Gleichgewicht dieser Glieder wahrgenommen;

  • es müssen zu seiner Gesundheit Heilmittel gefunden werden, die das gestörte Gleichgewicht wieder herstellen.“ 2, 3

Der anthroposophisch-medizinische Therapieansatz kann zudem sowohl alternativ als auch kombiniert mit schulmedizinischer Behandlung zur Anwendung kommen und erfreuliche Besserungen erzielen.

Erkrankung und Heilung als Kreisprozess verstehen

Methodisch kommt es Rudolf Steiner und Ita Wegman also darauf an, den Prozess der Erkrankung und den Prozess der Heilung als einen einzigen Kreisprozess zu verstehen, in dem der Organismus von Heilmitteln und Krankheitsdiät unterstützt werden muss, um wieder in den „Zustand der Gesundheit“ versetzt zu werden:

„Die Erkrankung beginnt mit einer Irregularität in der Zusammensetzung des menschlichen Organismus mit Bezug auf seine in diesem Buch beschriebenen Teile. Sie ist an einem bestimmten Punkte angekommen, wenn man den Kranken in Behandlung bekommt. Man hat nun dafür zu sorgen, dass alle Vorgänge, die sich seit dem Beginn der Krankheit im menschlichen Organismus abgespielt haben, wieder zurückverlaufen, so dass man zuletzt bei dem Zustande der Gesundheit anlangt, in dem der Organismus vorher war. […] Die Heilmittel müssen daher so beschaffen sein, dass sie nicht nur den Krankheitsprozess zurücklaufen lassen, sondern auch die sich herabstimmende Vitalität wieder unterstützen. Einen Teil der letzteren Wirkung wird man der Krankheitsdiät überlassen müssen. Doch ist in der Regel bei ernsteren Krankheitsfällen der Organismus nicht gestimmt, in der Verarbeitung der Nahrungsmittel genügend Vitalität zu entwickeln. Es wird daher notwendig sein, auch die eigentliche Therapie so einzurichten, dass der Organismus in dieser Beziehung seine Unterstützung findet. […] Im Krankheitsverlaufe ist nicht nur der lokalisierte Krankheitsprozess, sondern die Gesamtveränderung des Organismus zu berücksichtigen und diese in den rückläufigen Prozess einzubeziehen. Wie das im Einzelnen zu denken ist, werden bestimmte Fälle, die wir nun charakterisieren wollen, zeigen.“4

An der Heilung des erkrankten Planeten mitwirken

Der Ruf nach einer menschengemäßen Medizin steht mit vielen Bestrebungen der letzten Jahrzehnte im Konsens. So schreibt der berühmte amerikanische Kardiologe Bernard Lown im Vorwort seines Medizin-Bestsellers „Die verlorene Kunst des Heilens":5 „Dieses Buch möge als ein Kompass dienen (...), indem es eine Medizin beschreibt, in welcher der Mensch im Mittelpunkt aller wissenschaftlichen Dienstleistungen steht – nämlich ein modernes Gesundheitswesen mit einem menschlichen Gesicht."

Lown nennt die heutigen großen Probleme beim Namen: Die ungerechte Weltordnung, die bewirkt, dass sich auch im neuen Jahrhundert die Kluft zwischen den armen Entwicklungsländern und den reichen Industrienationen immer schneller vertieft und viel zu viele der sieben Milliarden Menschen auf der Welt in einer quälenden, erbarmungslosen und erniedrigenden Armut leben. Er fordert von den Ärzten, aktiv beim Aufarbeiten der sozialen Missstände sowie bei der Heilung unseres erkrankten Planeten mitzuwirken (vgl. Bewusstseins(sseelenzeitalter: Bewusster Umgang mit Not und Zerstörung). Das Wort des deutschen Pathologen Rudolf Virchow ist ihm Vorbild, dass Politik eine „Medizin im Großen" ist.

Wie aber wird eine medizinische Denkweise und Methode erarbeitet, die solches leisten kann?

Letztlich kann doch nur ein neues Denken über die alten, unerbittlich wachsenden Probleme dazu führen, diese nachhaltig zu lösen. Anthroposophische Medizin möchte in aller Konsequenz dazu beitragen.

Vgl. Einleitung „Anthroposophische Arzneitherapie für Ärzte und Apotheker“, Loseblattsammlung mit 4. Aktualisierungslieferung. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2012

  1. Vgl. Rudolf Steiner, Physiologisch-Therapeutisches auf Grundlage der Geisteswissenschaft. Zur Therapie und Hygiene, GA 314, S. 29 und S. 226 f.
  2. Rudolf Steiner, Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst, S. 12.
  3. Formatierung Katharina Offenborn.
  4. Ebenda, S. 89f.
  5. Bernard Lown, Die verlorene Kunst des Heilens, Berlin 2002.