Vergängliches und unvergängliches Ich-Bewusstsein

Wer bin ich als Mensch?

Was ist mein Weg?

Wie kann ich mir ein ewiges stabiles Ich- und Selbstbewusstsein erringen, dass ich sogar durch die Todespforte tragen kann?

Der Mensch als Individuum, soziales Wesen und Menschheitsrepräsentant

Um diese Fragen beantworten zu können, müssen wir uns bewusst machen, dass wir im Grunde drei Leben in drei Sphären des Menschseins leben:

  • unser ganz persönliches Leben: die Art, wie wir uns selbst erleben und wie wir mit uns selbst umgehen.

  • ein soziales Leben: die Art, wie wir uns in der Interaktion mit anderen erleben, wie wir mit uns und anderen in diesem Zusammenspiel umgehen.

  • ein Leben als Zeitgenosse*in: die Art, wie wir am Schicksal der ganzen Menschheit Anteil haben.

In allen drei Sphären sind wir ständigem Wandel unterworfen, was uns immer wieder aufs Neue die Frage nach der eigenen Identität stellen lässt:

Wer bin ich?

Was habe ich mit den Menschen in meinem Umkreis zu tun?

Was ist der Mensch an sich und was heißt es für mich, Mensch zu sein oder besser: Mensch zu werden?

Ständig sich wandelndes Selbstbild

Wenn wir im Laufe unserer Entwicklung zurückblicken, hat sich unser Selbstverständnis, die Identität, die wir uns im Laufe des Lebens zusprechen, ständig geändert, umdefiniert, gewandelt. Wir erleben uns als Kind völlig anders als in der Pubertät. Wir stellen uns deshalb immer wieder neu infrage. Das bedeutet, unsere Identität ist nicht sicher, sie ist abhängig von der Lebensphase, in der wir gerade stehen und wie wir uns dort sehen und erleben.

Unser Selbstbild wechselt auch, je nachdem wie das soziale Umfeld auf uns reagiert. Wenn wir viel Bejahung bekommen, entwickeln wir ein kräftiges Selbstgefühl und es geht uns gut. Wir erleben uns gut, wenn wir verliebt sind und geliebt werden, und völlig anders, wenn wir gerade von jemandem verlassen werden.

Werden wir abhängig von der Anerkennung durch das Umfeld, haben wir Angst davor, dass man uns diese entzieht. Man macht dann vielleicht Dinge, um anderen zu gefallen und dazuzugehören, auch wenn man sie vor dem eigenen Gewissen gar nicht wirklich verantworten kann. Dann ist es nur ein weiterer Schritt, Entscheidungen die eigene Gesundheit oder darüber was man zu tun und zu denken hat, Autoritäten zu überlassen. Das kommt einer Selbstaufgabe gleich.

Unser „provisorisches Ich“

Diese persönliche und soziale Unsicherheit, die zunächst unsere Biografie prägt, würde ich als ein „altes Identitätserleben“ verstehen. Denn solange wir unser Selbstbewusstsein auf unseren vergänglichen Körper und das Auf- und Ab des irdischen Lebens stützen, können wir nicht von einem neuen, ewigen Selbst sprechen, und schon gar nicht von einem Selbst, dem wir zur Geburt verholfen haben. Das alte Selbst ist unsicher, störanfällig, ständigen Veränderungsprozessen unterworfen. Rudolf Steiner verwendete dafür zwei Ausdrücke: „Vorläufiges Ich“ und „provisorischen Ich“. Letzteren Begriff finde ich zutreffender, da das Wort provisorisch deutlich macht, dass es um etwas Vorläufiges geht wie beispielsweise den eigenen Namen, die Familie, den Beruf etc.

Vielleicht lehnen wir dieses alte Selbst sogar ab und weisen die Verantwortung für unser Geworden-Sein von uns und machen lieber die Eltern, die Natur oder den „lieben Gott“ dafür verantwortlich. Wenn man durch solch eine Identitätskrise geht, ist es folgerichtig und wichtig sich zu fragen:

Will ich dieses Geschöpf, von dem die anderen sagen, dass ich es sei und zu dem ich auch „ich“ sage, überhaupt akzeptieren?

Lebe ich wirklich das Leben, das ich will oder tue ich alles nur, weil ich es muss?

Vielleicht komme ich zu dem Schluss: „Ich bin unterwegs, ständig in Entwicklung, bei mir ist gerade Baustelle, ich funktioniere äußerlich möglicherwiese gut, aber weiß innerlich nicht ein noch aus.“

Geburt unseres ewigen Ich

Um an eine andere Schicht des eigenen Seins Anschluss zu finden, müssen wir nach dem fragen, wer wir jenseits alles Veränderlichen sind. Denn wir Menschen haben auch einen ewigen, unveränderlichen Wesensanteil, den wir durch die sogenannte zweite Geburt selbst hervorbringen müssen (vgl. Identität und Ich: Das Ich als Kern der Persönlichkeit). Dieser Tatbestand wird im Johannesevangelium präzise und knapp formuliert in der Lehre von den zwei Geburten.1

  • Unser vergänglicher, physischer Leib kommt uns mit der ersten Geburt von der Mutter zu als ein Naturgeschenk.

  • Unser neues, unvergängliches Selbstverständnis gebären wir selbst – und zwar in unserem Denken, in der außer¬körperlichen rein geistigen Tätigkeit, wodurch uns eine ewige Identität zuteilwird.

Der Mensch kann mit seinen Wesensanteilen als Fünfstern, als Pentagramm-Prinzip, gedacht werden (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Die fünf Ebenen des anthroposophischen Menschenbildes): Denken, Fühlen und Wollen bilden den seelischen Innenraum, in dem Eindrücke der Außenwelt verarbeitet werden, in dem aber auch der Anschluss an die geistige Welt und ihre übersinnlichen Realitäten gesucht und gefunden werden kann. Denn im Denken haben wir Zugang zu den unwandelbaren Gesetzen – mehr noch: unser Denken unterliegt diesen Gesetzen (vgl. Denken: Denken als Brücke zwischen der Sinneswelt und der Welt des Geistigen): Dort ist die Ewigkeit zuhause.

Zu denken an sich ist bereits eine außer¬körperliche Erfahrung, da wir hier rein geistig tätig sind, auch wenn wir dies im Alltag in der Regel nicht bemerken. Wird einem dies jedoch bewusst, kann man deutlich empfinden, in wie hohem Maß man als denkender Mensch autonom und eigenständig zu verantworten hat, was man mit sich selber tut, wie man sich ins Leben stellt, wofür man sein Leben verwendet und welche Identität man für sich anstrebt.

Vgl. Vortrag „Biografiearbeit und die Frage nach dem Schicksal“, Fortbildung zur Biografiearbeit, Kassel 2021

  1. Neues Testament, Das Evangelium nach Johannes, Kapitel 3.