Fettstoffwechsel und die „trügerischen lokalen Symptomenkomplexe“ aus Sicht der AM

Welche Rolle spielt die Ich-Organisation beim Fettstoffwechsel?

Wie wirkt sich eine geschwächte Ich-Organisation auf die anderen Wesensglieder aus?

Was sind laut Steiner und Wegman geeignete Präventions- und Therapiemaßnahmen?

Die Rolle der Ich-Organisation bei der Verdauung

In Kapitel VIII von „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst“1 wurde bereits auf die verschiedenen Bereiche des Verdauungssystems Bezug genommen, in denen die drei Grundnahrungsmittel Kohlenhydrate, Eiweiß und Fette primär verarbeitet werden:

Aus anthroposophischer Perspektive hat die Ich-Organisation mit dem Kohlenhydratstoffwechsel sozusagen die meiste Arbeit – einschließlich der zentralen Rolle, die die Glukose als Hauptenergielieferant im Zellstoffwechsel spielt.

  • Ich-Organisation und Eiweißstoffwechsel

Dann folgen die Eiweiße und ihre Beherrschung im Dienst von Aufbau, Gestaltbildung, Regeneration, körpereigener Abwehr. Häufigste Symptomatik, wenn dies nicht regelhaft verläuft, ist der allergische Formenkreis. Der allergischen Reaktionsbereitschaft liegt die im vorigen Kapitel geschilderte Dysfunktionalität der Ich-Organisation im Ätherischen ebenfalls zu Grunde, so dass sich die Eiweiße nicht vollständig genug zur ‚eigenen‘ Körpersubstanz umwandeln können. Gegen die dadurch noch vorhandenen Fremdwirkungen wehrt sich das Immunsystem dann in Form der allergischen Reaktion.

  • Ich-Organisation und Fettstoffwechsel

Allergische Reaktionen kommen bei den Fetten so gut wie nicht vor. Bei der Verdauung dieser Substanz hat die Ich-Organisation sozusagen ‚am wenigsten Arbeit‘. Die Pflanzen bilden ihre Öle und Fette als Speichersubstanz im Samen. Dieser ist zwar Träger des Erbgutes, hat jedoch noch kein eignes Leben, weswegen er auch unter geeigneten klimatischen Bedingungen nahezu unbegrenzt haltbar ist. Hier ist am wenigsten ‚Fremdes‘ zu überwinden. Die Fette dienen im tierischen und menschlichen Organismus zum einen der Bildung von Depotschutz und Speichersubstanzen. Zum anderen sind sie – je nach Kettenlänge der Fettsäuren im dreigliedrigen Organismus – unterschiedlich am Stoffwechselgeschehen beteiligt:

  • Die kurzkettigen, hoch ungesättigten Fettsäuren bis zu einer Kettenläge von C 14 sind hochgradig stoffwechselaktiv.

  • Die langkettigen bis C 24 kommen fast ausschließlich im Nervensystem vor als maßgeblicher Bestandteil der Cerebroside, die in den Markscheiden (Myelin) in Form der Glycosphingolipide für Stabilität und Isolierung der Nervenbahnen sorgen.

  • Die mittelkettigen bis C 18 nehmen hingegen als Hauptbestandteil gesunder Nahrungsfette eine mittlere Stellung ein. Sie spielen sowohl als Depotfett eine Rolle, können aber auch in ungesättigt-stoffwechselaktiver Form im ganzen Körper vorkommen.2

Wärme durch Fettverbrennung

Allen Fetten ist gemeinsam, dass bei ihrem ‚Verbrennen‘ im Zellstoffwechsel zu den Endbausteinen Kohlendioxid und Wasser mehr als doppelt so viel Wärme frei wird, als dies bei Kohlenhydraten und Eiweißen geschieht, nämlich 9,3 kcal pro Gramm (kcal/g) im Gegensatz zu jeweils 4,1 kcal/g beim oxidativen Abbau von Kohlenhydraten und Eiweiß. Im tierischen Organismus wird die Wärmebildung durch ihren artspezifischen Astralleib harmonisch geregelt, so wie auch die Depot- und Stoffwechselaktivität der Spaltprodukte des Fettes.

Im menschlichen Organismus ist das anders. Hier hat die Ich-Organisation nach Steiner und Wegman die Aufgabe, dem Fettstoffwechsel insgesamt die „Orientierung zum Menschlichen hin“ zu ermöglichen – durch Zurückhaltung bzw. Überwindung der animalischen Natur: durch Beherrschung des Astralleibes durch die Ich-Organisation.

Bekannt ist auch der hohe Wärme- und Energieverbrauch im Nerven/Sinnesbereich als Grundlage der Bewusstseinsbildung, weswegen auch das Tragen von Mützen und Hüten zum Schutz vor Kälte und Wind nicht nur eine wichtige Unterstützung des Wärmeorganismus und damit der Funktionalität der Ich-Organisation ist. Es unterstützt auch die bewusste seelisch-geistige Tätigkeit im Milieu der seelischen und geistigen Wärme gemäß Kapitel V.

Die Bedeutung des Fettanteils der Muttermilch

In Abs. 5 des X. Kapitels kommen die Autoren zum zweiten Mal neben dem Kapitel VII auf die Bedeutung der Muttermilch zu sprechen. Der Fettanteil in der Muttermilch dient nicht den Bildeprozessen im eigenen Körper, sondern dem Wesen des Ungeborenen. Es ist eine vollkommen ‚vermenschlichte‘ Substanz, die so auch die Bildekräfte der Ich-Organisation der Mutter, die in der Wärme leben, direkt aus der warmen Mutterbrust in den warmen Körper des Säuglings überträgt. Mit dieser ununterbrochenen Wärmekette ist ein Höchstmaß an Muttermilchqualität verbunden und die bestmögliche Ernährung in der ersten Zeit außerhalb des Mutterleibes. Die dringenden Empfehlungen anthroposophischer Ärzte und Hebammen zum Stillen gehen auch auf diesen Zusammenhang zurück3 ebenso die Erfolge der ‚Rooming in‘-Praxis in den Kinderabteilungen anthroposophischer Krankenhäuser.4

Die entscheidende Vorbereitung für den Eiweiß-Aufbau durch die Ich-Organisation ist, so gesehen, die vollkommene Abtötung der aus dem Nahrungsmittel stammenden, noch vorhandenen ‚fremden‘ Ätherwirkungen. Das fremde Leben muss sterben, damit das eigene Körperleben gesund aufleben kann: Das bedeutet: Die in den aufgenommenen Nahrungsmitteln noch vorhandenen ‚ätherischen Fremdwirkungen‘ müssen überwunden und zum Austreten aus dem Organismus gebracht werden.

„Trügerische lokale Symptomenkomplexe“

Da die Ich-Organisation über den jeweiligen Wärmezustand der Organe ihre Integrationsarbeit leistet, muss sie sich dabei auf die Wärmebildung im Fettstoffwechsel stützen. Und je nachdem, in welchem Organ es – aus welchen Gründen auch immer – zu einer Über- oder Unterversorgung mit Wärme kommt, treten die in der Kapitelüberschrift genannten „trügerischen lokalen Symptomenkomplexe“ auf, denen die drei letzten Absätze des Kapitels gewidmet sind.

  • Adipositas durch „parasitäre Wärmeherde“

An erster Stelle wird in Abs. 6 eine Fettaufnahme genannt, die die Ich-Organisation nicht in den von ihr beherrschten Stoffwechselvorgängen ‚aufzehren‘ kann. Dann bleiben Fettreserven im Körper liegen, die nicht in gesunder Wärmewirkung durch Aufnahme in die Aktivität der Ich-Organisation aufgehen können. Steiner und Wegman nennen sie „parasitäre Wärmeherde“, die in der Lage sind, die Lebensvorgänge anderer Organe zu „beirren“.5 Ein ‚Zuviel‘ an Wärme bedeutet aber die Neigung zu entzündlichen Prozessen.

Rudolf Steiner beschreibt in diesem Zusammenhang für die Lehrer der Waldorfschule auch die Bedeutung der Gliedmaßenaktivität für die gesunde Entwicklung: „Unsere Glieder sind in hohem Grade geistig, und sie sind es, welche an unserem Leib zehren, wenn sie sich bewegen. Und der Leib ist darauf angewiesen, in sich dasjenige zu entwickeln, wozu der Mensch eigentlich veranlagt ist von seiner Geburt an. Bewegen sich die Glieder zuwenig oder bewegen sie sich nicht entsprechend, dann zehren sie nicht genug am Leibe.“6

Inzwischen ist auch bekannt, dass Adipositas zur vermehrten Infiltration des Fettgewebes mit Entzündungszellen führt.7

Durchwärmende Bewegung

Kommt es demgegenüber zu einer vermehrten Aktivität der Ich-Organisation in Bewegung und körperlicher Aktivität, so bilden sich diese parasitären Entzündungsprozesse zurück. Willensaktivität, Bewegung und Lebensstilinterventionen können daher die Krankheitsprogression und die CRP-Spiegel positiv beeinflussen.8 Zwischenzeitlich ist auch wissenschaftlich mehrfach dokumentiert, dass Bewegung die chronische Entzündung reduziert: Die bewegungsaktive Wesensgliederwirksamkeit im Stoffwechsel-Gliedmaßen-System führt die chronische Inflammation mit ihrer nachfolgenden reaktiven Sklerotisierungstendenz heilsam in die Wärme.9 Auch die Bedeutung der Ernährung für die kognitiven Prozesse konnte inzwischen herausgearbeitet werden. 10, 11

  • Neigung zur Verhärtung und Versteifung durch Wärmeverminderung

In Abs. 7 wird das Umgekehrte geschildert: Was geschieht, wenn es der Ich-Organisation nicht möglich ist, über ihre Stoffwechselaktivität hinaus auch noch genügend Wärmeentwicklung bereitzustellen, „um die Muskel- und Knochen-Mechanik in Ordnung zu halten“12. Die Folge einer solchen Wärmeverminderung bedeutet die Neigung zur Verhärtung und Versteifung sowie zum Brüchigwerden der Knochen (z.B. Osteoporose).

  • Neigung zu „überreichlicher, den Organismus überlastender Nahrungsaufnahme“

Im letzten Absatz wird als Folge der parasitären Wärmeherde und ihres Einflusses auf die Stoffwechselorgane die Neigung zu „überreichlicher, den Organismus überlastender Nahrungsaufnahme“13 beschrieben. Damit ist sowohl die Veranlagung zu Adipositas gemeint (Übergewicht) als auch eine lokale Überversorgung eines Organgebietes auf Kosten einer Unterversorgung eines anderen. Das auf diese Weise unterversorgte Organ erleidet dadurch Einbußen in seiner gesunden Funktionsfähigkeit – z.B. kann ein Ungleichgewicht entstehen zwischen der Gallenabsonderung in der Leber und der Sammlung und Konzentrierung in der Gallenblase im Verhältnis zur Sekretionsleistung der Bauchspeicheldrüse. Zu den dadurch möglicherweise entstehenden Krankheitsbildern gehören auch die Arteriosklerose/koronare Herzkrankheit sowie Krebserkrankungen.

Es ist schon lange bekannt, dass hier drei Prozesse aufeinanderfolgen:

  • 1. eine entzündliche Neigung ,

  • 2. auf die der Organismus z.B. mit Fettablagerungen in den Blutgefäßen reagiert (Atherosklerose),

  • 3. die dann in eine manifeste Sklerose , übergehen kann.

Wo sklerotische Erscheinungen auftreten, wird sichtbar, dass Substanzen aus dem Leben herausfallen, sodass dadurch mineralisierende Zerfallsprozesse am falschen Ort auftreten können. Die ätherische Organisation kann das physische Organ nicht mehr zureichend beleben und beginnt in ihrem eigenen Bereich zu wuchern, was zu pathologischem Zellwachstum einer beginnenden Krebserkrankung führen kann, das von der astralischen Organisation entsprechend nicht mehr genügend differenziert und von der Ich-Organisation integriert werden kann.14

Prävention durch Stärkung des Wärmeorganismus in Kindheit und Jugend

Den Pädagogen gegenüber berichtet Steiner, wie sie der Neigung, parasitäre Wärmeherde zu entwickeln, im heranwachsenden Kind dadurch entgegenwirken können, dass sie im Grundschulalter auf lebendig-künstlerische Art unterrichten und die Wissensinhalte nicht intellektuell-definitorisch-kühl vortragen. Dann kann die sukzessive stattfindende Metamorphose der astralischen Kräfte zwischen dem 7. und 14. Lebensjahr so erfolgen, dass sich dieses freiwerdende Gefühlsleben warm und mit Sympathie an die neuen Gedanken anschließen kann. Dadurch wird dann zugleich die Fähigkeit der Ich-Organisation unterstützt, den Wärmeorganismus auch vom Seelisch-Geistigen aus in seiner regulierenden Wirkung differenziert zu handhaben.15

Diese positive Wirkung, die das Gedankenleben in Verbindung mit dem Gefühl in Form von Idealismus und Begeisterung auf den Wärmeorganismus haben kann, spielt auch auf dem anthroposophischen Schulungsweg eine zentrale Rolle, weswegen die Grundübung dazu bereits im ersten Kapitel von „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ steht: „Jede Idee, die dir nicht zum Ideal wird, ertötet in deiner Seele eine Kraft; jede Idee, die aber zum Ideal wird, erschafft in dir Lebenskräfte.“16

Vgl. „Einleitung zu Band 15, Schriften zur Anthroposophischen Medizin, Kritische Edition der Schriften Rudolf Steiners“, frommann-holzboog Verlag, Stuttgart 202517

  1. Rudolf Steiner, Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst, GA 27, S. 51.
  2. Siehe auch die Beschreibung des Fettstoffwechsels bei Wolff (2013), 119–188.
  3. Vgl. Glöckler u. a. (2024b).
  4. Das Gemeinschaftskrankenhaus in Herdecke – 1969 eröffnet – war das erste in Deutschland, wo die Mutter/Kind-Einheit auf der Geburtshilfestation Standard war und alles geschah, um das Stillen und die Mutter/Kind-Einheit zu fördern, aber auch das Dabeisein-Können der Väter bei der Geburt.
  5. Siehe FN1, S. 52f.
  6. Rudolf Steiner, Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik, GA 293, S. 196.
  7. Adipozyten produzieren proinflammatorische Zytokine wie z.B. TNF-α, Interleukin-1, Interleukin-6, MCP (Monocyte Chemoattractant Protein). Dabei ist der Entzündungsmarker CRP (C-reaktives Protein), der finnischen Diabetes-Präventionsstudie zufolge, der beste Prädiktor für die Progression zum manifesten Diabetes bei Patienten mit gestörter Glukose-Toleranz. Damit verbindet sich mit dem vor allem visceralen, weißen Fettgewebe ein chronischer Entzündungswärmeprozess parasitärer Art.
  8. Vgl. Martin und Weiß (2008), 30–40; Belalcazar u. a. (2010), 2297–2303.
  9. Nieß und Thiel (2017), 112–126.
  10. Vgl. Witte u. a. (2009), 1255–1260.
  11. Die hier zusammengestellten Referenzen 247–250 sind der Publikation „Innere Medizin“ von Girke entnommen: Siehe Girke (2020), 597–736.
  12. Siehe FN 1, S. 53.
  13. Ebenda.
  14. Vgl. Girke (2020), 345–351.
  15. Siehe FN 8, S. 210 f.
  16. Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, GA 10, S 28.
  17. In Band 15 der SKA findet sich auch das umfangreiche Literatur- und Referenzverzeichnis. Wer den Inhalt weiter vertiefen möchte, kann sich dort darüber informieren.