Proteinstoffwechsel und Albuminurie aus Sicht der AM

Welche Rolle spielt die Ich-Organisation beim Proteinstoffwechsel?

Wie ist der Astralleib daran beteiligt?

Welche Sicht hat die Anthroposophische Medizin auf die Ursachen von Albuminurie?

Ätherisches Kraftsystem und Proteinstoffwechsel

Während in Kapitel VIII von „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst“1 das Verhältnis der Ich-Organisation zum physischen Kraftsystem mit dem Zuckerstoffwechsel im Zentrum stand (vgl. Ernährung und Verdauung: Zuckerstoffwechsel und Diabetes mellitus aus Sicht der AM)d, ist es in Kapitel IX ihr Verhältnis zum ätherischen Kraftsystem und dem hier zentral stehenden Proteinstoffwechsel. Leitsymptom einer dysfunktionalen Ich-Organisation im Bereich der ätherischen Bildekräfte ist die Albuminurie, die pathologische Eiweißausscheidung über die Nieren.2

„Das Eiweiß ist diejenige Substanz des lebenden Körpers, die von seinen Bildekräften in der mannigfaltigsten Art umgewandelt werden kann, so dass, was sich aus der umgeformten Eiweißubstanz ergibt, in den Formen der Organe und des ganzen Organismus erscheint. Um in solcher Art verwendet werden zu können, muss das Eiweiß die Fähigkeit haben, jede Form, die sich aus der Natur seiner materiellen Teile ergibt, in dem Augenblicke zu verlieren, in dem es im Organismus aufgerufen wird, einer von ihm geforderten Form zu dienen.“3

Unterschiedliche Aufgaben und Wirkfelder des Eiweißzerfalls

Es ist also eine vornehmliche Eigenschaft des Eiweißes im Organismus, dass es jederzeit bereit ist, in seine Bestandteile zu zerfallen:

  • zum einen in die 20 proteinogenen Aminosäuren, die dem Aufbau des Eiweißes im Organismus dienen,

  • zum anderen aber auch in die die Aminosäuren konstituierenden Elemente: Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff und Schwefel.

  • Daneben gibt es noch gut 250 weitere Aminosäuren, die Zucker und keine Proteine bilden.

Dieser Zerfall vollzieht sich an unterschiedlichen Orten im menschlichen Organismus:

  • In den Nerven/Sinnesorganen

Wie in Kapitel VI beschrieben, dient der Eiweißzerfall der Bewusstseinsbildung. Der Eiweißzerfall findet organbezogen spezifisch in den Nerven/Sinnesorganen statt und bedarf zu seiner Regeneration des Schlafes.

  • Im Verdauungstrakt

Im Verdauungstrakt hingegen dient der Eiweißzerfall dem daraufhin folgenden Aufbau des körpereigenen artspezifischen Eiweißes und dem damit verbundenen spezifischen Immunsystem als dem Instrument der Ich-Organisation im Ätherischen.

Proteinstoffwechsel und Ich-Organisation

„Es ist nun notwendig, dass der Mensch, um das Nahrungs-Eiweiß gesund zu verdauen, eine so starke Ich-Organisation habe, dass alles für den menschlichen Organismus notwendige Eiweiß in den Bereich des menschlichen Ätherleibes übergehen kann. Ist das nicht der Fall, so entsteht eine überschüssige Tätigkeit dieses Ätherleibes. Der erhält nicht genug von der Ich-Organisation vorbereitete Eiweißubstanz für seine Tätigkeit. Die Folge davon ist, dass die auf die Belebung des von der Ich-Organisation aufgenommenen Eiweißes orientierte Tätigkeit sich des Eiweißes bemächtigt, das noch fremde Ätherwirkungen enthält.“4

Die entscheidende Vorbereitung für den Eiweiß-Aufbau durch die Ich-Organisation ist, so gesehen, die vollkommene Abtötung der aus dem Nahrungsmittel stammenden, noch vorhandenen ‚fremden‘ Ätherwirkungen. Das fremde Leben muss sterben, damit das eigene Körperleben gesund aufleben kann: „Alles, was in den Bereich der Ich-Organisation kommt, erstirbt.“5 Das bedeutet: Die in den aufgenommenen Nahrungsmitteln noch vorhandenen ‚ätherischen Fremdwirkungen‘ müssen überwunden und zum Austreten aus dem Organismus gebracht werden.

Zusammenwirken von Ich-Organisation und AL

Dem dienen laut Steiner und Wegman die Abbauvorgänge, bei denen die astralische und die Ich-Organisation zusammenwirken:

  • Während die astralische Organisation Lebendiges nur ablähmen könne,

  • sei es Aufgabe der Ich-Organisation, die Sterbeprozesse zu beherrschen und die Eiweißsubstanz in ihre anorganischen Bestandteile zu zerlegen.

Erst dann komme die Eiweißsubstanz unter die Einwirkung des menschlichen physischen Leibes, „der in seiner Form ein Ergebnis der menschlichen Ich-Organisation ist“6 Die physische Organisation als ganzheitliches Gestaltungsprinzip unterscheide sich von der anorganischen Natur außerhalb des menschlichen Organismus dadurch, dass in ihr die Gesetze, die die anorganische Materie beherrschen, sich der Tätigkeit der Ich-Organisation fügen und die von ihr bestimmten Gestaltungen annehmen müssen.

Proteinabbau und Peptidbindungen im Detail

Das mit der Nahrung aufgenommene Eiweiß wird im Magen primär von dem/der im Fundus sezernierten Pepsin/Peptidase (auflösendes Enzym) angegriffen und dann weiter durch die Pankreas-Peptidase (pepsis, altgriechisch: Verdauung) in Peptone zersetzt. Unter Pepton versteht man ein Gemisch aus Aminosäuren und Aminosäureverbindungen, d.h. Peptiden.

Der Proteinabbau geschieht über Endopeptidasen, deren maßgeblicher Vertreter das Trypsin ist. Diese Eiweiß abbauenden Enzyme können die Proteine an bestimmten Stellen spalten und in Aminosäuren zerlegen – je nach Darmregion in verschiedene Peptidbindungen. Unter Peptidbindung versteht man die Verbindung zweier Aminosäuren und mehr – bis hin zu hochkomplexen Eiweißstrukturen.7, 8

Mit Recht hat man die enorme Vielfalt an Eiweißstoffen und deren komplexe Strukturen mit einem biochemischen Alphabet verglichen. Denn die 20 Aminosäuren – vergleichbar den Buchstaben im Alphabet – können diese enorme Vielfalt an Substraten zustande bringen. Dabei lässt sich diese Vielfalt aus den Aminosäuren ebenso wenig erklären, wie sich ein Gedicht aus den Buchstaben erklären lässt, aus denen seine Worte zusammengesetzt sind – geschweige denn der ganze Kulturreichtum menschlichen Schrifttums.

Albuminurie als Folge von unzureichendem Proteinabbau

Bei unzureichendem Proteinabbau durch die astralische und die Ich-Organisation gelangt noch mit Fremdleben behaftetes Eiweiß in das Blut und muss ausgeschieden werden. In „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst“ heißt es zum Eiweißmetabolismus: „Nun sind die Kräfte, die im Menschen die Ausscheidung bewirken, an den Bereich des astralischen Leibes gebunden. Indem dieser bei der Albuminurie gezwungen ist, eine Tätigkeit auszuführen, auf die hin er nicht orientiert ist, verkümmert seine Tätigkeit für diejenigen Stellen des menschlichen Organismus, an denen sie sich entfalten sollte. Das ist in den Nierenepithelien. In der Schädigung der Nierenepithelien ist ein Symptom vorhanden für die Ablenkung der für sie bestimmten Tätigkeit des astralischen Leibes. Man sieht aus diesem Zusammenhange, wo die Heilung bei der Albuminurie einsetzen muss. Es ist die Kraft der Ich-Organisation in der Pankreasdrüse, die zu schwach ist, zu verstärken.“9

Das Besondere an dieser Sichtweise ist, dass hier primär das Wesensgliederwirken geschildert wird. Deren dysfunktionales Zusammenwirken bringt die Krankheitssymptome hervor. Therapeutische Ansätze zeigen – wo vorhanden – ebenfalls nur den prinzipiellen Ansatz für eine Wiederherstellung des harmonischen Zusammenwirkens an. Es liegen inzwischen aber gediegene internistische Expertisen vor.10

Vgl. „Einleitung zu Band 15, Schriften zur Anthroposophischen Medizin, Kritische Edition der Schriften Rudolf Steiners“, frommann-holzboog Verlag, Stuttgart 202511

  1. Rudolf Steiner, Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst, GA 27, S. 44.
  2. Für dieses Kapitel verdanke ich dem Internisten und Mitbegründer des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe, Matthias Girke, wertvolle Hinweise.
  3. Siehe FN1, S. 47.
  4. Siehe FN1, S. 49.
  5. Siehe FN1, S. 48.
  6. Ebenda.
  7. Jede Aminosäure hat ein sogenanntes Aminoende in Form einer Stickstoff/Wasserstoff-Verbindung (NH) und ein Carboxylende in Form einer Kohlenstoff/Sauerstoff-Verbindung (CO). Das Besondere dabei ist nun, dass das Carboxylende sauer reagiert und das Aminoende basisch. D.h., die Eiweißstruktur verhält sich wie ein ‚lebendiges Salz‘, da Salze aus der Verbindung von Säuren und Laugen herauskristallisieren, wie beispielsweise das Kochsalz aus Natronlauge und Salzsäure. Dieser salzähnlichen Struktur verdankt das Eiweiß auch seine Fähigkeit, das Säure/Basengleichgewicht im Blut zu unterstützen, da es dadurch ausgleichende Puffereigenschaften besitzt. Ähnliche Eigenschaften besitzt auch der Schwefel als sogenanntes amphoteres Element, weswegen er sich sowohl leicht mit Säuren als auch mit Laugen verbinden kann und selber nicht zu den klassischen Laugen- oder Säurebildnern gehört. Schwefelhaltige Aminosäuren spielen daher eine entscheidende Rolle im aktiven Bezirk von Enzymen, weil sie leicht die verschiedensten Bindungen eingehen können. (Vgl. Zeeck 2020, 266–275).
  8. Insulin ist beispielsweise ein Peptidhormon, das aus zwei Peptidketten besteht, die durch Disulfidbrücken (S-S/Schwefel) miteinander verbunden sind und eine komplexe Tertiärstruktur bilden.
  9. (EH, 50)
  10. Vgl. Girke (2020) u. Girke u. a. (2020).
  11. In Band 15 der SKA findet sich auch das umfangreiche Literatur- und Referenzverzeichnis. Wer den Inhalt weiter vertiefen möchte, kann sich dort darüber informieren.