Möglichkeiten der Motivation in Kindheit und Jugend
Wie können Kinder und Jugendliche altersgerecht motiviert werden?
Welche Motivationskraft ist in welchem Alter führend?
Inwiefern müssen wir ein Leben lang an unserer eigenen Motivation arbeiten?
Altersgerechte Motivation
Es gibt drei Hauptmotivationsquellen für den Willen, die je nach Alter eine andere Bedeutsamkeit haben.
- Vorbild und Nachahmung als Motivationskraft im 1. Jahrsiebt
Im ersten Jahrsiebt werden Kinder vor allem über ihre Nachahmungsfähigkeit motiviert. Über die Sinne nehmen sie alles wahr, was in ihrer Umgebung vor sich geht. Alles und jeder wird zum Vorbild. Auch die Stimmung, die vom Gefühls- und Gedankenleben der Erwachsenen im Umfeld des Kindes ausgeht, gehört dazu und prägt es bis ins Physiologische, ja bis in die Organbildung hinein. Rudolf Steiner nennt deshalb Freude die angemessene Stimmung im Umfeld eines Kindes – sie würde die Organe in richtiger Weise „ausbrüten“.
In den ersten Schuljahren klingt diese Begabung nachzuahmen ab, die alle Lernvorgänge im 1. Jahrsiebt bestimmen. Damit nimmt auch die enorme Lernfähigkeit ab, die durch das an die Sinne gebundene Nachahmungsvermögen des Vorschulkindes gegeben ist.
- Gefühl als Motivationskraft im 2. Jahrsiebt
Im 2. Jahrsiebt wird nicht mehr primär durch das Vorbild auf den Willen des Kindes Einfluss genommen, sondern über das gesprochene Wort und die damit verbundenen Gefühlsstimmungen und Erklärungen. Insbesondere sind es jetzt die im Kind durch den Erwachsenen geweckten Gefühle, die es motivieren, etwas zu unternehmen. Nicht mehr Vorbild, sondern Lust und Unlust entscheiden, ob und wie das Kind etwas tut.1
Dem muss insbesondere der Unterricht in der Schule Rechnung tragen. Dieser kommt bei den Schülern in dem Maße an, als sie sich begeistern können oder nicht. So kommt in diesem Alter der künstlerischen Erziehung eine besondere Bedeutung zu, da in den künstlerischen Fächern das von Gefühlen und Wahrnehmungen geleitete Üben im Vordergrund steht. Es dauert an, bis das Bild „fertig“ ist oder ein Musikstück „schön klingt“. So werden Gefühl und Wille durch regelmäßiges Üben systematisch ausgebildet. Was man vom Muskeltraining her gut kennt, dass nur durch wiederholtes Üben die gewünschte Stärke erreicht werden kann, das gilt für den gesamten Bereich der Gefühls- und Willenserziehung.2
- Verständnis und Einsicht als Motivationskraft im 3. Jahrsiebt
Nach der Pubertät entzieht sich die Handlungsbereitschaft des Jugendlichen bis zu einem gewissen Grad auch dem Gefühl. Jetzt kann der Wille nur noch dadurch wirksam erreicht und beeinflusst werden, dass der Erwachsene an die Einsicht des Jugendlichen appelliert. Der Jugendliche ist in der Lage, sich auch zu Handlungen zu motivieren, für die er kein Vorbild hat. Auch kann er Dinge in Angriff nehmen, die er eigentlich ungern tut – einfach, weil er einsieht, dass es nötig oder sinnvoll ist.
Hat das Willensvermögen den Anschluss an die eigene Einsicht gefunden, so ist die Grundlage für Selbstbestimmung und Selbstbeherrschung im späteren Leben gelegt. Diese Fähigkeiten sind es auch, welche die Voraussetzung dafür schaffen, Machtkonflikte in zwischenmenschlichen Beziehungen konstruktiv zu bearbeiten und zu lösen.
Sind sie unzureichend entwickelt, so treten unter den Belastungen des Lebens regressive Willensstörungen auf, d.h. der Erwachsene fällt auf frühere Entwicklungsetappen zurück. Seine Handlungen werden dann überwiegend von Stimmungen und Gefühlen geleitet oder er braucht für alles Mögliche noch Vorbilder und Beratung, wo andere Menschen selber nachdenken, entscheiden und handeln.
Ein lebenslanges Übungsfeld
Die drei genannten Motivationsquellen für den Willen – über die Sinne, das Gefühl und die Einsicht – bleiben bis zu einem gewissen Grad zeitlebens nebeneinander bestehen. Es gehört zu den hervorragenden Aufgaben späterer Selbsterziehung, diese drei Bereiche immer bewusster handhaben zu lernen.
Beim gesund entwickelten Erwachsenen existieren sie einander untergeordnet, indem die Einsicht führend bleibt, Gefühls- und Vorbildfunktion hingegen nachgeordnet sind. Wer sich z.B. in seinem Verhalten und Handeln durch Werbung stark beeinflussen lässt, überlässt sich der Motivation durch Sinneseindruck und Vorbild, die Einsicht ist bei ihm nachgeordnet. Es fehlt ihm die Möglichkeit, sich mit Hilfe seiner Einsicht den manipulierenden Einflüssen über die Stimulation der Sinne und des Gefühlslebens zu entziehen.
Wer diese Möglichkeit jedoch besitzt, ist z.B. auch in der Lage, wenn jemand schlechte Stimmung verbreitet, sich dem zu entziehen und sich zu sagen: „Das ist sein/ihr Problem und braucht mich nicht zu beeinflussen.“ Man kann lernen, sich davon nicht anstecken zu lassen.
Sich suggestiven Leitbildern zu entziehen, weil man sie als solche durchschaut hat, auch wenn sie sehr populär sind, ist ebenso wichtig wie das Sich-unabhängig-Machen von Stimmungen und Gesichtspunkten anderer, wenn diese nicht dem entsprechen, was man selbst für richtig erkannt hat und umsetzen möchte.
Vgl. „Macht in der zwischenmenschlichen Beziehung“, 9. Kapitel, Verlag Johannes M. Mayer, Stuttgart – Berlin 1997
- Wie diese Tatsache von der Werbung mit Blick auf die Zielgruppe der Kinder benützt werden kann, indem sie jenes Lustgefühl permanent hervorruft, dem dann der Willensimpuls „zu kaufen“ entspringt, ohne dass ihm eine altersgemäße Lebenserfahrung zugrunde liegt, und welche seelischen Folgen dies haben kann, beschrieb Hanspeter Rosenlechner in: kids.
- Rudolf Steiner gibt unter anderem in den sogenannten „Nebenübungen“ Beispiele für solche Willensübungen; vgl. Rudolf Steiner, Anweisungen für eine esoterische Schulung, S. 16f; zu den Nebenübungen siehe auch F. Lowndes, Die Belebung des Herzchakra.

