Erkennen der eigenen Antisozialität

Die Erkenntnis, dass jeder Mensch heute ein primär antisoziales Wesen ist, fällt nicht so leicht1. Es ist aber so – nicht zuletzt, weil der Wille des Einzelnen sich so isoliert-individuell durch den physischen Leib betätigt, mit allen Emotionen, die daran hängen, und mit aller Selbstgerechtigkeit.

Gemäß Steiners Lehre von den 7 Entwicklungsimpulsen der nachatlantischen Kulturepochen2 ist es Aufgabe der fünften – heutigen – Kulturepoche, das Böse zu erkennen und daran zu erwachen für den ganz eigenen, individuellen Initiationsweg hin „zum Guten“ (vgl. Das Böse - Widersachermächte: Das Geheimnis des Bösen im Spiegel der Apokalypse). Dass wir uns „auf die Spitze der Persönlichkeit stellen lernen“, wie Steiner anmerkt – ist die große Herausforderung und Aufgabe. Interessant dabei ist auch, dass diejenigen, die von sich meinen, sehr sozial zu sein, von anderen meist nicht so erlebt werden.

Man muss mühsam lernen, wo die verschiedenen menschlichen Eigenschaften, die Konfrontation, die Attacke, das Hinterfragen, das Anzweifeln, aber auch das Trösten, das Warten, das Geduld-Haben, sozial gesehen am richtigen Platz sind und fruchtbar werden können. Gut ist ein Ding, ein Wort, ein Gefühl, eine Handlung am richtigen Platz – dann fördert es das Leben. Dasselbe wunderbare Wort jedoch oder Gefühl am falschen Platz oder zur Unzeit wirkt kränkend und kann sogar höchst destruktiv sein. Es braucht moralische Intuition, um zu wissen, was situativ passt.

Therapeutisch wirksame Gemeinschaften3

Wie aber wird man intuitionsfähig für „das Gute“?

Eine entscheidende Voraussetzung ist, in sich selbst die antisozialen Triebe im Denken und Fühlen und Wollen zu erkennen. Dadurch arbeitet man nicht nur an er Aktivierung seiner eigenen Heilkräfte, sondern kann diese auch für andere freisetzen und offen werden für das, was der andere braucht (vgl. Wille(nsschulung): Sieben Wege zur Effektivität).

Steiner weist uns auf den dreifach antisozialen Impuls in uns hin – der zum Ausgangspunkt therapeutischer Kraftentfaltung wird, wenn wir den erkennen und verwandeln wollen: „Wer nach dieser Richtung Menschenerkenntnis entwickelt, wird eine große Anzahl von mehr oder weniger wirklichen Krankheiten zurückführen können auf das antisoziale Wesen des Menschen.“ 4

  1. Im Denken ist es der Impuls, den anderen zum Zuhörer zu machen, ihn einzuschläfern, wogegen er sich Kraft des Betonens seiner eigenen Meinung wehrt. Hier helfen Toleranz und Interesse für die Meinung des anderen.
  2. Im Fühlen ist es die Täuschung über den anderen, wenn wir ihn spontan nach Sympathie und Antipathie beurteilen und nicht sachlich-situativ. Wenn er sich dann so zeigt, wie er ist, sind wir enttäuscht. Daher ist es so heilsam, bewusst die eigene Sympathie und Antipathie dem anderen gegenüber zu erleben, sie zu hinterfragen und ihm seelisch erwartungsvoll zu begegnen (vgl. Liebe: Liebe als Kulturaufgabe).
  3. Im Wollen müssen wir lernen, Werdende zu sein. Wer etwas sein will, ist bestrebt, dass dies auch anerkannt wird und Macht und Privilegien gezeigt werden. Die antisozialen Impulse verbergen sich in ideologischen Parolen und der Gefahr von Machtmissbrauch (vgl. Macht: Temperament und Machtausuebung). Sozialismus, Gedankenfreiheit und Geisteswissenschaft gehören zusammen5.

Entwicklung von Intuitionsfähigkeit

Der „umgekehrte Kultus“6lebt von der Erkenntnis, dass wir intuitionsfähig werden können für das, was die Gemeinschaft oder ein anderer von uns braucht, was wirklich von uns gefragt ist. Eine solche „bottom up“-Gemeinschaftsbildung (vgl. Gemeinschaft(sbildung): Einleitendes zum Thema Gemeinschaft)baut nicht nur auf dem Wissen auf, dass wir antisoziale Wesen sind. Sie lebt auch von der Gewissheit, dass wir uns in unserem besten Wollen verbinden können, auf einander zugehen und helfen können. Wir alle haben bestimmte Aufgaben, jeder will etwas…

Wie können sich diese Aktivitäten so ergänzen, dass die Gemeinschaft etwas Großes leisten kann?

Intuition ist die Verbundenheit im Willen, die durch Blutsbande entstehen kann oder auf der Basis alter Schicksalsbeziehungen – oder aber sich neu bilden kann durch bewusste geistige Arbeit. Im regelrechten Kultus wird eine aus der geistigen Welt gestiftete Substanz gemeinschaftlich gepflegt. Seele und Geist des Menschen entwickeln und orientieren sich daran. Beim umgekehrten Kultus bildet sich die spirituelle Substanz aus dem individuellen Bemühen und Beitrag der Einzelnen. Wenn diese Substanz von der geistigen Welt angenommen und gleichsam gesegnet wird, so merkt man dies an einer Stimmung des Beschenkt-Werdens, einem feinen, unendlich zarten und doch zugleich kraftvollen Anwesenheitserlebnis einer die Mitarbeitenden ergreifenden Qualität, durch die man sich bestärkt fühlt in seinem besten Wollen.

Eine solche Arbeitsweise „von unten nach oben“ kennzeichnet die Arbeitsgemeinschaft der Ärzte, Pflegenden und Therapeuten. Sie erreicht die Qualität des „umgekehrten Kultus“, wenn im Ringen um einen Patienten, ein Arzneimittel oder um das Verständnis eines Krankheitsbildes der einzelne in der Hingabe an die Sache sein Bestes gibt.

Vgl. Publikation im ‚Der Merkurstab’ des Vortrags auf der Jahreskonferenz der anthroposohisch-medizinischen Bewegung am 16.9.11 im Goetheanum**

  1. Rudolf Steiner, Die soziale Grundforderung unserer Zeit. In geänderter Zeitenlage. GA 186, 4. Vortrag vom 6. Dezember 1918. Rudolf Steiner Verlag.
  2. Rudolf Steiner, Kosmogonie. GA 94. 9. Vortrag vom 18. Mai 1909.
  3. Siehe Rudolf Steiner, Anthroposophische Gemeinschaftsbildung. GA 257, S. 117: „Wir können es dann erreichen, wenn wir tatsächlich imstande sind, durch die lebendige Kraft, die wir hineinlegen in die Gestaltung der Ideen vom Geistigen, etwas von einem Erweckenden zu erleben, etwas von dem, was nicht bloß das sinnlich Erlebte so idealisiert, dass das Ideal ein abstrakter Gedanke ist, sondern so, dass das Ideal ein höheres Leben gewinnt, indem wir uns in es hinein leben, dass es das Gegenbild des Kultus wird, nämlich das Sinnliche ins Übersinnliche hinauferhoben. Das können wir auf gefühlsmäßige Weise erreichen, wenn wir uns angelegen sein lassen, überall dort, wo wir Anthroposophisches pflegen, diese Pflege von durchgeistigter Empfindung zu durchdringen, wenn wir verstehen, schon die Türe, schon die Pforte zu dem Raum – und mag er sonst ein noch so profaner sein, er wird geheiligt durch gemeinsame anthroposophische Lektüre – als etwas zu empfinden, was wir mit Ehrerbietung übertreten.“
  4. Rudolf Steiner, Die soziale Grundforderung unserer Zeit. In geänderter Zeitenlage. GA 186, S. 95. Rudolf Steiner Verlag.
  5. Rudolf Steiner, Die soziale Grundforderung unserer Zeit. In geänderter Zeitenlage. GA 186, S. 106. Rudolf Steiner Verlag.
  6. Siehe: Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule von 1904-1909. GA 265, S. 33, 34: „Wenn dieses Bewußtsein vorhanden ist und solche Gruppen in der Anthroposophischen Gesellschaft auftreten, dann ist in diesem, wenn ich so sagen darf, umgekehrten Kultus, in dem anderen Pol des Kultus, etwas Gemeinschaftsbildendes im eminentesten Sinne vorhanden“ und daraus könne diese „spezifisch anthroposophische Gemeinschaftsbildung“ erwachsen. (Dornach, 3. März 1923).