Empfänglichkeit für bakterielle Infektionen reduzieren

Wodurch wird ein Organismus empfänglich für bakterielle Infektionen wie z.B. Typhus?

Welche unterschiedlichen Erklärungsmodelle gibt es dafür?

Was hat ein gutes Immunsystem mit der Ich-Organisation zu tun?

Ansteckung durch Mikroben oder passendes Milieu?

Bei einer Typhusepidemie beispielsweise erkrankt längst nicht jeder, der mit kontaminierten Nahrungsmitteln oder Wasser in Kontakt kommt. Von denen aber, die erkranken, erkrankt die Mehrzahl nur leicht, andere mittelschwer, und wieder andere schwerst bis hin zu tödlichem Ausgang. Diese Art der Verteilung gibt es auch bei anderen Epidemien.

Zum Vergleich ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit. Am 21. März 2020 wurde im Wädenswiler Anzeiger ein Leitartikel zur Covid-Infektion publiziert, der mit einem Rückblick auf einen Wissenschaftsstreit vor rund 150 Jahren begann: „Auf der einen Seite war Louis Pasteur (1822–1895), ein angesehener Biologe und Chemiker, der Mikroorganismen im Zentrum des Infektionsgeschehens sah, während seine Zeitgenossen Pierre Jaques Antonie Béchamp und Claude Bernard die ‚Milieuseite‘ vertraten. Bernard fasste seine Erkenntnisse so zusammen: „Die Mikrobe ist nichts, die Empfänglichkeit der Umgebung ist alles“ (‚Le microbe n’est rien, le terrain c’est tout‘). Die genannten Forscher lieferten sich zeitlebens einen heftigen Konkurrenzkampf, den Pasteur aufgrund seines sozialen Status und seiner finanziellen Möglichkeiten für sich entschied. Erst auf dem Sterbebett – so wird es zumindest überliefert – hat Pasteur dann doch eingestanden, dass Bernard der Wahrheit näher war.“1

Rudolf Steiner geht im „Ärztekurs“ von 1920 ausführlich auf dieses Thema ein. Er bringt die Betrachtung über die Empfänglichkeit des Wirtes für die Infektion (‚Milieuseite‘) in ein Bild, indem er die Bakterien/Bazillen mit Kühen vergleicht, die dorthin gehen, wo fette Weiden sind, und sich auf kargen Böden nicht gerne aufhalten. Genauso verhalte es sich mit der ‚Bazillentheorie‘.2 Was er damit ausdrücken wollte: Diese Kleinstlebewesen existieren immer im Organismus, aber sie werden nur virulent, wenn ein geeignetes Nährmedium dafür vorhanden ist. Ist dieses nicht vorhanden, ist der Mensch nicht ansteckungsgefährdet bzw. hat er – wie man heute sagen würde – ein gutes Immunsystem.

Heilung der konstitutionellen Dysfunktionalität

Wo aber zirkulieren die Abwehrstoffe und die Killerzellen des guten Immunsystems?

In Kapitel XVI von „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst“3 heißt es, dass die Abwehrstoffe und Killerzellen eines guten Immunsystems im Blut zirkulieren, welches wiederum das Organ der Ich-Organisation ist (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Das Blut als Instrument des Ich).4 Kann nun mithilfe einer Konstitutionsbehandlung, z.B. mit einem Antimonpräparat, und je nach Situation auch noch kombiniert mit anderen Heilmitteln, die Ich-Organisation und damit ihr Einfluss auf die Gestaltungskräfte im Blut gestärkt werden, so werden die Bakterien nicht nur beseitigt, wie es über eine antibiotische Therapie geschieht, sondern zugleich das Milieu saniert und damit künftigen Infektionen vorgebeugt. Das entspräche einer integrativen Therapie, die sich nicht nur auf die Beseitigung der Symptome konzentriert, sondern auf die Heilung der konstitutionellen Dysfunktionalität.

In dem erwähnten Werk schreiben die Autoren: „Wendet man bei typhösen Erscheinungen Antimonpräparate in entsprechender Zusammensetzung an, so erweisen sich diese als Heilmittel. Sie entkleiden die Eiweißsubstanz ihrer Eigenkräfte und machen sie geneigt, den Gestaltungskräften der Ich-Organisation sich einzufügen.“5

Selbstverständlich hat der primäre Fokus auf die Symptombeseitigung überall da seine Berechtigung, wo sie Leben rettet, weil die Abwehrkräfte des Körpers zu schwach sind für die notwendige Selbstregulation. Wo diese Möglichkeit jedoch gegeben ist, kann differenzierter vorgegangen werden.

„Wer Exaktheit nur in dem sieht, was die Chemie – auch die pharmazeutische – feststellt, der vernichtet die Möglichkeit, Anschauungen darüber zu gewinnen, was im Organismus bei Heilungsvorgängen geschieht.“6

Vgl. Einleitung zu Band 15, Schriften zur Anthroposophischen Medizin, Kritische Edition der Schriften Rudolf Steiners“, frommann-holzboog Verlag, Stuttgart 20257

  1. https://waedenswiler-anzeiger.ch/2020/03/21/die-mikrobe-ist-nichts-das-milieu-ist-alles/.
  2. Vgl. Rudolf Steiner, Geisteswissenschaft und Medizin, GA 312, 80.
  3. Rudolf Steiner, Ita Wegman, „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst“, GA 27.
  4. Ebenda, Kapitel VI.
  5. Siehe FN 3, S. 80.
  6. Ebenda, S. 81.
  7. In Band 15 der SKA findet sich auch das umfangreiche Literatur- und Referenzverzeichnis. Wer den Inhalt weiter vertiefen möchte, kann sich dort darüber informieren.