Fragen zur geistigen Dimension von Krebs

Spiritualität steht für die geistige Verständigung des Menschen mit sich selbst und der Realität einer geahnten, „geglaubten", bzw. mehr oder weniger bewusst erlebten, göttlich-geistigen Welt. Da es oft die Erfahrung von Krankheit und Not ist, die für spirituelle Fragestellungen sensibilisiert, ist es erstaunlich, dass diese Thematik dennoch in Studium und Berufspraxis kaum thematisiert wird. Krankheit wird entweder als ein physisches oder psychologisches Phänomen beschrieben, geistige Dimension und Kausalität bleiben verborgen.Patienten und Eltern kranker Kinder fragen aber danach. Sie wollen beispielsweise wissen:

Warum hat mein Kind Leukämie?

Warum muss es so leiden?

Um darauf Antworten finden zu können, müssen wir Leben und Entwicklung aus spiritueller Sicht, die über Geburt und Tod hinausweist, betrachten. Antworten aus dem Kausalitätsverständnis im physischen oder psychologischen Kontext reichen hier nicht aus. So wichtig es ist, physische oder psychopathologische Wirkmechanismen der Krankheitsentstehung aufzuschlüsseln, die Kanzerogenität bestimmter Substanzen zu erforschen und die Langzeitwirkung atomarer oder elektromagnetischer Umweltbelastung zu beschreiben – ihre Wirkungen und Einflüsse können Sinnfragen dieser Art nicht klären. Ganz zu schweigen von der tiefer liegenden Frage:

Warum bleiben viele, die denselben Umweltbelastungen ausgesetzt sind, dennoch gesund?

Warum sind deren endogene „Repair-Mechanismen" besser als beispielsweise bei mir als Betroffenem oder bei meinem Kind?

Und: Wenn die Gene für die Krankheitsentstehung verantwortlich gemacht werden: Welchen Gesetzen gehorcht der genetische Zufall?

Warum ist gerade dieses Geschwisterkind betroffen?

In welchem Zusammenhang stehen Krankheit und Schicksal?

Da greifen auch psycho-onkologische Erklärungsmuster zu kurz. Sie bringen die Krankheit zwar näher an das konkrete Leben des betreffenden Menschen heran, aber der Sachkundige weiß, dass auch bei angenommenen bzw. diskutierten Prädispositionen nicht jeder davon betroffen ist. Disposition und Realisation weichen erstaunlich oft auseinander. Umso drängender kann die Frage empfunden werden, ob hier nicht doch auch eine Gesetzmäßigkeit zugrunde liegen könnte, die verstehbar und handhabbar ist, eine „Schicksalslogik", die angesichts der Sinnfrage „greift" und den tatsächlichen Sachverhalt zugänglich macht (vgl. Schicksal und Karma: Ich-Erleben und Schicksalsgestaltung).

Entwicklungsfördernde Fragen

Wenn der Mensch sich vermöge seines Denkens, seiner Ideale (vgl. Ideale: Die besondere Natur der Ideale), immer mehr zu dem macht, was er selber denken und wollen kann, so erscheint der Gedanke der Wiederverkörperung als eine notwendige Konsequenz. Auch wenn es angenehmer erscheint, die Probleme, die wir an Leib und Seele beobachten, unseren Genen anzulasten oder der Umwelt, den Eltern, Lehrern, den ungerechten oder schwierigen Lebensumständen, so stellt diese Auffassung eine Sackgasse für die persönliche Entwicklung dar. Denn wir delegieren damit unsere Probleme und berauben uns unseres ganz individuellen Entwicklungspotentials. Ganz anders sieht es aus, wenn wir folgende Fragen stellen:

Woher könnte diese Problematik herrühren?

Warum muss ausgerechnet ich mich damit auseinandersetzen und nicht mein Nachbar oder mein Ehepartner?

Was hat das mit mir zu tun?

Was kann ich daraus lernen?

Durch solche Fragen gewinnen wir Anschluss an unser ewiges, tätiges, gedanklich erfahrbares Wesen und sind so in der Lage, unsere Identität zu stärken und an unserer körperlichen und seelischen Gesundheit zu arbeiten.

Von Erdenleben zu Erdenleben verschleppte Probleme

Rudolf Steiner führt zur Entstehung von Krankheiten ganz allgemein Folgendes aus:1 Wenn jemand z.B. in einem Erdenleben ein Problem hatte, das er bis zu seinem Lebensende nicht aus der Ich-Kraft heraus bearbeiten konnte, so dass er es schließlich mit über die Todesschwelle nehmen musste, so kann dieses Ungelöste als „Gedankenwesenhaftes", „Geistiges", die Bildung des Astralleibes mit seiner Seelenkonfiguration für das nächste Leben beeinflussen (vgl. Wesensglieder: Wechselwirkungen der Wesensglieder aufeinander ).

• Absinken auf seelische Ebene

Es verschwindet damit aus der Ich-Sphäre, der Sphäre freier, direkter Zugänglichkeit und Beeinflussbarkeit, und bestimmt jetzt die seelische Konstitution. So frei wir uns auch im Ich-Bewusstsein erleben mögen, seelisch-gefühlsmäßig kann unser Leben von Ängsten, von einem melancholischen Nebenton oder einer schwer beherrschbaren aggressiven Neigung geprägt sein. All das hat seinen Ursprung in nicht verarbeiteten Erlebnissen des letzten Erdenlebens. Es gibt viele Menschen, denen es im Hinblick auf ihre seelische Befindlichkeit meist ganz gut geht. Aber in bestimmten Situationen müssen sie immer wieder mit einer Art Missstimmung oder Melancholie kämpfen oder mit Wut und Hass. Wer sich nun bewusst entschließt, an solchen Verstimmungen zu arbeiten, kann sie noch weitgehend auflösen.

• Absinken auf ätherische Ebene

Geschieht dies nicht, so geht man wiederum damit über die Todesschwelle und die Problematik sinkt im darauffolgenden Leben noch eine Schicht tiefer und wirkt sich auf die ätherische Konstitution aus. Da zeigt sich das Problem jetzt als eine Funktionsstörung, eine Krankheitsdisposition. Man ist z.B. infektanfällig, hat Rhythmusstörungen, ist ein bisschen zart gebaut oder haltungsschwach. Eine gute Erziehung kann hier manches regulieren und stabilisieren helfen: Rhythmus und Struktur im Tagesverlauf, gesunde Ernährung, das Setzen notwendiger Grenzen – das alles kann helfen, die Problematik auf der funktionell-ätherischen Ebene auszugleichen und damit zu heilen (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Begabungen des Ätherleibes).

• Manifestation als physische Krankheitsdisposition

Wer jedoch keine liebevolle Erziehung durchläuft und auch die Möglichkeiten der Selbsterziehung nicht wahrnehmen kann, nimmt die Problematik wiederum unverwandelt mit über die Todesschwelle. Erst jetzt, im vierten Erdenleben nach dem Auftauchen einer vom Ich nicht bewältigten Problematik, hat man es mit einer physischen Krankheitsdisposition zu tun. Jetzt von „Zufall" oder „Unfreiheit" zu sprechen, wird dem geistigen Aspekt nicht gerecht. Die Krankheitsdipostition ergibt sich spirituell gesehen vielmehr aus der Komplexität des Schicksalszusammenhanges in den letzten vier Erdenleben, aber auch aus dem aktuellen Tun und Lassen.

In der Krankheit zeigt sich der zwar unbewusste, aber doch eigene Wille, das unverarbeitete Problem jetzt auf dem Krankheitsweg zu bearbeiten (vgl. Krebs als Zeitkrankheit: Die Krankheit selber ist die Heilung). Auf diesem Krankheitsweg wird auch das Umfassende des Freiheitsverständnisses im Johannes-Evangeliums evident: Wenn die Wahrheit frei macht (Joh, 8), so nimmt die Freiheitsfähigkeit des Menschen analog zu seiner Selbst- und Welterkenntnis zu – was aber auch die Möglichkeit von Krankheit und Heilung mit einschließt. Krankheitsentstehung durch mehrere Erdenleben hindurch zu denken und zu verstehen, gibt dem Arzt neue Möglichkeiten des Helfens und dem fragenden Patienten neue Möglichkeiten biographischer Sinnfindung. Selbsterziehung kann so auch Antrieb zur spirituellen Krankheitsprophylaxe werden. Eine solche Betrachtung eröffnet neue Freiräume für einen selbstbewussten, initiativen Umgang mit dem eigenen Schicksal.

Wer z.B. Steiners „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?" durcharbeitet, lernt die genannten Wesensschichten (auch Wesensglieder genannt) differenziert kennen und handhaben. Übungen für das Denken, Übungen für die Seele, fürs Gefühl, Übungen für die Lebensqualität, den Lebenslauf, für Schlafen und Wachen, Übungen für die physische Verfasstheit – alles wird da gut nachvollziehbar beschrieben.

Vgl. „Gibt es eine Prävention der Krebserkrankung?“ Der Merkurstab, Heft 4, 2009

  1. Rudolf Steiner, Menschheitsentwicklung und Christus-Erkenntnis, GA 100, 2. Aufl. Dornach, 1981, S. 93-94