Gründe für Machtmissbrauch
Welche Möglichkeiten des Machtmissbrauchs gibt es?
Inwiefern hängen sie mit fehlender Willensschulung zusammen?
Was muss getan werden, um Schaden abzuwenden?
Machtmissbrauch durch psychosoziale Unreife
Je mehr man sich der Möglichkeiten der Beeinflussung des eigenen Willens bewusstwird, umso mehr „Macht“ gewinnt man potentiell, auch den Willen anderer Menschen zu beeinflussen. Das Problem der Macht in zwischenmenschlichen Beziehungen steht und fällt damit, wie man seinen Willen, seine Macht, im Leben einsetzt und zur Geltung bringt. Je bewusster, freier, selbstbestimmter man auf diesem Gebiet wird, umso größer wird die Verantwortung. Denn damit wächst auch die Möglichkeit, die eigene Macht zu missbrauchen.
Denn Machtmissbrauch ist gut vereinbar mit Intelligenz. So muss es zu Problemen führen, wenn z.B. ein vierzigjähriger, hochintelligenter Akademiker mit Bezug auf sein Gefühlsleben die Reife eines neunjährigen Kindes besitzt und nicht in der Lage ist, Ablehnung oder Kritik konstruktiv zu verarbeiten. Er kann vielleicht nur beleidigt und mit Antipathie reagieren und bestrebt sein, hinter Arroganz und „Image“ seine Empfindlichkeit zu verbergen.
Das ist problematisch und auch, dass In vielen Schulen und Elternhäusern heute in erster Linie auf die Intelligenzförderung geachtet wird, während der Umgang mit den eigenen Willenskräften, auf sportliche Aktivitäten reduziert bleibt – mit den oben geschilderten Folgen.
Defizite aus früheren Entwicklungsphasen des Willens
Auch Menschen, die wegen Gewaltanwendung, Brutalität und Kriminalität auffällig werden, weisen charakteristische Defizite der Persönlichkeitsreifung auf, insbesondere im Bereich der psychosozialen Reifung. Was im „richtigen Entwicklungsfenster“ normal ist, wird später problematisch, ja sogar gefährlich.
- Konfliktlösung über Körpereinsatz – Relikt aus dem 1. Jahrsiebt
Im Kindesalter ist vieles noch normal, was für einen Jugendlichen oder Erwachsenen bereits abwegig bzw. „böse“ wäre. Kinder dürfen z.B. noch „grausam“ sein. Auch dürfen sie spontan aufeinander losgehen und sich balgen und ärgern. Bis ins dritte, vierte Schuljahr hinein sind körperliche Auseinandersetzungen dieser Art als „körpersprachliche Kommunikation“ durchaus altersentsprechend, d.h. „normal“.
Im Jugend- und Erwachsenenalter kann ein solches Verhalten hingegen zu Gewaltanwendung und Körperverletzung führen.
- Konfliktlösung durch Entweder- Oder – Relikt aus dem 2. Jahrsiebt
Demgegenüber zeigen Fundamentalisten und Fanatiker, dass sie auf der zweiten Entwicklungsetappe stehengeblieben sind, denn die Stoßkraft ihres Willens ist überwiegend von Gefühlen der Sympathie und Antipathie geleitet. Sie sind unfähig, eine Sache von verschiedenen Seiten anzuschauen und anstelle des „Entweder-Oder“ das „Sowohl-als-auch“ zu setzen. Bei ihnen gilt nur das Ja oder Nein, das Dafür oder Dagegen. Dieses Verhalten entspricht ganz und gar der dem Gefühlsleben zugrundeliegenden Polarität von Sympathie und Antipathie, und die Dominanz dieser Gefühlsspannung ist es, die zu dem engen Freund-Feind-Denken führt. Differenzierte Betrachtungen, die gedankliche Beleuchtung eines Tatbestandes von ganz verschiedenen Gesichtspunkten aus, sind nicht möglich, weil die emotional bedingte Vorentscheidung schon gefallen ist.
Selbsterziehung als Vorbeugung gegen Machtmissbrauch
Es ist wichtig, Verhaltensweisen wie die genannten als Entwicklungsrückstand zu erkennen, um bewusster, als dies bisher weltweit geschieht, solchen Entwicklungsrückständen und -verzögerungen während der Schulzeit vorbeugen zu können. Auch ist es Grundlage für einen pädagogisch orientierten Strafvollzug. Denn hier muss z.B. gelernt werden, eine versäumte Pubertät nachzuholen. Es muss geübt werden, Gefühle gedanklich zu verarbeiten und sich selbst und die Welt achten zu lernen. Ein Mensch, der über eine zureichende Gefühlskultur verfügt, wird nicht wissentlich seinen Willen missbrauchen und andere schädigen – sein Mitempfinden schützt ihn davor. Grundlage für eine solche Gefühlskultur ist jedoch, dass im Schulalter gelernt wird, Gefühle nicht nur auf sich selbst zu konzentrieren, sein eigenes Gefallen und Missfallen zu erleben und zu äußern, sondern sie auch der Umwelt und anderen Menschen vollumfänglich zuzuwenden.
Vgl. „Macht in der zwischenmenschlichen Beziehung“, 1. Kapitel, Verlag Johannes M. Mayer, Stuttgart – Berlin 1997

