Begegnung mit dem Fremden in und um sich

Warum reagieren Menschen auf Fremdes so gegensätzlich?

Warum wird Fremdartiges als Bedrohung erlebt und entsprechend bekämpft?

Verbirgt sich hinter Fremdenfeindlichkeit eine primäre Entwicklungsfeindlichkeit?

Das Phänomen der Fremdenfeindlichkeit

Es gibt ein sehr schönes Zitat von Albert Schweitzer zu diesem Thema: „Das Gebot der Liebe heißt im letzten Grunde: Es gibt für dich keine Fremden, sondern nur Menschen, deren Wohl und Wehe dir angelegen sein muss.“ Das ist jedoch längst nicht die Auffassung aller.

Demgegenüber steht das Phänomen der Fremdenfeindlichkeit, das in einem Lexikon folgendermaßen beschrieben wird: „Aggressiv ablehnende Haltung gegen Menschen aus einer anderen Gemeinde oder Region, aus einem anderen Volk oder Kulturkreis. Sie ist eine häufige Erscheinungsform von Regionalismus, Nationalismus oder Rassismus. Fremdenfeindlichkeit ist eine in der Geschichte der Menschheit sehr, sehr alte Erscheinung. Sie verneint das Verbindende zwischen Menschen verschiedener Herkunft und kulturellen Zuschnitts, sie schafft oder vertieft Vorurteile, schafft Hassgefühle und sieht im Andersgearteten das Bedrohliche, das es zu bekämpfen gilt. Sie ist damit eine der häufigsten Ursachen von Kriegen und fördert innergesellschaftlich die Diskriminierung, das heißt die Ungleichbehandlung und Benachteiligung von ethnischen oder nationalen Minderheiten. Innerhalb moderner Industriegesellschaften sehen sich ausländische Arbeitnehmer oft fremdenfeindlichen Tendenzen ausgesetzt.“

Damit ist eine einfache, gleichwohl deutliche Charakteristik gegeben, worauf sich dieses Antipathische dem Fremden gegenüber gründet.

Unterschiedliche Reaktionen auf Fremdes

Rudolf Steiner beschreibt zwei mögliche individuelle Ausdrucksformen der Bewusstseinseele, eine positive und eine negative:

Es gibt Menschen, die begegnen Fremdem an sich mit Neugier, Interesse, Offenheit, Spannung und Mut, andere wiederum reagieren mit Unsicherheit, Ängstlichkeit oder sogar mit Ablehnung und Hass darauf.

Unternimmt man eine Reise in Gegenden, in denen die dort Lebenden noch nie einen Mitteleuropäer gesehen haben, zum Beispiel bestimmte Gebiete in Asien, kann man erleben – zumal wenn man blond und blauäugig ist –, dass Einheimische, Erwachsene wie Kinder, näherkommen, einen unbefangen anschauen und Haut und Haare anfassen wollen. Sie staunen mit allen ihren Sinnen, und es ist eine Begegnung ohne Angst und Hass, geprägt von Neugier und Interesse. Man ist als Weißer sofort von Menschen umringt, aber es ist dabei keinerlei Aggression zu spüren. Vielmehr ist die Situation von großer Offenheit geprägt und dem Bedürfnis, diese andersartigen weißen Menschen wahrzunehmen und kennenzulernen.

Und dann gibt es die andere Seite, von der wir gegenwärtig oft hören: Ein Reagieren auf das Fremde, Andersartige, mit Hass und Gewalt, was bis zu Brandstiftung und Mord gehen kann.

Friedensfähigkeit als Kulturleistung

Es gibt tieferlegende „gute“ Gründe für die eine wie für die andere Reaktion. Jeder weiß von sich, dass man, ohne es zu wollen, aggressiv, gereizt, angstvoll oder auch mit Hass reagiert, wenn man aus irgendeinem Grund erschöpft und überfordert ist. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn wir müde oder hungrig sind. Not, Hunger und Unwohlsein brauchen nur ein gewisses Maß zu übersteigen, um eine Welle der Aggression loszutreten. Bertolt Brechts in der Dreigroschenoper formulierte klassenkämpferische These lautet: „Erst kommt das Fressen und dann die Moral“. Diese Aussage enthält viel Wahrheit.

Friedensfähigkeit steht nicht am Anfang, sondern am Ende einer bestimmten Entwicklungsetappe. Sie stellt eine hohe Kulturleistung dar und bedarf bestimmter Voraussetzungen. So gilt es erst einmal zu verstehen, warum Menschen in dieser Weise brutal, aggressiv oder angstvoll reagieren können.

Wenn zum Beispiel ein Attentat verübt wird, hat man üblicherweise Mitgefühl mit den Geschädigten und der Nation, der sie angehören. Gleichzeitig entwickelt man Ablehnung, ja sogar Hass, gegenüber den Tätern – ohne sich bewusst zu sein, dass man genau dasselbe tut wie diese, nämlich Antipathie für eine Minderheit (die Täter) zu empfinden und Sympathie für diejenigen zu haben, die so sind wie man selbst: unschuldig. So ketzerisch das auch klingen mag, so stellt sich grundsätzlich die Frage, wie wir Verständnis für die „andere Seite“, hier die Täter, entwickeln können.

Üben, sich selbst als Fremder gegenüberzustehen

Wohl jeder, der darauf achtet, kennt aus bestimmten Lebenssituationen heraus den Zustand, dass man sich selbst fremd werden kann:

  • entweder, weil man impulsiv etwas gesagt oder getan hat, was einen selbst am nächsten Tag „befremdet“

  • oder weil man ein Erlebnis hatte, durch das man sich für immer verwandelt fühlt.

Rudolf Steiner gab uns die hilfreiche Anregung, uns im Alltag immer wieder „als ein Fremder gegenüberzustehen“.1 Diese Perspektive hilft uns, auf den eigenen Doppelgänger aufmerksam zu werden und die eigenen Projektionen zu durchschauen.2 Man lernt dadurch das eigene Selbst objektiv kennen und erkennt wie von außen, was alles an Angst, Unsicherheit und Zweifel, auch in Bezug auf sich selbst, in der eigenen Seele lebt. Wer sich dieser „fremden“ Seelenregungen in sich selbst nicht bewusstwird und sich so mit dem Fremden in sich anfreundet, projiziert sie auf andere Menschen. Man fürchtet dann das Fremde im anderen. Wer nicht lernt, sich selbst in der Tiefe zu begegnen, scheut die Begegnung mit anderen.

Die Rolle der Begegnung

Jede Begegnung mit anderen – uns fremden – Menschen birgt die Möglichkeit, neue Eigenschaften in uns hervorzurufen. Das erfordert ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit. Wir brauchen den Schutz und Halt durch Vertrautes, um den Umgang mit einem fremden Gegenüber zu lernen. Man muss in der Lage sein, die eigene Entwicklung – und damit einhergehend die Verarbeitung von Fremdem in sich und anderen – in die Hand zu nehmen. Das ist eine Grundbedingung der Selbstschulung. Diese Schulung, durch die wir lernen dem Fremden zu begegnen, baut auf dem zentralen Entwicklungsgeheimnis auf, dass im Grunde jede Begegnung den Keim für die Entwicklung von Neuem in uns legt.

Wenn wir uns mit einem andersartigen Gedanken, einem neuartigen Gefühl oder einer Frage konfrontiert sehen, ist das für uns mit einem Aufwachprozess und einer Erweiterung der Selbstwahrnehmung verbunden. Dadurch kommen wir in der Selbsterkenntnis weiter und lernen gleichzeitig andere Menschen besser zu verstehen. Nichts macht uns bequemer und träger als der gewohnte Alltagstrott – gerade auch in Beziehungen: Man kennt sich, braucht kaum mehr miteinander zu reden, weiß ohnehin, was der andere sagen will... Lässt man sein Leben so verlaufen, besteht die Gefahr, dass keine Entwicklung mehr stattfindet.

Wir brauchen das Fremde und die Begegnung mit dem Andersartigen, um über unser enges Selbst hinauszuwachsen und uns weiterzuentwickeln. Dem Fremden begegnen zu wollen, heißt, sich und dem anderen die Chance zur Weiterentwicklung zu geben.

Vgl. „Macht in der zwischenmenschlichen Beziehung“, 9. Kapitel, Verlag Johannes M. Mayer, Stuttgart – Berlin 1997

  1. Vgl. Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, GA 10, S. 31 ff.
  2. Ebenda, Seite 220ff.