Geistige Entwicklung des Jugendlichen unterstützen

Wie können Eltern die geistige Entwicklung ihrer Kinder unterstützen?

Im geistigen Bereich können Eltern nur heilsam wirken, indem sie nach der Pubertät freien Raum geben für die eigenständige Entwicklung geistiger Fähigkeiten des Jugendlichen, indem sie für Gespräche zur Verfügung stehen, ohne indoktrinierend oder manipulierend in seine Freiheit einzugreifen. Der Geist des Menschen wird auf gesunde Weise gefördert, wenn man ihm Fragen stellt und ihn so zur Eigentätigkeit aufruft – was mit jeder Frage geschieht. Mutter und Vater müssen zum fragenden Gesprächspartner werden.

Wenn dann die Kinder eigene Wege zu gehen beginnen, müssen die Eltern weitere geistige Eigenschaften beweisen, die in dieser Phase nötig sind: Vertrauen und Treue. Sie müssen vermitteln: „Was auch geschieht, du kannst immer zu mir kommen.“ Das ist eine geistige Kraft, eine Beständigkeit, bei der Sympathie und Antipathie zu schweigen haben, bei der es um eine ganz andere innere Dimension des Durchhaltens geht.

Besonders in dieser Phase des Miteinanders sind wir aufgerufen, ein Bewusstsein für die Dimension der Autonomie, Authentizität und Freiheit des anderen zu entwickeln. Auch wenn der Weg oder das Verhalten des Jugendlichen uns Sorgen machen oder sogar Schmerzen bereiten, ist es doch wertvoll und wichtig, ihn in seinen Intentionen zu unterstützen und ihm die Möglichkeit zu geben, sich zu entwickeln. Aus dem Ringen darum ihm zu helfen, er selbst zu werden und sein Leben führen zu lernen, kann eine tiefe Freude und Nähe erwachsen.

Wir leben in einer Zeit, in der man bereits deutlich sehen kann, was geschehen wird, wenn Mütter und Väter sich dieser Verantwortung, für die Gesundheit ihres Kindes zu sorgen, nicht bewusst sind. Wir sind zunehmend mit der Suchtproblematik konfrontiert. Den Prognosen nach soll der Konsum von Drogen über die Jahre noch zunehmen. Die Hauptursachen für das Suchtverhalten in unserer Zeit, wie sie sich aus Gesprächen mit Betroffenen für uns herauskristallisierten, sind allem voran fehlende Geborgenheit und Akzeptanz (vgl. Erziehung: Erziehung, Drogenprophylaxe- und Therapie). Viele Süchtige erzählen, sie hätten kein richtiges Zuhause gehabt.

Geborgen in der geistigen Heimat

Das richtige Zuhause für Erwachsene und Kinder ist das Geborgensein in einer geistigen Heimat, die einem nicht verloren gehen kann. Nur diese religiöse Grundstimmung, dieses selbst errungene Existenzvertrauen, kann die Geborgenheit geben, die der Mensch braucht, um später einen starken, sicheren, inneren Existenzbezug zu haben (vgl. Erziehung: Erziehung, Drogenprophylaxe- und Therapie). Es geht eben nicht nur darum, in den Arm genommen zu werden.

Eine weitere Ursache für Suchtverhalten ist der Mangel an Liebe, der besonders in der Schulzeit erlebt wird, wenn das bewusste Leben beginnt. All das Unkünstlerische, das Lieblose, das Unmenschliche, alles, was von der Abwesenheit des Menschlichen zeugt, lässt in den Kindern eine innere Leere entstehen und die Sehnsucht nach einer innigen Verbindung mit der Welt, die sie dann mithilfe von Droge zu erfüllen suchen.

Oft treten auch bohrende Zweifel im dritten Jahrsiebt auf, aber auch Fragen, wie es im späteren Leben ständig geschieht, auf die wir keine Antwort wissen. Nur wenn in der Gefühls- und Willensschicht ein tragender, liebevoller, hoffnungsreicher Grund gelegt wurde, hält man die quälenden Zweifel, diese Erkenntnisschmerzen aus. Viele greifen, um diese Qual zu betäuben, eben auch zur Droge.

Die heutigen Zivilisationserscheinungen machen Müttern und Vätern, uns Pädagogen, uns Ärzten und Therapeuten, die wir „um das werdende Menschentum herum“ sind, deutlich, dass wir einen ungeheuer bedeutsamen Auftrag zu erfüllen haben. Dieser Auftrag kommt nicht von uns – er wird uns von den Kindern gegeben.

Auf sie zu hören und das ernst zu nehmen, was die Kinder uns durch ihr ganzes Verhalten nahe bringen, ist eine der wichtigsten Aufgaben auf dem therapeutischen Schulungsweg der Mutter. Wenn wir ihn ernst nehmen und bereit sind, von den Kindern zu lernen und auch selbst wieder wie die Kinder zu werden, indem wir in einem höheren Sinn neu denken, sprechen und handeln lernen, dann lernen wir auch, Repräsentanten und Helfer des großen Weltenheilands zu werden, den die Kinder ja suchen, wenn sie in dieses Leben kommen und durch den sie erst die Möglichkeit bekommen, Angehörige einer Menschheit zu werden.

Vgl. Vortrag „Der therapeutisch-heilende Auftrag der Mutter“, Dornach, 16. und 17.05.1992