Sinnliches Gehirn und übersinnliche Gedanken

Das Gehirn ist nicht Produzent unserer Gedanken, auch wenn dies im Kontext rein natur-wissenschaftlicher Neurobiologie immer wieder behauptet wird. Bereits in der Embryonal-entwicklung bilden sich die Gehirnstrukturen durch die Eigentätigkeit des Kindes:

  • durch die Wahrnehmung der Organe untereinander
  • und durch die Art, wie das Kind seine mütterliche Umgebung wahrnimmt.

Der Heidelberger Neurophysiologe und Psychiater Thomas Fuchs hat dies besonders eindrücklich dargelegt in seinem Buch „Das Gehirn – ein Beziehungsorgan“1. Das Gehirn bildet sich zeitlebens am Leben für das Leben.

Ein allzu phlegmatischer Lehrer kann Nervosität veranlagen, weil er durch seine Langsamkeit die Schüler nervös macht.

So ist es auch ein Organ der Gedanken-Wahrnehmung und der Gedanken-Reflexion.

Die übersinnliche Menschennatur ansprechen

Im medizinischen Alltag ist das augenfällig, wenn im Falle von hirnorganischen Erkrankungen das Gehirn als Reflexionsorgan geschädigt ist und die betroffene Person ihre Gedanken nicht mehr reflektieren und sprachlich-neuromotorisch zum Ausdruck bringen kann. Sie „hat“ ihre Gedanken und die Bereitschaft zu kommunizieren jedoch noch. Daher kann man lernen, mit dementen Patienten bzw. mit Menschen mit besonderem Pflege- und Förderungsbedarf unmittelbar gedanklich und emotional zu kommunizieren, ohne Umweg über das an das Gehirn gebundene reflektierende Denken. Eine spirituell orientierte Kultur des Betreuens und Pflegens, die das berücksichtigt, hat somit weiter reichende Möglichkeiten, der Würde des Erkrankten und Behinderten gerecht zu werden. In den anthroposophischen Alters- und Pflegeheimen wird eine solche Pflege- und Betreuungskultur geübt – ebenso wie in den Einrichtungen für Heilpädagogik und Sozialtherapie. Dort gehört es daher auch zur Ausbildung, sich mit der übersinnlichen Menschennatur und ihren ewigen Gesetzen im Sinne Goethes zu beschäftigen und zu lernen, wie man sie in allen Lebenslagen wahrnehmen und begleiten kann.

Der unsichtbare Mensch in der Kunst

In Poesie und bildender Kunst wurde die Realität eines „zweiten, unzerstörbaren Men-schen“, den man nicht mit Augen sehen kann und der dennoch da ist – außerkörperlich, als ein Gedankenwesen – immer wieder eindrücklich beschrieben und dargestellt, z.B. auch von dem spanischen Dichter Juan Ramón Jiménez (1881-1958):

Ich bin nicht ich.
Ich bin der, der an meiner Seite geht,
ohne dass ich ihn erblicke;
den ich immer wieder besuche
und immer wieder vergesse.
Der ruhig schweigt,
wenn ich rede,
der sanftmütig verzeiht,
wenn ich hasse, der umherschweift, wo ich nicht bin,
der aufrecht steht,
wenn ich sterbe.
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Der unsichtbare Mensch in Gesundheit und Krankheit

Solange wir leben, sind diese beiden Menschen – der sichtbar verkörperte und der un-sichtbare, gedanklich-geistige – durch den Ätherleib als Träger des Lebens und der Gedanken verbunden. Tagsüber haben wir die Möglichkeit, ein selbst ¬gesteuertes Ge-dankenleben zu führen. In der Nacht gestalten wir mit unserem Ätherleib die biologi¬schen Aufbauvorgänge des Körpers mit. Dabei machen die ordnenden oder chaotisierenden Nachwirkungen des bei Tage Gedachten auf das nächtliche Regenerationsgeschehen deutlich, dass unser Denken eine physiologische Auswirkung hat:

  • Gedankliche und körperlich-regulatorische „Stimmigkeit“ bedingen einander: Beide führen zu Gesundheit.
  • Irrtum und Lüge dagegen kränken nicht nur seelisch, sondern beeinträchtigen längerfristig auch die körperlichen Regenerationsvorgänge und führen zu Krankheit.

Vgl. Körperleben und Gedankenleben, in: Meditation in der Anthroposophischen Medizin, 1. Kap., Berlin 2016

  1. Thomas Fuchs, Das Gehirn – ein Beziehungsorgan, Kohlhammer, Stuttgart 2007.
  2. Juan-Ramon Jiménez, Herz, stirb oder singe, Diogenes Verlag, Zürich 1977.