Schritte der Konfliktbewältigung in der Familie
Welche Gesichtspunkte helfen bei Konflikten im Familienkontext?
Inwiefern sind Kinder und Jugendliche ernstzunehmende Konfliktparteien?
Warum ist die Reflexion des gesamten Prozesses von entscheidender Bedeutung?
Bewältigung von Konflikten zwischen Eltern und Kindern
Sehr oft werden Pädagogen, Erzieher oder auch der Kinderarzt gefragt, wie man gute Lösungen im Rahmen einer Erziehung zur Konfliktbewältigung finden kann. Was man machen kann, wenn ein Zwei- bis Dreijähriges in der sogenannten Trotzphase oder manchmal auch etwas später alles verweigert. Wenn Kinder sich im Kleinkindalter auf den Boden schmeißen und brüllen oder Jugendliche sich schlicht weigern zu kooperieren.
Hier gilt es wichtige Schritte einzuhalten, um eine für alle akzeptable Lösung zu finden.
Damit ist eine einfache, gleichwohl deutliche Charakteristik gegeben, worauf sich dieses Antipathische dem Fremden gegenüber gründet.
- 1. Das Verhalten des Kindes als normal anerkennen
Für jede Entwicklungssituation ist es hilfreich, wenn der Erwachsene sich klarmacht, dass die aufbegehrende Wesensäußerung, wie zum Beispiel das Trotzen, eine typische altersentsprechende Reaktion darstellt, die notwendig und tief berechtigt ist.
Die Trotzphase zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass das Kind seinen eigenen Willen äußert, weil es gelernt hat, zu sich „ich“ zu sagen. Das bewusste Ich-Sagen und die erstmalige eigene Willensäußerung läuten die Trotzphase ein. Diese beiden Entwicklungen gehören immer zusammen. Das Ich-Sagen und das damit einhergehende Nein-Sagen-Können sind für das Kind tiefgreifende Erlebnisse: Damit teilt sich die Welt zum ersten Mal in Akteure und Zuschauer, in Ich und Du. Es erlebt zum ersten Mal: „Ich will etwas anderes als du.“ Und: Das Kind hat von seinem Standpunkt aus genauso ein Recht darauf wie der Erwachsene. Beide erleben: „Der andere will etwas anderes als ich.“
Wenn man die Berechtigung dieses Konfliktes erkennt, ist es leichter, sachlich gut damit umzugehen, indem man diesem Naturereignis mit Ruhe begegnet.
- 2. Das Verhalten des Kindes nicht persönlich nehmen
Man sollte das Verhalten des Kindes auf keinen Fall persönlich nehmen, indem man angesichts eines Wutanfalls selbst auch in Wut gerät oder gereizt reagiert. Wenn man den Gefühlsausbruch nicht persönlich nimmt, kann man erstmal ein paar Male ruhig durchatmen und überlegen, wie man damit umgehen möchte.
In Alltagsangelegenheiten ist es wahrscheinlich so, dass der Erwachsene meist Recht hat und sich durchsetzen muss, dass er z. B. eine Grenze ziehen muss, um das Kind nicht zu gefährden oder auch, damit es nicht anfängt, den Erwachsenen zu beherrschen.
Wenn der Konflikt zu eskalieren droht, kann man ganz ruhig sagen: „So können wir das nicht lösen, ich komme später wieder darauf zurück.“ Das heißt, man verlässt die „Arena“ und nimmt dem Kind das Publikum. Kinder, die trotzen oder sich verweigern, merken sofort, ob der Erwachsene innerlich entspannt bleibt oder ob er unsicher ist, ob er darauf eingehen soll oder nicht. Solange Unsicherheit und Unentschiedenheit herrschen, wird weitergemacht. Wenn Kinder jedoch die Entschiedenheit des Erwachsenen spüren, beruhigen sie sich oft schnell wieder. Denn Kinder sind Realisten, die sehr schnell merken, ob ihr Widerstand etwas bringt oder nicht. Die Klarheit der Erwachsenen gibt ihnen Sicherheit und flößt ihnen sogar einen gewissen Respekt ein. Das ist das Schöne daran.- 3. Erkennen, wer wann entscheiden sollte
Ein weiterer Schritt ist zu erkennen und anzuerkennen, wer wann warum die Entscheidungshoheit hat: wer jetzt situativ die Autorität und das Sagen hat und entscheiden sollte, was getan wird.
Im Zweifelsfall – um das Kind vor Schaden zu bewahren und um seiner Verantwortung Rechnung zu tragen – signalisiert der Erwachsene dem Kind durch sein Verhalten, dass an dieser Stelle sein Wille gilt. Er tut es nicht, weil er der große Boss ist, sondern weil er aufgrund seines Alters- und Erfahrungsvorsprunges weiß, was das Kind jetzt braucht: dass es z. B. Zeit ist ins Bett zu gehen oder etwas zu essen oder warme Kleidung anzuziehen oder pünktlich zu sein in Bezug auf Kindergarten und Schule. Er signalisiert dem Kind: „Das mache ich, weil ich dich liebhabe und Verantwortung für dich trage und nicht, weil ich dich beherrschen will.“
- 4. Den richtigen Ton finden
Beim vierten Schritt geht es darum, den richtigen Ton zu finden, um das Notwendige durchzusetzen. Hier geht es um die sachlich-moralische Ebene, nicht um die persönliche:
Wie sage ich derlei „im Guten“?
Wie drücke ich es aus, dass der andere merkt, dass es wirklich sachlich begründet und notwendig ist?
Der Ton macht die Musik. Und er wird erst dann stimmen, wenn der Erwachsene es schafft, der sachlichen Notwendigkeit zu dienen und nicht seine persönliche Überlegenheit zu demonstrieren.
- 5. Konsequent handeln
Im fünften Schritt geht es um die Um- und Durchsetzung des Besprochenen, um das konsequente Handeln.
- 6. Die Wirkung der bisherigen Schritte beobachten
Doch erst der sechste Schritt rundet den Prozess der Konfliktlösung ab: Hier geht es um die Beobachtung der Wirkung.
Nimmt das Kind oder der Jugendliche die Entscheidung des Erwachsenen an oder nicht?
Wenn die beschriebenen Schritte klar befolgt werden, nimmt das Kind die Entscheidung mitsamt ihren Konsequenzen in der Regel an. Es ist Realist. Auch der Jugendliche akzeptiert sie meist, wenn auch knurrend – doch mit einer gewissen Genugtuung, weil er die sachliche Richtigkeit begreift. Denn tief im Innern weiß der aufbegehrende Jugendliche, dass es nicht gut ist, dreimal in der Woche z.B. viel zu spät ins Bett zu gehen. Aber er wäre seinen Freunden gegenüber nicht in der Lage gewesen, stark zu bleiben. Dann wird er von diesen ein bisschen gehänselt werden, dass er noch unter der Knute seines Vaters steht - und damit ist die Sache für beide Seiten in Ordnung.
Wenn der Konflikt sich nicht lösen lässt
Wenn man diese Schritte jedoch nicht sauber befolgt und z. B. bei Schritt 2 und 4 noch vieles nachschiebt, was einen sowieso immer schon gestört hat, man diesen Konfliktfall also zum Anlass nimmt, um mit dem Kind „abzurechnen“, wird Schritt 6 ergeben, dass dieses überhaupt nicht einsieht, worauf der Erwachsene hinauswill, was er fordert. Die Sache eskaliert dann unter Umständen weiter oder wird vertagt.
Wenn man Glück hat und diese Schritte kennt, kann man versuchen, weiterer Eskalation vorzubeugen, indem man den Prozess abbricht und sagt: „So kommen wir jetzt nicht weiter, lass es uns vertagen.“ Das hängt auch davon ab, um welches Lebensalter es sich handelt.
Man kann natürlich auch fremde Hilfe holen, eine Mediation einschalten, wenn man bereit ist zuzugeben, dass man es miteinander nicht hinbekommt, eine für beide Seiten akzeptable Lösung zu finden.
Das Schöne ist, wenn man diese Stufen kennt und richtig durchläuft, geht es meistens gut.
Vgl. „Die sieben Entwicklungsgeheimnisse der Menschheit“, Vortrag vom 13. Mai 2025, gehalten in Mannheim sowie das Büchlein „Entwicklungsperspektiven im Leben des Einzelnen und der Menschheit“, von gesundheit aktiv, Esslingen 2025

