Christus im Umgang mit subjektiver und objektiver Schuld

Wann begreifen wir, was die Konsequenzen unserer Taten sind?

Wie kann man zwischen objektiver und subjektiver Schuld unterscheiden?

Was hat die Christustat mit der Quinta essentia, diesem 5. Prinzip des Menschseins, zu tun?

Der Weg zur Mitverantwortung

Der Weg zu sich selbst und zum Ergreifen der Mitverantwortung für alle menschlichen Belange ist mühsam. Da kommt es auf jeden Einzelnen an und jeder hat ein Recht auf seinen ganz eigenen Weg dahin. Bis es soweit ist, machen wir uns immer wieder schuldig und zumindest mitschuldig. Keiner kann einen anderen zwingen, „menschlicher“ zu werden. Auch immer schärfere Gesetze und Bestimmungen und Regeln können nicht verhindern, dass weiterhin Grausames geschieht. Das vermag nur der Entschluss, freiwillig „das Gute zu tun“.

  • Objektive Schuld – konstitutionsbedingt

So betrachtet gibt es zwei Arten von Schuld – eine objektive, die der Schöpfung selber innewohnt dadurch, dass wir Menschen unvollkommen sind und uns selber erst zum Menschen entwickeln müssen. Diesen objektiven Anteil hat der Christus auf sich genommen, weswegen es im Evangelium heißt, dass er der Welt Sünde trägt. Dadurch ist er Teil unseres Menschenschicksals geworden.

  • Subjektive Schuld – schicksalsbedingt

Für den subjektiven Anteil der Schuld hingegen sind wir selber verantwortlich. Das zu erkennen, hat etwas Erschreckendes, Schmerzliches und macht uns einsam. Umso wichtiger ist dann die Einsicht, dass wir in dieser Einsamkeit letztlich doch nicht allein gelassen sind. Hier tröstet das Evangelienwort: „Ich bin nicht gekommen, dass ich die Welt richte, sondern dass ich die Welt rette“.1

Christustat und Quinta Essentia

Zum anderen kann es uns helfen zu verstehen, dass der Christus durch seine Menschwerdung die Schöpfung von unten mit jener von oben verbunden hat (vgl. Christus heute: Die beiden Schöpfungsgeschichten in der Bibel). Das beschreibt auch die Natur der „Quinta essentia“, diesen Freiraum des menschlichen Denkens, Fühlens und Wollens (vgl. Freiheit: Das fünfte Prinzip als Freiraum der Entwicklung). Er gibt uns die Möglichkeit, uns zu bewussten Mitgestaltern des Schöpfungsgeschehens zu machen. Denn die sichtbare Schöpfung endet im unvollkommenen Menschen. Überdeutlich kann man daran sehen, welche Verantwortung sich daraus für uns ergibt im Hinblick auf uns selbst, die Natur und unsere Mitmenschen (vgl. Freiheit: Freiheit als Voraussetzung für Selbstverantwortung). Sind es doch die treibenden Kräfte der Evolution – Intelligenz, Verbundenheit, und Intentionen – die in der menschlichen Natur an ihr Ende kommen und sozusagen in der Quinta essentia in die Freiheit der individuellen Menschenentscheidung entlassen sind, damit wir lernen können zu wissen, was wir tun.

Das Paulinische Prinzip – „Nicht ich, sondern Christus in mir“2 – fasst diese Einsicht zusammen: Mein niederes Ich, mein körpergebundenes Selbstbewusstsein, brauche ich, um zu wissen, dass ich da bin. Aber das, wonach ich strebe, ist mein höheres Menschentum, zu dem ich mich hin entwickeln kann, wenn ich mich mit dem Christus-Prinzip verbinde.

Substantielle Verwandlung durch geistige Arbeit

In den Vorträgen „Christus und die menschliche Seele“3 spricht Rudolf Steiner davon, dass der Christus durch die Ideale, die sein Wesen kennzeichnen, wirklich substanziell mit uns zusammenlebt und diesen Idealen und uns dadurch auch ewige Substanz verleiht (vgl. Ideale: Die Wirklichkeit erschaffende Kraft von Idealen). Wer wirklich einem Ideal nachstrebt, spürt: Ideale sind Lebensbegleiter, sind Schutzfaktoren, sie können uns auch in schwierigen Zeiten „tragen“ und innerlich halten und uns Trost und Kraft geben (vgl. Ideale: Die besondere Natur der Ideale).

Und immer, wenn wir im Leben nach einem Ideal gestrebt haben, verbleibt etwas in diesem physischen Organismus, das mit dem Tode nicht zerfällt, weil es an der Vergeistigung unseres Leibes gearbeitet hat. Das heißt, mit jedem Tode wird der „Asche-Rest“ unseres noch nicht verwandelten Leibes geringer, weil wir unseren physischen Leib durch diesen Idealismus langsam umgestalten. Indem wir uns menschlich weiterentwickeln, arbeiten wir an unserem eigenen unverweslichen Leib (vgl. Christus heute: Der Leib des Auferstandenen in seiner Bedeutung für uns Menschen).

Vgl. „Christus – und das Schicksal der Menschen“, Vortrag gehalten Oktober 2023 in Mannheim

  1. Neues Testament, Joh. 12, 47.
  2. Neues Testament, Galater 2, 20.
  3. Rudolf Steiner, Christus und die menschliche Seele, GA 195.