Der Leib des Auferstandenen in seiner Bedeutung für uns Menschen

Wie hat sich der Jesus-Leib konkret-substantiell verwandelt durch die Menschwerdung des Christus in ihm?

Welche Auswirkungen hat das auf die Erde und uns?

Welche Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen sich dadurch für uns?

Verwandlung des Jesus-Leibes durch den Christus

Vom Leib des Auferstandenen wissen wir aus den Evangelien und durch die Paulusbriefe, dass er unverweslich ist und nicht zerfällt. Denn er ist vollkommen transformiert worden. Aus der Chemie wissen wir, dass von etwas, das verbrennt, Asche als Rest zurückbleibt. Von alters her war das Skelett auch Sinnbild des Todes, weil es nach dem Tod das unabänderliche Ende noch lange anzeigt, bevor es auch zerfällt oder zu Asche verbrennt.

Goethe lässt die Engel am Ende des „Faust“ in diesem Zusammenhang sagen:

Uns bleibt ein Erdenrest
Zu tragen peinlich
Und wär‘ er von Asbest
Er ist nicht reinlich.

Rudolf Steiner führt aus, dass der Christus – als Herr der Elemente, als schöpferischer Logos – den Leib des Jesus von Nazareth, in welchen er sich bei der Jordantaufe als Gottessohn zum Menschensohn verkörperte, während seines Lebens bis zum Tod auf Golgatha vollkommen umwandeln konnte. Durch diesen Vorgang entstand anstelle der Aschestruktur erstmalig in der Geschichte der Menschheit eine lösliche salzähnliche Körpersubstanz. Salz kann sich restlos in Wasser auflösen. Deswegen hatte sich bei dem starken Regen, dem Gewitter und dem Erdbeben nach dem Tod am Kreuz dieser salzähnliche Leib so schnell auflösen können, sodass man am übernächsten Morgen nur noch die Tücher vorfand, doch keinen materiellen Anteil des physischen Leibes mehr.

Ihr seid das Salz der Erde

Dieses besondere Salz wird im Evangelium nicht nur metaphorisch, sondern ganz real als „Salz der Erde“ benannt, wenn Jesus zu seinen Jüngern sagt: „Ihr seid das Salz der Erde!“1 Dieser Gedanke trägt auch dazu bei, die Erde als Leib Christi zu verstehen. Etwas von dem Leib und der Verwandlungskraft des Christus hat sich der ganzen Erde mitgeteilt – und damit jedem Lebewesen, auch jedem einzelnen von uns. Denn weil dieser Leib sich im ganzen Erdorganismus aufgelöst hat, hat – so Rudolf Steiner2 – alles Lebendige Anteil an dieser Transformationstat: Feinste Spuren des aufgelösten Christusleibes baut sich seither jeder Mensch bei jeder Inkarnation in seinen physischen Leib als Keim für seine weitere Entwicklung und für eine zukünftige Zeit ein.

Man kann sagen, wir arbeiten so durch die verschiedenen Erdenleben hindurch am Aufbau unserer Auferstehungs-Leiblichkeit – im Leben wie im Sterben. Denn auch jedes Mal, wenn wir sterben, vertrauen wir die Reste unseres noch unverwandelten physischen Leibes der „durchchristeten“ Erde an. Auf diese Weise werden wir nach vielen Erdenleben einen „unverweslichen Leib“ erworben haben. Dieser braucht die materielle Substanz nicht mehr um zu existieren – er besteht aus den Gesetzmäßigkeiten, der Kraft, dem Wesen, das sich dank dieser Gesetzmäßigkeiten in Raum und Zeit zum vollen Selbstbewusstsein entwickeln konnte und nun am Ende seiner Entwicklung angekommen ist: Siehe der Mensch, „ecce homo“.

Rudolf Steiner nennt den Auferstehungsleib des Christus „Phantomleib“ und Paulus – der ihn in diesem Leib geistig geschaut hat – nennt ihn den unverweslichen Leib.

Kern der christlichen Orientierung ist demnach die Verwandlung „des alten Adam“ in den neuen – und damit auch die Verwandlung der Erde in eine „neue Erde“, wie dies in der „Apokalypse“3 beschreiben ist.

Die unverbrüchliche Liebe des Schöpfers

Zu Anfang des Alten Testaments werden zwei Schöpfungsgeschichten auf unterschiedliche Weise geschildert – die des Gottessohnes und die des Menschen. Wir Menschen wurden durch den Sündenfall „schuldlos schuldig“, weil die Entwicklungsmöglichkeit zur Freiheit im göttlichen Schöpfungsplan vorgesehen war. Durch den Sündenfall entstand die „Quinta essentia“, unser leibfreies Denken, Fühlen und Wollen, das als leibfreier Wesensanteil einen Freiraum für eigene Gedanken, Empathie und selbstverantwortete Entscheidungen eröffnet (vgl. Freiheit: Das fünfte Prinzip als Freiraum der Entwicklung).

Beide Schöpfungen sind Ausdruck der Liebe Gottes zum Menschen und dessen Entwicklung. Diese unverbrüchliche Gottesliebe können wir an unserem Schicksal ablesen und – wie es Hans Jonas4 beschrieben hat – auch in schwierigsten Lebenssituationen erleben (vgl. Ethische Fragen: Hans Jonas ethisches Prinzip der Verantwortung).

Denn die Tatenfolgen sind das eine – da trifft uns das Schicksal in Form von Krankheit oder Katastrophen verschiedenster Art. Zugleich aber eröffnet sich in der Einsamkeit des Betroffen-Seins vom Schicksal die Möglichkeit, Neues zu lernen, Botschaften des Gewissens zu hören, die man zuvor nicht wahrnehmen konnte oder wollte. Jetzt kann man fühlen, was Rudolf Steiner wiederholt betonte, dass das Schicksal niemals lebensfeindlich, sondern immer lebensfreundlich ist – weil wir aus allem lernen und so letztlich auch dafür danken können. Unser Schicksal ist unser ganz individueller Entwicklungsraum auf der Erde. Nur durch unser persönliches Schicksal in seiner Einmaligkeit werden wir zu dem individuellen Menschen, der wir sind bzw. zu werden bemüht sind.

Vgl. „Christus – und das Schicksal der Menschen“, Vortrag gehalten Oktober 2023 in Mannheim

  1. Neues Testament, Matthäus 5, 13.
  2. Rudolf Steiner, Von Jesus zu Christus, GA 131.
  3. Neues Testament, Apokalypse, Kap. 21.
  4. Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung: Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Suhrkamp 1979.