Vorchristliche und christliche Motivation für Reinkarnation

Welcher Natur ist unser Gewissen?

Was bedeutet die Begegnung mit dem „großen Hüter der Schwelle“?

Was unterscheidet den vorchristlichen und den christlichen Reinkarnationsgedanken?

Schicksal als Handschrift des Höheren Ich

Die Handschrift des Höheren Ich ist in allen Einzelheiten des Schicksals zu bemerken. Je tiefer wir diesen Gedanken in unser Bewusstsein aufnehmen können, indem wir erkennen, wie uns die Lehren des Schicksals in der Entwicklung voranbringen (vgl. Identität und Ich: Identifikation und Schicksal), umso sensibler hören wir die Stimme unseres Gewissens. Denn hier sind wir der geistigen Führung unseres Schicksals ganz nahe.

Rudolf Steiner, der durch seine geisteswissenschaftlichen Forschungen sehr weit in dieser menschlichen Entwicklung war, so dass man ihn einen großen modernen Eingeweihten nennen kann, schreibt in seinem Buch „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?"1 ein besonders eindringliches Kapitel. Dort schildert er eine hohe Stufe auf dem Einweihungsweg in Form einer Begegnung mit dem Christus, wo dieser im Bilde des Großen Hüters der Schwelle erscheint und dem Menschen eröffnet, dass er in seiner Entwicklung nun so weit fortgeschritten ist, dass er die Wiederverkörperung um seiner selbst willen nicht mehr braucht.

An diesem Punkt erscheint nun eine ganz neue Perspektive, wodurch sich der christliche Reinkarnationsgedanke von dem vorchristlichen im Buddhismus und Hinduismus deutlich unterscheidet: In der vorchristlichen Zeit galt es als Ziel der Reinkarnation, dass jemand, der sich zur Vollkommenheit entwickelt hat, sich nicht mehr wiederverkörpern muss und die Erde, dieses Jammertal, verlassen kann, weil er sich ein „geistiges Heimatrecht“ erworben hat.

Botschaft des Christus als „großer Hüter der Schwelle“

Demgegenüber sagt der Christus zu einem solch fortgeschrittenen Menschen:

„Du hast dich losgelöst aus der Sinnenwelt. Dein Heimatrecht in der übersinnlichen Welt ist erworben. Von hier aus kannst du nunmehr wirken. Du brauchst um deinetwillen deine physische Leiblichkeit in gegenwärtiger Gestalt nicht mehr. Wolltest du dir bloß die Fähigkeit erwerben, in dieser übersinnlichen Welt zu wohnen, du brauchtest nicht mehr in die sinnliche zurückzukehren. Aber nun blicke auf mich. Sieh, wie unermesslich erhaben ich über all dem stehe, was du heute bereits aus dir gemacht hast. Du bist zu der gegenwärtigen Stufe deiner Vollendung gekommen durch die Fähigkeiten, welche du in der Sinnenwelt entwickeln konntest, solange du noch auf sie angewiesen warst. Nun aber muss für dich eine Zeit beginnen, in welcher deine befreiten Kräfte weiter an dieser Sinnenwelt arbeiten. Bisher hast du nur dich selbst erlöst, nun kannst du als ein Befreiter alle deine Genossen in der Sinnenwelt mitbefreien. Als Einzelner hast du bis heute gestrebt; nun gliedere dich ein in das Ganze, damit du nicht nur dich mitbringst in die übersinnliche Welt, sondern alles andere, was in der sinnlichen vorhanden ist. Mit meiner Gestalt wirst du dich einst vereinigen können, aber ich kann kein Seliger sein, solange es noch Unselige gibt! Als einzelner Befreiter möchtest du immerhin schon heute in das Reich des Übersinnlichen eingehen. Dann aber würdest du hinabschauen müssen auf die noch unerlösten Wesen der Sinnenwelt. Und du hättest dein Schicksal von dem ihrigen getrennt. Aber ihr seid alle miteinander verbunden. Ihr musstet alle hinabsteigen in die Sinnenwelt, um aus ihr heraufzuholen die Kräfte für eine höhere. Würdest du dich von ihnen trennen, so missbrauchtest du die Kräfte, die du doch nur in Gemeinschaft mit ihnen hast entwickeln können. Wären sie nicht hinabgestiegen, so hättest es auch du nicht können; ohne sie fehlten dir die Kräfte zu deinem übersinnlichen Dasein. Du musst diese Kräfte, die du mit ihnen errungen hast, auch mit ihnen teilen. Ich wehre dir daher den Einlass in die höchsten Gebiete der übersinnlichen Welt, solange du nicht alle deine erworbenen Kräfte zur Erlösung deiner Mitwelt verwendet hast. Du magst mit dem schon Erlangten dich in den unteren Gebieten der übersinnlichen Welt aufhalten; vor der Pforte zu den höheren stehe ich aber, als der Cherub mit dem feurigen Schwerte vor dem Paradiese und wehre dir den Eintritt so lange, als du noch Kräfte hast, die unangewendet geblieben sind in der sinnlichen Welt."2

Christliche Motivation für Wiederverkörperung

Es gibt also einen noch viel wesentlicheren Grund für die Wiederverkörperung auf der Erde als den, die eigene Entwicklung voranzubringen: Es ist die Einsicht, dass das eigene Glück erst dann vollkommen ist, wenn auch die anderen Wesen glücklich sind. Man erlebt, dass man alles, was man geworden ist, der Welt und ihren Wesen verdankt.

Goethe formuliert es in dem Gedicht „Zueignung“3, in dem er seine Begegnung mit der Göttin der Wahrheit schildert so:

Für andere wächst in mir das hohe Gut!
Was sucht ich denn den Weg so sehnsuchtsvoll
Wenn ich ihn nicht den Brüdern zeigen soll…

Das ist dieser tief christliche Gedanke, die eigenen Kompetenzen zum Wohl seiner Mitmenschen einzusetzen. Nicht um des Egos willen zu lernen und sich höher zu entwickeln, sondern um damit mehr für seine Mitwelt tun zu können.

Vgl. „Christus – und das Schicksal der Menschen“, Vortrag gehalten Oktober 2023 in Mannheim

  1. Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, GA 10.
  2. Ebenda, Kapitel Leben und Tod. Der große Hüter der Schwelle, GA 10, 24. Aufl., Dornach 1993.
  3. https://www.gedichte-lyrik-poesie.de/Goethe_Zueignung/ (ges. 26.05.2026)