Die beiden Schöpfungsgeschichten in der Bibel
Was wird durch die beiden Schöpfungsgeschichten im ersten Buch Mose ausgedrückt?
Warum bezeichnete Gottvater die erste Menschenschöpfung als „sehr gut“?
Inwiefern ist es berechtigt, den Menschensohn als Ur- und Vorbild der menschlichen Entwicklungsmöglichkeiten zu sehen?
Warum es zwei Schöpfungsgeschichten gibt
Im ersten Buch Mose wird die Erschaffung des Menschen zweimal auf verschiedene Weise geschildert. Natürlich sind dies Bilder, Imaginationen – sie werfen aber ein klares Licht auf die Tatsache der menschlichen Entwicklung.- Erschaffung des Gottessohnes – Schöpfung von oben
Da wird zunächst das Sechstagewerk geschildert und am siebten Tag die Ruhe Gottes. Interessant ist nun, dass von Gott gesagt wird, dass er bei der Begutachtung des von ihm Geschaffenen an den ersten fünf Tagen jeweils „sah, dass es gut war“. Am sechsten Tag aber, als er die höheren Tiere und den Menschen erschuf, heißt es: „Und er sah, es war sehr gut“ . Sehr gut? Das sind wohl die Tiere – aber sicher nicht wir Menschen, oder doch?
In der Kathedrale von Chartres wird dieses Sechstagewerk wunderschön in Skulpturen dargestellt. Bild um Bild: jeweils Gott-Vater und der Teil der Welt, der erschaffen wird. Neben dem Kopf des Schöpfergottes aber ist ein jugendliches Menschenhaupt dargestellt: „Adam als Gedanke Gottes“. Offenbar ist es dieses Menschen-Urbild, das der ganzen Schöpfung innewohnt und zu allem Bezug hat, der Logos, der bei Gott war und aus dem alle Dinge entstanden sind, der das Prädikat sehr gut bekommt. Bei der Jordantaufe wird dies bestätigt, indem die Stimme aus dem Himmel verkündet: „Dieses ist mein vielgeliebter Sohn“.1 Es ist also naheliegend, bei dieser ersten Schöpfung des Menschen an die Erschaffung des Gottessohnes zu denken.
- Erschaffung von Adam und Eva – Schöpfung von unten
Denn unmittelbar anschließend wird die zweite Menschenschöpfung geschildert. Jetzt nimmt Gott einen Erdenkloß und formt zuerst Adam, dann Eva. Es folgt die Paradieses-Geschichte, die mit dem Sündenfall und der Entfernung der beiden durch Gott endet. Aus dieser Geschichte geht aber auch klar hervor, dass es Gott selber ist, der die Schlange ins Paradies hereingelassen hat – womit die „Schuldfähigkeit“ des Menschen beginnen kann.
Die Vertreibung aus dem Paradies ist ein wunderbares Bild dafür. Es drückt aus: „Ich setze euch frei. Ich will euch nicht weiter bestimmen. Ihr müsst jetzt selber lernen, wie ihr zu euch findet, sprich: wie ihr den Weg zurück zu Eurem Gottesursprung findet! Ich statte euch zwar zur Orientierung mit Geboten und diesem und jenem Regelwerk aus, bis ihr so weit seid, dass ihr selbst gelernt habt, zu wissen, was ihr tut.“
Bei dieser „Schöpfung von unten“, handelt es sich um den entwicklungsbedürftigen Menschen. Die „Schöpfung von oben“ ist uns zugänglich als unsäglich schönes Idealbild des Menschen.
Weiterentwicklung aus sich selbst heraus
Was mich an der anthroposophischen Menschenkunde so begeistert, ist ihr idealistischer Charakter: Sie beschreibt die fünf Gesetzeszusammenhänge, die in jedem von uns wirksam sind, als Ideale, an deren Realisierung jeder Mensch in Form von Selbsterkenntnis und Selbsterziehung arbeiten kann. Dieses An-sich-Arbeiten ist aber erst seit dem Leben und Tod des Jesus-Christus auf Golgatha möglich:
Bei der Jordantaufe haben sich die beiden Schöpfungen verbunden, indem der Gottessohn Menschensohn wurde.
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Bei der Jordantaufe haben sich die beiden Schöpfungen verbunden, indem der Gottessohn Menschensohn wurde.
Er nahm aus Liebe freiwillig den objektiven Anteil des Sündenfalls – „die Schuld Gottes“, der die Schlange ins Paradies ließ – auf sich und sühnte sie, indem er ihre unmittelbaren Folgen – die Freiheit „nicht zu wissen, was man tut“ – am Kreuz durchlebte.
Was jetzt als Entwicklungsaufgabe für uns bleibt, ist, dass jeder einzelne Mensch freiwillig das Bewusstsein seiner persönlichen karmischen Verschuldungen anzuerkennen lernt und seine Schicksalsverbundenheit mit dem Christus, als dem göttlichen Ideal seiner eigenen Menschwerdung, annimmt.
Vgl. „Christus – und das Schicksal der Menschen“, Vortrag gehalten Oktober 2023 in Mannheim
- Neues Testament, Matth. 3, 16.

