Blut, Nerv und Wesensglieder1

Welche Rolle spielen die Wesensglieder bei Bildung und Funktion von Blut und Nervensystem?

Welcher Regie folgen sie?

Welchen inneren Zusammenhang haben Blut und Knochen?

A Blutbildung und die Rolle der Wesensglieder

Das erste funktionsfähige Organsystem im werdenden Embryo ist das Herz-Kreislauf-System. Es entsteht aus dem konfluierenden Zusammenwachsen der ab der dritten Woche entstehenden Blutinseln im intra- und extraembryonalen Bindegewebe – auch der in Bildung begriffenen Plazenta – und stellt so die Ernährung des Embryos sicher. Diese Blutinseln bestehen aus Plasma (Wasser, Nährstoffe, Elektrolyte, Mineral- und Schutzstoffe) sowie aus weißen und roten Blutzellen.

Rudolf Steiner und Ita Wegman schildern im ersten Absatz von Kapitel VI von „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst“2 die Blutbildung in Fortsetzung der Nahrungsaufnahme. Dabei handelt es sich um einen konsekutiv-ganzheitlichen Blutbildungsprozess, bei dem die Wesensglieder nacheinander – unter der Gesamtregie der Ich-Organisation3 – ihren Haupteinfluss geltend machen.

  • 1. Physischer Leib und Verdauungssekretion

Diese ist eine bewusste durch die Sinnestätigkeit des Schmeckens, Riechens und Schluckens begleitete Tätigkeit. Die dadurch angeregte Mobilisierung von Speichel, Magen- und Pankreassekreten beeinflussen dann nachhaltig die weiteren – unbewussten – Verdauungsprozesse.

  • 2. Astralleib und Blutbildung in den inneren Organen

Bei der weiteren Blutbildung im Bereich der inneren Organe tritt die Tätigkeit des astralischen Leibes in den Vordergrund.

  • Ätherleib und roter Blutfarbstoff

Beim Aufbau des roten Blutfarbstoffs für die Sauerstoffaufnahme hat der Ätherleib seine Haupttätigkeit. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass die Chlorophylle, die bei der Pflanze durch die energetische Lichtaufnahme entstehen, in ihrer biochemischen Struktur den Häm-Molekülen im Farbstoff der roten Blutkörperchen sehr ähnlich sind. Anstelle des Eisen-Ions als Zentralatom, das den Sauerstoff aus der Atemluft lose bindet und dem Blut seine rote Farbe gibt, steht im Chlorophyll das Magnesium-Ion im Zentrum.4

  • Ausatmung von Kohlendioxid als Endpunkt der Blutbildung

Als letzter Akt des Blutbildungsprozesses wird dann die Ausatmung des Kohlendioxids genannt, die hauptsächlich über die Atemluft erfolgt. Dabei spielen die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) eine ebenso zentrale Rolle wie bei der Sauerstoffaufnahme. Sie können das aus den Abbauprozessen im Körper (sogenannte Zellatmung) stammende Kohlendioxid ebenso am Häm-Molekül binden wie den Sauerstoff aus der Luft. Die Menge der Aufnahme und Abgabe ist vom jeweiligen Partialdruck der Gase abhängig.

Die Regulierung des Kohlendioxidgehaltes des Blutes hat auch Einfluss auf die Funktion des Gehirns. Kohlenstoff ist ja die Gerüstsubstanz aller Lebewesen und Zentralelement der Biochemie – ganz gleich, ob es sich um Fette, Kohlenhydrate, Eiweiße, Vitamine oder Enzyme handelt. Sie alle haben ein Kohlenstoffgerüst. Entsprechend ist auch das Calciumcarbonat als Salz der Kohlensäure wesentlicher Gerüststoff für den Knochenbau.

Über diese fundamentalen Grundkenntnisse hinausgehend beschreiben die Autoren die notwendige Präsenz der Kohlensäure im Gehirn, um dort die für das Denken und Wahrnehmen nötige Neigung zu erzeugen, „ins Leblose, Unorganische überzugehen“5 .

B Bildung des dreigliedrigen Nervensystems und Wesensglieder

Die Bildung des Nervensystems verläuft im Gegensatz zu dem eben Dargestellten in dreifacher Weise verschieden. Das Nervensystem ist von vornherein – ebenfalls ab der dritten Embryonalwoche – dreigliedrig veranlagt und dient im reifen Zustand der Entfaltung von drei verschiedenen Bewusstseinszuständen:

  • dem Wachbewusstsein (Gehirn und Sinnesorgane),
  • dem Traumbewusstsein (Rückenmark, Hirnstamm)
  • und dem Schlafbewusstsein (vegetatives Nervensystem).
  • 1. Vegetatives Nervensystem und Ätherleib

Das vegetative Nervensystem dient dem Ätherleib zur unbewussten Wahrnehmung der Vorgänge im Organismus. Astralische und Ich-Organisation können hier nicht innerlich organisierend, sondern – so die Autoren – nur ‚von außen‘ auf dieses einwirken. Deswegen braucht das vegetative Nervensystem für seine Gesundheit ein positiv-harmonisch gestimmtes Gefühlsleben (Astralleib) und eine entsprechende Identität (Ich-Organisation). D.h. für die Gesunderhaltung des Vegetativums braucht es die im Sinne der heutigen Salutogenese6 und der Mindful-Stress-Reduction-Techniken7 der Gegenwart ein positives Kohärenzgefühl mit Bezug auf die jeweiligen Lebensereignisse. Rudolf Steiner und Ita Wegman betonen: „Affekte und Leidenschaften haben eine dauernde, bedeutsame Wirkung auf den Sympathikus. Kummer, Sorgen richten dieses Nervensystem allmählich zugrunde.8

  • 2. Rückenmark, Hirnstamm und Astralleib

Das Rückenmark mit seiner reflektorischen Tätigkeit dient dem Astralleib als Instrument des instinktiv-fühlenden Reagierens auf alles, was seelisch erlebt wird.

  • 3. Gehirn, Sinne und Ich-Organisation

Die 12 Gehirnnerven hingegen dienen primär der Ich-Organisation zur bewussten Wahrnehmung.

Menschliche Gesamtgestalt durch Zusammenwirken der Wesensglieder

So ist die Gesamtgestalt des Menschen ein Bild des Zusammenwirkens von astralischer und Ich-Organisation. In Abs. 6 wird dies so formuliert: „Man wird das Gehirn des Menschen nur begreifen, wenn man in ihm die knochenbildende Tendenz sehen kann, die im allerersten Entstehen unterbrochen wird. Und man durchschaut die Knochenbildung nur dann, wenn man in ihr eine völlig zu Ende gekommene Gehirn-Impulswirkung erkennt, die von außen, von den Impulsen des mittleren Organismus, durchzogen wird, wo astralisch bedingte Nervenorgane mit ätherisch bedingter Blutsubstanz zusammen tätig sind.“10

  • Das Blut, das im Inneren der platten Knochen gebildet wird, stellt das unmittelbar schöpferische Instrument der Ich-Organisation dar, das Skelett dagegen ihren im physischen Organismus zum Abschluss gekommenen äußeren Ausdruck.

  • Instrument der astralischen Organisation hingegen ist das Nervensystem, das von der Ich-Organisation zum Träger des individuell-autonomen Selbstbewusstseins – im Unterschied zum Tier – umgebildet werden muss (‚herausgehoben‘, wie es in Kapitel V11 hieß).

Daher muss beim Gehirn als Träger des menschlichen Wachbewusstseins die knochenbildende Tendenz – d.h. die Hinneigung zum Toten, Mineralischen, auf die sich physiologisch die Ich-Organisation stützt,12 – ‚leise‘ zugrunde liegen. In seinen Prager Vorträgen über „Okkulte Physiologie“ von 1911 hatte Rudolf Steiner diesen Sachverhalt so formuliert: „Insofern unser Ich als bewußtes Ich auftritt, hat es zum Werkzeug das Blutsystem, insofern unser Ich vorgebildet ist als Form und Gestalt, liegt ihm zugrunde ein kosmisches Kraftsystem, das hindrängt zur festen Gestaltung, das sich am dichtesten zum Ausdruck bringt in unserem Knochensystem.13

Vgl. „Einleitung zu Band 15, Schriften zur Anthroposophischen Medizin, Kritische Edition der Schriften Rudolf Steiners“, frommann-holzboog Verlag, Stuttgart 202514

  1. Für dieses Kapitel verdanke ich Branko Furst – Associate Professor, Department of Anaes- tesiology, Albany Medical College, Albany/USA – wertvolle Hinweise (vgl. Furst [2014]).
  2. Rudolf Steiner und Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst, GA 27.
  3. Vgl. FN 2, S. 33 u. 35: „Indem die Blutbildung in der Fortgestaltung der aufgenommenen Nahrungsstoffe erfolgt, steht der ganze Blutbildungsvorgang unter dem Einfluss der Ich-Organisation.“
  4. Vgl. Heldt und Piechulla (2014).
  5. Siehe FN 2, S. 34.
  6. Vgl. Antonovsky (1997); Wydler u. a. (2000).
  7. Vgl. Dobos (2019).
  8. Ebenda.
  9. I: Riechen. II–IV: Sehen. V: Kauen. VI: Augenbewegung, Pupillenmotorik, Gesichtssensibilität. VII: Mimik, Gesichtsnerv. VIII: Hören, Gleichgewicht. IX: Zunge, Rachen, Schlucken. X: Hauptnerv des Parasympathikus, Regulation der inneren Organe. XI: Kopfdrehung, Schulterhebung. XII: Zungenbewegung. Sie sind entweder direkt bestimmten Hirnregionen (I und II) eigen oder entspringen aus umschriebenen Hirnnervenkernen, die spezialisierte Nervenzellansammlungen sind, die somatomotorische, somatosensible, sensorische bzw. vegetative Fasern enthalten.
  10. Siehe FN 2, S. 35.
  11. Von: FN 2.
  12. Ebenda, S. 48.
  13. Vgl. Rudolf Steiner, Eine okkulte Physiologie, GA 128, S. 139 f.
  14. In Band 15 der SKA findet sich auch das umfangreiche Literatur- und Referenzverzeichnis. Wer den Inhalt weiter vertiefen möchte, kann sich dort darüber informieren.