Wärme, Blut und Ich-Organisation
Inwiefern ist das Blut ein wesentliches Tätigkeitsfeld des inkarnierten Ich-Anteils, der Ich-Organisation?
Inwiefern ist Wärme ein Ausdruck des Wirkens der Ich-Organisation?
Welche drei Ich-Anteile beschreibt Rudolf Steiner?
A Wärme, Ich-Anteile und Blut
Da Wärme ausstrahlend ist, immateriell, und folglich auch in sich keine Grenzen hat, bedarf es der Inkarnation dieser Wärmegesetzlichkeit in einen begrenzten Leib, damit sich dadurch ein abgegrenztes, autonomes Selbstbewusstsein bilden kann.
Diesen Anteil nennt Steiner Ich-Organisation.
Davon zu unterscheiden ist das ewige Ich, das von Erdenleben zu Erdenleben durch verschiedene Verkörperungen hindurch zunehmend Bewusstsein von seiner ewigen Natur bekommen kann, indem es sich gemäß seiner Schicksalsgegebenheiten immer wieder neu seine Wesensglieder bildet und seiner menschlichen Identität vergewissert.
Die Wärme steht an der Grenze zwischen dem Materiellen und dem Nichtmateriellen.1 Zwischen dem rein geistigen ewigen Ich, das sich nach Steiner nicht inkarniert und dem materiell fassbaren Blutorgan, in dem die sich inkarnierende Ich-Organisation ganz und gar tätig ist, liegt die regulierende Wirkung der geistigen, seelischen und physischen Wärme. So wie sich nach anthroposophischem Verständnis
- die physische Organisation auf den festen Aggregatzustand stützt,
- die ätherische auf den flüssigen,
- die astralische auf die Luft,
- so die Ich-Organisation auf die Wärme.
Dem Blut kommt über das Eng- und Weitstellen der arteriellen Blutgefäße eine wichtige Rolle in der Wärmeregulation zu. In der und durch die Wärme ist die Ich-Organisation in der gesamten Konstitution tätig und sorgt im Blut dafür, dass das Blut
weder zu stark gerinnt , so dass Blutgerinnsel entstehen können,
noch, dass es zu flüssig wird, wie dies bei der Bluterkrankheit (Hämophilie) oder sekundär bei Gerinnungsfaktormangel infolge der Verbrauchskoagulopathie (DIC) der Fall ist. 2
B Dreifacher Ich-Begriff und Blutbildung
Anknüpfend an einen aristotelischen Denkansatz formuliert Steiner seinen Ich-Begriff: „Wenn wir das Ich im reinen Gedanken fassen, dann sind wir in einem Zentrum, wo das reine Denken zugleich essentiell sein materielles Wesen hervorbringt. Wenn Sie das Ich im Denken fassen, so ist ein dreifaches Ich vorhanden:
- ein reines Ich, das zu den Universalen ‚ante rem‘ gehört,
- ein Ich, in dem Sie drinnen sind, das zu den Universalien ‚in re‘ gehört,
- und ein Ich, das Sie begreifen, das zu den Universalien ‚post rem‘ gehört. 3
Aber noch etwas ganz Besonderes ist hier: für das Ich verhält es sich so, daß, wenn man sich zum wirklichen Erfassen des Ich aufschwingt, diese drei ‚Ichs‘ zusammenfallen. Das Ich lebt in sich, indem es seinen reinen Begriff hervorbringt und im Begriff als Realität leben kann. Für das Ich ist es nicht gleichgültig, was das reine Denken tut, denn das reine Denken ist der Schöpfer des Ich. Hier fällt der Begriff des Schöpferischen mit dem Materiellen zusammen, und man braucht nur einzusehen, daß wir in allen anderen Erkenntnisprozessen zunächst an eine Grenze stoßen, nur beim Ich nicht: dieses umfassen wir in seinem innersten Wesen, indem wir es im reinen Denken ergreifen [...] Es ist also in dem durch einen reinen Denkakt erfaßten und damit zugleich geschaffenen Ich etwas vorhanden, durch das wir die Grenze durchdringen, die für alles andere zwischen Form und Materie gesetzt werden muß.“4
Schritte der Blut- und Organbildung
Der hier in dreifacher Weise gefasste Ich-Begriff findet sich in der Beschreibung der Blutbildung wieder, wie sie Rudolf Steiner und Ita Wegman im Kapitel VI von „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst“5 beschreiben:
Die Nahrungsmittel („post rem“) werden aus der Umwelt aufgenommen
und von den rein geistigen Wesensglieder-Formkräften („ante rem“) ergriffen,
die den Umwandlungsprozess in einen neuen „in re“-Zusammenhang ermöglichen: das menschliche Blut.
Dadurch wird es zum schöpferischen, organbildenden Instrument der Ich-Organisation. Dass vom Blut alle Organbildung ausgeht, zeigen die Phänomene der Organbildung während der Embryonalentwicklung. Indem Blutgefäße in ein bestimmtes Gewebe einsprossen und die für Wachstum und Entwicklung notwendigen Ernährungsprozesse ermöglichen, wird auch die Zellproliferation des betreffenden Organgewebes induziert. Durch die dann einsprossenden Nerven wird die Differenzierung zu den organspezifischen Zellen angestoßen. Begleitet werden diese beiden Prozesse jedoch stets durch einen dritten regulierenden Prozess, der für die adäquate Integration in den Gesamtorganismus sorgt.6
Die astralische Organisation als Träger von Bewusstseinsprozessen, welche beim Menschen als selbstbewusster Wachzustand, Traum- und unbewusstes Schlafbewusstsein auftreten, erfordern eine dementsprechende dreigliedrige Organanlage des Nervensystems und damit auch des ganzen Organismus.
Vgl. „Einleitung zu Band 15, Schriften zur Anthroposophischen Medizin, Kritische Edition der Schriften Rudolf Steiners“, frommann-holzboog Verlag, Stuttgart 20257
- Vgl. Rudolf Steiner, Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen. Die Suche nach der neuen Isis, der göttlichen Sophia. Der Mensch in seinem Zusammenhang mit dem Kosmos, Band II., GA 202, Vortrag vom 17.12.1920; Penter (2021), 333–348.
- Vgl. Kuehn (2022), 36–42.
- Formatierung und Hervorhebung von K. Offenborn.
- Rudolf Steiner, Philosophie und Anthroposophie. Gesammelte Aufsätze, GA 35, 102f.
- Rudolf Steiner, Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst, GA 27, Kap. VI.
- Vgl. Rohen und Lütjen-Drecoll (2022).
- In Band 15 der SKA findet sich auch das umfangreiche Literatur- und Referenzverzeichnis. Wer den Inhalt weiter vertiefen möchte, kann sich dort darüber informieren.

