Silizium und Wahrnehmungsfähigkeit

Was ist laut Rudolf Steiner und Ita Wegman die Grundlage aller Wahrnehmungsfähigkeit im menschlichen Organismus?

Was sagt das Zuviel oder Zuwenig von Silizium im Gewebe aus?

Wie kann therapeutisch damit umgegangen werden?

Gegenseitige Wahrnehmungsfähigkeit in der Natur

Heute weiß man, dass Pflanzen mithilfe ihrer Wurzeln über weite Entfernungen miteinander kommunizieren können und dass es ganze Biotope gibt, die sich gegenseitig unterstützen und in gewisser Weise auch voneinander abhängig sind. Alexander von Humboldt (1769–1859) war einer der ersten, dessen Forschungen und Hypothesen sich in den Sätzen zusammenfassen lassen: „Alles ist in Wechselwirkung. Nichts steht für sich allein, ein gemeinsames Band umschlingt die ganze organische Natur.“1

So mutet es nahezu selbstverständlich an, wenn gesagt wird, dass auch Zellen miteinander kommunizieren und dass außer den vielfach schon bekannten Rezeptoren für Hormone, Botenstoffe und sonstige Transmittersubstanzen immer mehr Resonanz- und Signalübertragungsmöglichkeiten entdeckt werden.

Rudolf Steiner und Ita Wegman beschreiben in Kapitel XIV „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst“2 ebenfalls diese gegenseitige Wahrnehmungsfähigkeit der Organe untereinander: „Aber es ist doch der ganze menschliche Organismus von sich gegenseitig beeinflussenden Wahrnehmungen durchzogen und muss es sein, damit alles in ihm gesund zusammenwirkt.“3 Die Tatsache, dass jedes Organ „außerdem, dass es dieser oder jener Funktion im Organismus dient, noch Sinnesorgan“ ist,4 sehen die Autoren als Voraussetzung für die Gesundheit des Organismus.

Die Rolle von Silizium im menschlichen Gewebe

Therapeutisches Denken kann dadurch gelernt werden, dass man sich angesichts einer Pathologie immer auch die Frage stellt:

Welche Organfunktion nimmt eine andere zu wenig oder zu stark wahr?

Wo kommt es zu einer zu starken Wahrnehmung und damit verbunden zu einer verminderten Wahrnehmung an einem anderen Ort?

Grundlage für diese Fähigkeit der adäquaten Abgrenzung einerseits und notwendigen Sensibilität bzw. Wahrnehmungsfähigkeit andererseits ist laut Steiner und Wegman die feinst verteilte Kieselsäure im gesamten Organismus. Fakt ist, dass Silizium in Form der biologisch aktiven Kieselsäure in nahezu jeder Zelle vorkommt. In höherer Konzentration ist es da vorhanden, wo es bindegewebige Strukturen gibt oder eine gewisse Durchsichtigkeit gefragt ist, wie z.B. beim Auge. Bemerkenswert ist in dem Zusammenhang, dass im embryonalen Bindegewebe und bei jungen Kindern der Siliziumgehalt im Gewebe am höchsten ist und im Laufe des Älterwerdens insgesamt abnimmt. Daher wird auch daran geforscht, inwiefern sich bestimmte Formen der Alzheimererkrankung durch rechtzeitige Intervention mit kieselsäurehaltigen Präparaten bessern lassen und inwiefern vorbeugende Maßnahmen angezeigt sind.5

Insgesamt besitzt der Organismus 1–2g Silizium, welches damit – neben Eisen und Zink – eines der häufigsten sogenannten Spurenelemente ist.6 Allerdings kennt man nur bei den beiden erstgenannten deren konkreten biochemisch-physiologischen Wirkmechanismus. Dieser wurde im Hinblick auf die Kieselsäure aus naturwissenschaftlicher Sicht noch nicht entdeckt.

Gesunde Wahrnehmungsfähigkeit und das richtige Maß

Es ist der Kieselsäure-Organismus, auf dem die gegenseitige Empfindlichkeit der Organe beruht, die wiederum einer gesunden Lebenstätigkeit zugrunde liegen. Es geht dabei auch um das richtige Verhältnis von

  • Innenwahrnehmung , , die Seelen- und Geist-Entfaltung betreffend

  • und von Außenwahrnehmung der Naturwirkungen.7

Gesunde Wahrnehmung hängt auch mit einer klaren Entscheidung für ‚Mein‘ und ‚Dein‘, sowie für ‚Ich‘ und ‚Welt‘ zusammen. Dazu gehört

  • einerseits die Fähigkeit, sich klar abzugrenzen,
  • andererseits aber auch sensibel zu bleiben für das Fremde, Andere.

Diese doppelte Fähigkeit ist für die körperliche, seelische und geistige Integrität gleichermaßen notwendig. Sie ist tatsächlich Voraussetzung und Grundlage für Gesundheit in jeder Hinsicht.

Aber auch für die Kieselsäure gilt, was in Kapitel XI über die Harnsäure gesagt wird: Sie darf nicht in zu reichem Maße vorliegen. Gut ist, was von der Ich-Organisation vollumfänglich genutzt werden kann. Überschüssige Kieselsäuremengen müssen mithilfe der astralischen Organisation über den Harn oder auf anderen Stoffwechselwegen ausgeschieden werden.

Fragen zur Kieselsäure als Nahrungsergänzungsmittel

Die Hauptquelle für die Zufuhr von Kieselsäure ist pflanzliche Ernährung. Denn es ist die Kieselsäure, die den Pflanzen eine biegsame Struktur verleiht. Besonders hervorgehoben sei hier der Bambus im asiatischen Raum, der bis zu 30 m hoch werden kann und etwa zu 70 % aus Kieselsäureverbindungen besteht. Der heimische Ackerschachtelhalm weist nur bis zu 10% Kieselsäureverbindungen auf – dafür aber in einer besonderen Form, nämlich nicht als Kieselsäurekristalle, sondern in kolloidaler Opal-Struktur.

Wenn man jedoch die Kieselsäure als Nahrungsergänzungsmittel einnimmt, sollte man dies immer im Zusammenhang mit einer Mahlzeit tun, da die Kieselsäure am besten aufgenommen wird, wenn sie fein verteilt in der Nahrung vorkommt. Wer nun aber meint, schütterem Haar, schlaffer Haut oder brüchigen Nägeln durch die Einnahme von Kieselsäure beizukommen, sieht sich in der Regel getäuscht. Es ist eben dies genau die Frage:

Genügt es, eine Substanz zu essen, von der man meint oder weiß, dass sie einem an einem bestimmten Ort fehlt oder muss man nicht viel eher danach fragen, wie bzw. auf welchen Wegen diese Substanz dorthin kommt, wo der Mangel herrscht, und wo vielleicht andernorts zu viel davon vorhanden ist?

Und was man tun muss, damit hier eine Regulation stattfinden kann und grundsätzlich die Wahrnehmungsfähigkeit der Organe untereinander unterstützt wird, so dass ein ‚Zuviel‘ oder ‚Zuwenig‘ wahrgenommen und ausgeglichen werden kann?

Um diese Fragen geht es in Kapitel XIV, sowie um entsprechende therapeutische Antworten. In Absatz 8–14 werden zudem verschiedene Symptome geschildert, an denen ärztlicherseits ein ‚Zuviel‘ oder ‚Zuwenig‘ erkannt werden und in welcher Form die Kieselsäure therapeutisch eingesetzt werden kann.8 Dabei kommt auch hier, ähnlich wie bei einem Überschuss an Harnsäure (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Bedeutung von Harnsäure in Blut und Gehirn), einer Schwefelkur eine besondere Bedeutung zu, wie das schon in Kapitel XIII angeführt wurde, weil dadurch „die Verteilung der lokalisierten Kieselsäurewirkung auf den ganzen Organismus“9 gefördert werden kann.

Vgl. „Einleitung zu Band 15, Schriften zur Anthroposophischen Medizin, Kritische Edition der Schriften Rudolf Steiners“, frommann-holzboog Verlag, Stuttgart 202510

  1. Vgl. A. von Humboldt (1803), 27r.
  2. Rudolf Steiner, Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst, GA 27, Kapitel XIV.
  3. Ebenda, S. 70.
  4. Ebenda.
  5. Vgl. Gillette-Guyonnet u. a. (2007), 119–124.
  6. Vgl. Ternes (2013); Voronkov u. a. (2022).
  7. Vgl. FN 2, S. 70.
  8. Siehe auch die Ausarbeitungen und Indikationen im Vademecum, bei Anthromedics und im Archiv des Merkurstabs, die eine Fülle therapeutischer Erfahrungen beinhalten.
  9. Vgl. FN 2, S. 72.
  10. In Band 15 der SKA findet sich auch das umfangreiche Literatur- und Referenzverzeichnis. Wer den Inhalt weiter vertiefen möchte, kann sich dort darüber informieren.