Geist, Seele, Leib und Wesensglieder

Wie wirken die vier Wesensglieder im Kontext der menschlichen Dreigliederung von Körper, Seele und Geist?

Wo betätigen sie sich leibgebunden, wo leibfrei?

Welche entscheidende Rolle hat dabei die Ich-Organisation inne?

Dreigliederung und Zusammenwirken der vier Wesensglieder

Die Ausführungen zur Dreigliedrigkeit der Organbildungen und des Nervensystems in Kapitel VI von „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst“1 erfahren eine aufschlussreiche Präzisierung durch eine Darstellung zu Beginn des „Ärztekurses“ von 1921.2 Sie sei hier angeführt, um die äußerst knapp gefassten Aussagen dazu in den Kapiteln V und VI verständlicher zu machen.

Dort wird die von Rudolf Steiner schon 1917 entwickelte Dreigliederung in „Von Seelenrätseln“3 daraufhin angeschaut, wie die vier Wesensglieder im Nerven-Sinnes-System, der rhythmischen Funktionsordnung von Kreislauf und Atmung sowie im Stoffwechsel-Gliedmaßen-System jeweils unterschiedlich zusammenarbeiten. Daraus ergibt sich auch der anthroposophisch-anthropologische Ansatz zum Verständnis von ‚Leib‘, ‚Seele‘ und ‚Geist‘:

  • Geist – rein leibfreie Tätigkeit von Denken, Fühlen und Wollen

Von Geist kann gesprochen werden, wenn man die leibfreie, rein geistige – nicht verkörperte – Tätigkeit von Denken (Ätherleib), Fühlen (Astralleib) und Wollen (Ich-Organisation) im Auge hat. Diese konstitutionelle Gegebenheit findet sich nur im Bereich des im Kopf zentrierten Nerven-Sinnes-Systems. Geist, so gesehen, bedeutet präzise: außerhalb des Leibes sein, d.h. rein geistig tätig. Die drei – gestützt auf das Nerven-Sinnes-System – außerkörperlich wirksamen Wesensglieder, Ätherleib, Astralleib und Ich-Organisation, sind so gesehen in ihrem Zusammenwirken ‚der Geist des Menschen‘.

  • Seele – Selbstwahrnehmung und Empathie, mal leibgebunden, mal leibfrei

Seele im engeren Sinn ist das Zusammenspiel des träumenden Gefühlslebens mit dem schlafbewussten Willensleben, wie es sich im rhythmischen System darlebt. Hier wirkt Ich-Organisation wie im Nerven-Sinnes-Bereich als Willensvermögen leibfrei von außen, der Astralleib hingegen verbindet sich rhythmisch durch die Ausatmung stärker mit der Ich-Organisation und bei der Einatmung mehr mit der schlafenden physisch-ätherischen Konstitution, in der das Ätherische leiblich gebunden bleibt und der Denktätigkeit nicht zur Verfügung stehen kann. Dadurch bleibt bei jeder Gefühlsregung einerseits der subjektive Selbstbezug bzw. die Selbstwahrnehmung des Fühlenden erhalten. Andererseits ist dadurch aber auch eine selbstlose ‚spirituelle Empathie‘ möglich, da der leibfreie Anteil des Astralleibes in Form des Gefühlslebens in der Ausatmung an die leibfrei bleibende Ich-Organisation gebunden ist. Dadurch ist – je nach Intention des Ich – auch ein emotionales von sich Absehen-Können möglich, ein sich in die Situation eines anderen Menschen oder eines Vorgangs in der Umwelt wirklich Hereinversetzen-Könnens: Echte Empathie, selbstloses Mitfühlen mit dem Anderen.

  • Leib – Ort der sich unbewusst vollziehenden Leibbildung

Leib hingegen ist der Ort, an dem im gesunden Zustand alle vier Wesensglieder an der Substanz tätig und damit vollständig ‚verleiblicht‘ und damit auch leibbildend und leiberhaltend wirken: im Stoffwechselsystem und seinem Zentralorgan, dem Blut als Träger des schlafenden Willenslebens. Was hier als willentliche Gestaltungskraft lebt, ist dem Wachbewusstsein entzogen.

Ich-Organisation als lenkende Instanz

Bei den Gliedmaßen jedoch ist die Ich-Organisation im Gegensatz zum Stoffwechsel – wie in Kapitel II beschrieben – weniger stark verleiblicht, weswegen ‚freie‘, d.h. vom autonomen Denken ‚außen‘ gesteuerte Bewegungen möglich sind.

Kennt man das anthroposophische Konzept der Ich-Organisation, die sowohl über die intentionale Sinneswahrnehmung bestimmt, als auch im Bereich von Denken, Fühlen und Wollen prominent die Bewusstseinsvorgänge lenkt, lässt sich die enorme Komplexität dieser vielfältigen Einflussfaktoren auf Wahrnehmen und Bewegen konkreter ordnen und praktisch handhaben. Es können sich darüber hinaus weiterführende ‚integrierende‘ und vor allem auch interdisziplinäre Forschungsansätze ergeben.

Vgl. „Einleitung zu Band 15, Schriften zur Anthroposophischen Medizin, Kritische Edition der Schriften Rudolf Steiners“, frommann-holzboog Verlag, Stuttgart 20254

  1. Rudolf Steiner, Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst, GA 27, S. 34.
  2. Rudolf Steiner, Geisteswissenschaftliche Gesichtspunkte zur Therapie, GA 313.
  3. Rudolf Steiner, Von Seelenrätseln. Anthropologie und Anthroposophie, GA 21.
  4. In Band 15 der SKA findet sich auch das umfangreiche Literatur- und Referenzverzeichnis. Wer den Inhalt weiter vertiefen möchte, kann sich dort darüber informieren.