Die Pockenkrankheit und ihr geistiges Gegenbild

Was ist das geistige Gegenbild der Pockenkrankheit?

Warum ist es so wichtig, sich damit zu befassen?

Was kann es uns sagen über das Wesen und die Aufgabe der Krankheit?

Die Pocken als Krankheit mit einer menschheitlichen Dimension

Rudolf Steiner im Auge, setzt 1924 in den „Vorträgen für Medizinstudenten und jüngere Ärzte“1 die Gesundheit des Arztes, d.h. seine Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheitsneigungen, in Beziehung zu der Aufgabe, auch das Wesen einer Krankheit zu erkennen, an der der jeweilige Patient leidet. Er gibt dann selber ein Beispiel, wie man dieses lernen kann. Hier geht es darum, die menschheitliche Dimension von Krankheiten und, was sie verursacht haben könnte, zu erkennen (vgl. Krankheit: Krankheit, Heilung und die Frage nach dem Sinn).2

Er wählte dazu die Pockenkrankheit, die damals infolge der Impfung schon am Aussterben war, weswegen wohl niemand seiner Zuhörer einen Pockenkranken je gesehen oder in seiner Praxis gehabt hatte. Vielleicht wählte Rudolf Steiner eine vom Aussterben bedrohte Krankheit, weil sie in ihrem Wesen noch nicht erkannt und damit grundlegend auf den Weg der Heilung gebracht werden konnte.

Wir haben es hier nicht mit einer typisch individuellen Erkrankung zu tun, sondern mit einer epidemisch auftretenden, was immer darauf hinweist, dass sie eine Antwort, ein Schicksalsausgleich, für ein soziales Entwicklungsdefizit sein könnte, das der „Schicksalsheilung“ durch diese Krankheit bzw. des Erkennens ihres Wesens bedarf.

Sozialer Aspekt der Pockenerkrankung

Die Pockenerkrankung als solche ist äußerst „sozial“: Das zeigt sich nicht nur am Ansteckungsmodus durch die hohe Kontagiösität und damit Weitergabe an möglichst viele, sondern auch durch die Art und Weise, wie sich die Symptomatik aufbaut:

  • Hohes Fieber als physischer Ausdruck von Wärme – die eigentlich seelische und geistige Wärme des Mitgefühls und Verstehens sein sollte.

  • Blasenbildung an den Oberflächen von Haut, Schleimhäuten und auch den Oberflächen der inneren Organe – als ob sich die Grenzen jetzt physisch öffnen wollten, weil das seelische Sich-füreinander-Öffnen, wie es im Sinne des Schicksals der Betroffenen wäre, nicht gelingt.

Die Pockenkrankheit sei im Grunde dadurch entstanden, dass sich diese heilsame soziale Fähigkeit in den Körper hineinprojiziere, weil sie sich am richtigen Ort – im sozialen Miteinander – seelisch-geistig nicht ausleben konnte. So erschien sie am ‚falschen Ort‘ als physische Krankheit. Wenn Liebe sich nicht sozial betätigen und sich auch keine schöpferischen Organe im Zusammenwirken von männlichen und weiblichen Qualitäten schaffen könne, werde die Neigung, sich mit der Pockenkrankheit zu infizieren, gefördert.

Himmelsimagination als „gutes Gegenbild“

Er machte mit den Zuhörenden ein Gedankenexperiment: Man möge sich einen an Pocken Erkrankten vorstellen – in allen Einzelheiten, d.h. mit den eitrigen Pusteln an der Haut und auch an den Oberflächen der inneren Organe, dazu hohes Fieber, Benommenheit und Schwäche. Der zweite Schritt besteht dann darin, dieses Krankheitsbild zu imaginieren und sich vorzustellen, man könne es – im Sinne der Metamorphose der leibbildenden Wesensgliederkräfte (vgl. Doppelnatur des Ätherischen: Die Metamorphose der Wachstumskräfte in Gedankenkräfte) – in bewusste geistige Tätigkeit3 aus dem erkrankten Leib „heraus metamorphosieren“ und in eine rein gedanklich-imaginative Bildhaftigkeit überführen.4 Dadurch würde sich das wahre Wesen dieser Krankheit enthüllen als „gutes Gegenbild“ in Form einer Himmelsimagination vom Tierkreis - dergestalt, dass den sieben männlichen Sommersternbildern die fünf weibliche Wintersternbilder gegenüberstehen. Das sei Urbild für ein harmonisch geordnetes soziales Zusammenwirken zwischen Männern und Frauen.5

Werde ein solch respekt- und liebevoller Umgang zwischen den Geschlechtern geübt, so würde die Neigung zur infektiösen Pockenerkrankung als „Organ der Lieblosigkeit“6 überwunden.

Vgl. „Raphael und die Mysterien von Krankheit und Heilung“, Medizinische Sektion am Goetheanum 2015

  1. Rudolf Steiner, Meditative Betrachtungen und Anleitungen zur Vertiefung der Heilkunst, GA 316, Dornach 2008, S. 119-120.
  2. „Man muss also die Krankheit so begreifen, dass man sich sagt: Könnten nicht durch gewisse Dinge, die wir morgen einsehen werden, gewisse geistige Wesenheiten heruntergeholt werden, wo sie nicht hingehören, so wären sie auch nicht in der geistigen Welt vorhanden. - Damit aber zeigt sich, wie eng verwandt wirkliches geistiges Erkennen mit der Krankheit ist. Man erkennt eigentlich schon, indem man Geistiges erkennt, die Krankheit. Man kann gar nicht anders: wenn man einmal eine solche Himmelsimagination hat, dann weiß man, was Pockenkrankheit ist, weil sie nur die physische Projektion dessen ist, was man geistig erlebt. So ist es im Grunde genommen mit dem ganzen Krankheitswissen. Man möchte sagen: Wenn der Himmel – oder auch die Hölle natürlich – zu stark ergreifen den Menschen, so wird er krank, wenn sie nur seine Seele und seinen Geist ergreifen, wird er weise oder gescheit oder ein Einsichtiger.“ (GA 316, S.120)
  3. Rudolf Steiner, Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst, GA 27, S. 56.
  4. 1910 hatte Steiner dies bereits in seinen Vorträgen über Die Offenbarungen des Karma so formuliert: „Die Frage kann auch so gestellt werden: Wenn Krankheiten sich ausleben wie eine karmische Wirkung von geistigen oder sonstigen durch die Seele hervorgerufenen oder erfahrenen Erlebnissen, wenn sie also die Umwandlung solcher Ursachen sind, können wir uns dann nicht auch denken – oder erzählen uns davon die geistigen Tatsachen nichts –, daß das Umwandlungsprodukt, die Krankheit, vermeidbar ist, insofern vermeidbar, als wir statt des Heilungsprozesses, statt dessen, was aus den organischen Regionen herausgeholt wird, als Krankheit herbeigeholt wird zu unserer Erziehung, das geistige Gegenstück, das geistige Äquivalent dafür setzen? Daß wir, wenn wir klug genug sind, die Krankheit umwandeln in einen geistigen Prozeß und die Selbsterziehung, die wir durch die Krankheit ausführen sollen, sozusagen durch die Kräfte unserer Seele ausführen?“ (GA 120, 102).
  5. In den Karma-Vorträgen von 1910 führt Steiner bezüglich der Pocken aus: „Es kann der Mensch ganz besonders in einem früheren Leben durch Empfindungen, Gefühle und so weiter durchgegangen sein, die ihn zur Lieblosigkeit gegen seine Nächsten getrieben haben. [...] Nehmen wir an, eine ganze Anzahl von Menschen hätte sich wegen Lieblosigkeit gegen die Menschen hingezogen gefühlt, gewisse Infektionsstoffe aufzunehmen, um einer Epidemie zu verfallen. Nehmen wir weiter an, wir könnten gegen die Epidemie etwas tun. Wir würden dann in einem solchen Falle die äußere Leiblichkeit davor bewahren, die Lieblosigkeit zum Ausdruck zu bringen [dadurch, dass die Pockenkrankheit nicht ausbrechen konnte, M.G.], aber wir würden dadurch noch nicht die innere Neigung zur Lieblosigkeit fortgeschafft haben. Denken wir uns aber den Fall so, daß wir, wenn wir das äußere Organ der Lieblosigkeit fortschaffen, die Verpflichtung übernehmen, auf die Seele so zu wirken, daß wir auch der Seele die Neigung zur Lieblosigkeit nehmen. Das Organ der Lieblosigkeit wird im eminenten Sinne getötet – im äußeren leiblichen Sinne – in der Pockenimpfung. [...] Und wir können jetzt sagen: Wenn wir auf der einen Seite das Organ töten, hätten wir auch die Verpflichtung, als Gegenstück dazu bei diesem Menschen den materialistischen Charakter durch eine entsprechende spirituelle Erziehung anders zu gestalten. Das müßte das notwendige Gegenstück sein. Wir leisten sonst nur halbe Arbeit. Ja, wir leisten nur eine Arbeit, zu der der Mensch selber in einer späteren Inkarnation in irgendeiner Weise wird das Gegenstück schaffen müssen [...] Impfung wird keinem Menschen schaden, welcher nach der Impfung im späteren Leben eine spirituelle Erziehung erhält. [...] Da kommen wir zu einem wichtigen Gesetz in der Menschheitsentwickelung, das so wirkt, daß immer ein Äußeres und ein Inneres sich die Waage halten müssen und daß man nicht bloß auf das eine sehen darf, sondern auch das andere nicht unberücksichtigt bleiben darf.“ (GA 120, 169–171).
  6. Rudolf Steiner, Die Offenbarungen des Karma, GA 237.