Krankheit und Heilverfahren im Zuge der Biografie

Welche altersbedingten Krankheitsgruppen kann man unterscheiden?

Inwiefern beeinflusst das Menschenbild die Therapiewahl?

Wie wirken Substanzen aus den unterschiedlichen Naturreichen auf die Wesensglieder?

Warum der Mensch erkrankt

Kapitel XV von „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst“1 hatte bereits begonnen – hielt Rudolf Steiner in Dornach Vorträge mit dem Titel: befasst sich mit Erkrankungen im Laufe des Lebens und mit den Heilverfahren der Anthroposophischen Medizin. Voraussetzung für die Behandlung dieses Themas ist die Klärung der Frage nach Ursache und Sinn von Krankheiten beim Menschen, die bereits in Kapitel II behandelt wurde.

Das Leben mit Leiden und das Behandeln von Krankheiten – unter Umständen lebenslang – und damit auch mögliche Fragen nach dem Sinn solcher ‚Zumutungen‘ auf den Lebenswegen ist dem Menschen vorbehalten.2 Das gilt ebenso für die typischen Erkrankungen, die so gut wie jede Biografie begleiten:

  • 1. akute Infekte mit Fieber in der Kindheit,

  • 2. psychosomatische Erkrankungen im ersten Erwachsenenalter in der Auseinandersetzung mit Ausbildung, Familiengründung und beruflichem Werdegang

  • 3. und schließlich die altersbedingten chronischen Erkrankungen

Auch wenn jemand ‚nie ernstlich krank war‘ und hochbetagt stirbt, sozusagen aus Altersschwäche, aber nicht an einer bestimmten Krankheit, so kennt er doch die Symptome der drei markanten Lebensbegleiter akuter, psychosomatischer und chronischer Ereignisse mehr oder weniger ausgeprägt bei sich und im Bekanntenkreis.

Genereller Sinn altersentsprechender Erkrankungen

Die Bedeutung der genannten Erkrankungsvarianten für die Biografie lässt sich unschwer erkennen:

  • AD 1. Akute Infekte

Akute Infekte stimulieren das Immunsystem und machen es fit für das Leben. Das ist vor allem Thema des heranwachsenden Menschen.

  • AD 2. Psychosomatische Erkrankungen

Psychosomatische Symptome machen darauf aufmerksam, wie wichtig ein gewisses Maß an Selbstdisziplin, Selbstkontrolle und Selbsterziehung ist, damit man sich zureichend abzugrenzen lernt gegenüber den Anforderungen aus der Umgebung und genügend Raum für die Selbstsorge und eigene Entwicklung bleibt. Auf diese Weise bildet sich ein ‚seelisches Immunsystem‘.

  • Ad 3. Chronische Erkrankungen

Chronische Erkrankungen im Alter hingegen helfen, existenzielle Fragen zu stellen in Richtung nachtodliche Existenz. Der indische Ausdruck ‚Karma‘ steht für Wirkung, Tat. Erst wenn die Zerbrechlichkeit des eigenen Körpers infolge einer chronischen Krankheit bewusstwird, erst wenn man weiß und erlebt, dass man nie mehr von ihr gesunden wird, fällt es leichter, solche Fragen mit der notwendigen Ernsthaftigkeit zu stellen, so dass auch aktives Suchen und Finden von Antworten realer werden können.

Entscheidend für die freie Therapiewahl

Für das Thema Heilverfahren sind all diese Überlegungen, den Sinn von und den Umgang mit Krankheit betreffend, von fundamentaler Bedeutung (vgl. Krankheit: Krankheit, Heilung und die Frage nach dem Sinn). Wer einen Arzt aufsucht, erwartet Heilung oder zumindest Besserung. Er möchte verstehen, was vorliegt und unter Umständen auch, was er tun kann, damit sich so etwas nicht noch einmal wiederholt.

Die eigene Entwicklungsperspektive beeinflusst dabei auch die Wahl der Therapie. Je nachdem, welches Menschenbild jemand hat, ob er eine spirituelle oder transhumanistische Entwicklungsperspektive verfolgt, wird er sich innerhalb der gegenwärtig vorhandenen Medizinsysteme und ihrer Behandlungsangebote für das entscheiden, was ihm am ehesten entspricht (vgl. Krankheit: Unterschiedliche Sichtweisen von Krankheit).

Gegenwärtig besteht aber die Gefahr, dass einem freien Entscheid für eine bestimmte Therapierichtung der Boden entzogen wird. Die meisten Menschen sehen sich einer herrschenden medizinischen Monokultur ausgeliefert: einer symptomorientierten, auf statistischen Evidenzen basierenden Medizin. Denn wem das Geld für private Behandlung fehlt und wem multiperspektivische Informationen nicht zur Verfügung stehen, hat keine Wahlmöglichkeiten und ist in dieser Hinsicht unfrei.

Geistige Perspektive auf das medizinisch Notwendige

Es geht in allem darum, das medizinisch Notwendige auch aus geistiger Perspektive anzuschauen und bei allem, was man verordnet – ob schulmedizinisch oder aus anthroposophischer Arzneimittelkenntnis – das Wesensgliederwirken im Organismus des Betroffenen im Bewusstsein zu haben.

In der äußeren Natur faltet sich die Welt der Mineralien, Pflanzen und Tiere in höchster Spezialisierung auf – im Menschen wirken die dort im Einzelnen herrschenden Naturgesetze so zusammen, dass sie sich im gesunden Fall im Sinne der Ich-Organisation in die Gesamttätigkeit des Organismus integrieren.

Die Autoren des genannten Werkes sagen dazu: „Nun liegt eben das Wesen des krankhaften Vorganges darin, dass innerhalb des Organismus sich etwas abspielt, das sich nicht eingliedert in die Gesamttätigkeit desselben. Das hat ein solcher Vorgang gemeinsam mit einem solchen der äußeren Natur.“3

Abnehmende Integrationsfähigkeit macht krank

Der Fokus der Betrachtung liegt darauf, herauszufinden, wann im Verlauf der Entwicklung das Wesensgliedergefüge die Fähigkeit verloren hat, sich im Sinne der Gesundheit der Tätigkeit der Ich-Organisation einzugliedern. Denn das Verhältnis zwischen der im Verlaufe der Entwicklung vermehrt außerkörperlich tätigen astralischen und Ich-Organisation als Diener des bewussten Seelenlebens und dem Anteil ihrer Aktivität, die noch in der physisch-ätherischen Organisation verbleibt, ist – wie in Kapitel II mit Rückgriff auf Kapitel I dargestellt wurde – nicht nur ein labiles, sondern auch ein sich im Laufe des Lebens verschiebendes Zusammenspiel (vgl. Bewusst altern: Altern im Licht der Metamorphose der Wesensglieder ).

Sind physische und ätherische Organisation nicht in der Lage, unter dem Einfluss dieser geringer werdenden Aktivität ihre Aufgabe in der Gesunderhaltung des Organismus zu erfüllen, so treten Krankheitssymptome auf. D.h. die astralische und die Ich-Organisation werden von ihrer altersentsprechenden Funktionsweise abgelenkt und in eine für sie nicht mehr zeitgerechte Tätigkeit herein gezwungen.

„Denn alle Entwicklung des menschlichen Organismus beruht darauf, dass ursprünglich die Gesamtgestaltung des physischen und ätherischen Leibes aus der Tätigkeit des Astralischen und der Ich-Organisation sich ergibt; dass aber mit zunehmendem Alter die astralische und Ich-Tätigkeit in der physischen und ätherischen Organisation weiterlaufen. Tun sie das nicht, so müssen der astralische Leib und die Ich-Organisation in einem Stadium ihrer Entwickelung in einer Art eingreifen, zu der sie in diesem Stadium nicht mehr geeignet sind.“4

Substanzen, Naturreiche und Wesensglieder

Um nun in dieses labile Zusammenspiel der Wesensglieder konstruktiv eingreifen zu können, bedarf es nach den Verfassern des genannten Werkes einer Substanzkunde, die Natur und Mensch in ihrem entwicklungsbedingten Zusammenhang sehen lernt und vor allem die Kräfte kennt, die in den verschiedenen Ausformungen mineralischer, pflanzlicher und tierischer Gestaltungen inkorporiert sind: „Denn, um einen Heilvorgang zu veranlassen, muss man Substanzen in den Organismus einführen, die in diesem sich so ausbreiten, dass der Krankheitsvorgang allmählich in einen normalen übergeht.“5

So stehe z.B. das Kalzium in der Eichenrinde in einem anderen Kräftekontext als das Kalzium in der Austernschale.

Wenn man sich spezifisch an ein Wesensglied mit Bezug auf ein bestimmtes Organ wenden will, erfordert dies differenzierte Kenntnisse der Pflanzen, ihrer Standorte und Lebensbedingungen. Grundsätzlich gilt:

  • Pflanzliche Arzneimittel haben eine unmittelbare Beziehung zur astralischen Organisation,

  • Mineralien wirken direkt auf die Ich-Organisation ein.

  • Tierische Präparate hingegen wirken auf die ätherische Organisation.6

Organismus arbeitet am gesundenden Ausgleich

Zusammenfassend wird konstatiert, dass im Organismus selber die Tendenz liegt, „seine Mängel auszugleichen“.7 D.h. die Wesensglieder sind nach dieser Darstellung fortwährend bemüht, die Gesundheit wiederherzustellen, auch wenn ein Krankheitsprozess begonnen hat.

Daher sei sowohl die Entstehung der Krankheit als auch die Therapie im günstigen Fall befristet. Würden die astralische- und Ich-Organisation für eine bestimmte Zeit durch geeignete Medikamente von ihrer dysfunktionalen Wirksamkeit entlastet, so gewänne die Gesundheit wieder die Oberhand.8

Vgl. Einleitung zu Band 15, Schriften zur Anthroposophischen Medizin, Kritische Edition der Schriften Rudolf Steiners“, frommann-holzboog Verlag, Stuttgart 20259

  1. Rudolf Steiner, Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst, GA 27.
  2. Denn Krankheit ist für den Menschen etwas durchweg anderes als für Tiere und Pflanzen. Werden Pflanzen oder Tiere von Parasiten befallen oder unterliegen sie einer Vergiftung, so sorgt die Natur dafür, dass Verwelken und Absterben eintreten oder Tiere sich – per Instinkt – schonen und (wenn möglich) die für diese Situation richtige Nahrung aufnehmen und gesunden. Das ökologische Gleichgewicht ist hier immanent regulierend am Werk.
  3. Siehe FN 1, S. 73.
  4. Siehe FN 1, S. 74.
  5. Siehe FN 1, S. 73.
  6. Vgl. Eichholz u. a. (2018), 96–105; Schnur u. a. (2018), 269–275; Scheffer u. a. (2019), 12–20.
  7. Siehe FN 1, S. 76.
  8. Siehe Pedersen und Meyer (2017); Vademecum (2024).
  9. In Band 15 der SKA findet sich auch das umfangreiche Literatur- und Referenzverzeichnis. Wer den Inhalt weiter vertiefen möchte, kann sich dort darüber informieren.