Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit als Heilmittel gegen das Böse
Welche Bedeutung haben die Ideale der Französischen Revolution für die heutige Zeit?
Inwiefern behindert die gesellschaftliche Schieflage die menschliche Weiterentwicklung?
Was muss getan werden, dass Menschen wieder selber denken und selbstverantwortlich handeln wollen, anstatt es so zu machen, wie es wirtschaftspolitisch gewollt und gefördert wird?
Ringen um Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit
Als Heilmittel gegen Kriegstendenzen nennt Rudolf Steiner das Ringen um ein individuelles Verständnis der drei zukunftsweisenden Ideale der Französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – und ihrer lebensgemäßen Anwendung in den richtigen Bereichen:
- Freiheit für den einzelnen im Geistesleben
- Gleichheit für alle im Rechtsleben
- Brüderlichkeit untereinander im Wirtschaftsleben
Anders ausgedrückt heißt das: Freiheit für den Einzelnen in allen geistigen Rudolf Steiner war der Auffassung, dass die Menschen zur Zeit der französischen Revolution noch nicht reif waren für diese drei Ideale und ihre lebensgemäße Umsetzung, weswegen die Revolution auch zu Blutvergießen und Diktatur führte und schließlich in den Nationalismus mündete. Das Problem waren aber nicht die drei Ideale, sondern die Art ihrer Umsetzung.
Da sind wir in vielem auch heute noch sehr am Anfang. Würden diese Zusammenhänge bereits in der Schule bewusst durchdacht werden, so würden bereits junge Menschen erkennen können, was derzeit schiefläuft und sich später als Erwachsene dafür engagieren, die Verhältnisse richtigzustellen. Die heutige Schieflage und die Möglichkeiten der Richtigstellung möchte ich im Folgenden näher ausführen.
- 1. FREIHEIT (Selbstschulung, Wahrheitssuche) im Geistesleben statt Konzepte, Konsens und finanzielle Abhängigkeit
Heute ist das Bildungswesen von staatlichen Vorgaben geprägt, Kinder lernen in der Schule, Tests zu bestehen, sich mit anderen zu vergleichen, Mustern zu folgen. All das sind Störfaktoren für die individuelle Entwicklung und das Lernen von Respekt gegenüber der eigenen Individualität und anderen Individualitäten. Konditionierung tritt an die Stelle individueller Förderung.
Das deckt sich mit der Grundaussage von Gerald Hüther in seinem Buch „Würde“.1 Er schildert dort das heutige Schulsystem als entwürdigend: Wer einen guten Test schreibt, wird gelobt und die anderen fühlen sich entsprechend entwertet. Der Wertmaßstab kommt von außen – nicht von innen, man wird abhängig gemacht von der Außensteuerung, anstatt Selbststeuerung zu lernen. Die einen entwickeln ein geknicktes Selbstbewusstsein, die anderen ein pathologisches Selbstbewusstsein, das sie auf andere herunterschauen lässt.
Im akademischen Bereich wiederum sind die meisten Hochschulen von finanziellen Zuwendungen und Forschungsgeldern aus der Wirtschaft abhängig. Die Forschungsfreiheit ist dadurch massiv eingeschränkt. Zudem herrscht in der Scientific Community der Kollektivismus, praktizierte Brüderlichkeit in Form von Meinungskonsens.
Richtigstellung: In den Schulen muss das Prinzip der Freiheit zum Tragen kommen. Denn jedes Kind hat ein Recht auf die Entwicklung seiner individuellen Fähigkeiten, ohne bewertet, verglichen und genormt zu werden.2 Rudolf Steiners Konzept der Waldorfpädagogik sieht vor, den Lehrplan gesundheitsfördernd und altersgerecht zu gestalten.
Auch in die Forschung gehört die Freiheit, nach innovativen Lösungen zu suchen, die Mensch und Erde dienen – und nicht nur die Interessen von Lobbygruppen verfolgen.
- 2. GLEICHHEIT (Mitspracherecht, regionale und themenbezogene Regelungen) im Rechtsleben statt Regulierung und Bürokratie
Die zunehmenden von der EU und global agierenden NGOs ausgehenden zentralistischen Regulierungen und bürokratischen Hürden müssen durch regionale, grenzübergreifende und themenbezogene Vereinbarungen unter betroffenen und engagierten Bürgern ersetzt werden.
- 3. BRÜDERLICHKEIT (Alternativen zu Lohnarbeit und Spekulation) im Wirtschaftsleben statt Freiheit und Egoismus in Form von Liberalismus
Der liberalistisch-kapitalistische Shareholder-Value-Egoismus im Wirtschaftsleben muss engagiert in Frage gestellt und als schädlich erkannt werden. Das betrifft
- die liberal-egoistische „freie Marktwirtschaft“
- den derzeitigen Umgang mit Geld als Ware
- die heutige, den Menschen als Sklaven behandelnde Lohnarbeit
- die auf Gewinnmaximierung ausgelegte Preisgestaltung
- den Umgang mit Grund und Boden
- und viele weitere wesentliche Aspekte des Wirtschaftslebens.
Es ist notwendig, ein grundsätzlich neues Bewusstsein von Eigentum, Vermögen sowie Grund und Boden zu entwickeln. Rudolf Steiner war der Ansicht, dass der Boden denen gehören sollte, die ihn bewirtschaften.
Denn solange Häuser und Grundbesitz unabhängig von der Nutznießung zu Spekulationsobjekten werden können, um einen Gewinn zu erzielen, dem keine Gegenwerte in Form geleisteter Arbeit oder Nutzung zum Wohnen gegenüberstehen, entstehen durch das unbegrenzte Wachstum am Kapitalmarkt soziale Krebsgeschwüre. Der Graben zwischen Arm und Reich wird dadurch verschärft. Jede Woche werden Bauernhöfe verkauft, weil die Leute den Betrieb nicht mehr stemmen können. Das große Landgrabbing schreitet auf der ganzen Welt erbarmungslos fort: Land wird aufgekauft von Investoren – meist um des Profits willen, nur selten als Dienst an der Erde und an der Gesundheit von Mensch und Tier.
Rudolf Steiner empfahl deshalb auch, im Leben angehäufte Güter mit dem Tod an die Gesellschaft zurückzugeben. Heute wird jedoch vielfach genau das Gegenteil erstrebt: Eigentum wird den erbberechtigten Nachkommen bereits frühzeitig überschrieben, um damit Steuern zu vermeiden. Das führt uns gesellschaftlich und menschlich in die falsche Richtung.
Dreigliederung in persönlichen Belangen
Die oben genannten Ideale müssen unbedingt individuell ergriffen werden, damit die angedeutete Richtigstellung gelingen kann. Die Macht, die ein Einzelner hat, der sich seiner Freiheit und Mitverantwortung bewusst ist, wird noch viel zu wenig erlebt und ausgeschöpft.
Aus meiner Sicht ist es unerlässlich, dass immer mehr Menschen auf den drei Gebieten des sozialen Lebens wachwerden, auch in ganz persönlichen Belangen, indem sie sich Rechenschaft ablegen über folgende Fragen:
Was macht mein Geld auf der Bank?
Ist es dort sinnvoll untergebracht?
Wie sind meine Verbindungen zur Ökonomie?
Wie bin ich mit dem Rechtsraum verbunden?
Wie werden wir einander gerecht?
Was jemand aus seinem Leben macht, ist in gewisser Weise ganz allein seine Sache. Doch unter den oben geschilderten Gesichtspunkten wird es immer dringlicher, Verantwortlichkeit für das eigene Konsumverhalten und die eigene Entwicklung zu übernehmen.
Das Schöne ist, dass jeder und jede dort ansetzen kann, wo er oder sie im Leben steht. Denn mit jedem Einkauf bestimmt man mit, was produziert wird. Und an Stellen, an denen man den Konsum verweigert, wird weniger produziert. Es lohnt sich, etwas mehr Geld für gesunde Nahrungsmittel auszugeben, nicht nur aus egoistischen gesundheitlichen Gründen, sondern um die Landwirtschaft als solche entwicklungs- und wachstumsfähig zu erhalten.
Es braucht zudem zunehmend Grassroot-Movements, engagierte Gegenbewegungen, die bewusst und engagiert an der sozialen Gesundung arbeiten. Das ist Friedensarbeit.
Der Anthroposophie obliegt im 21. Jahrhundert die Aufgabe dazu beizutragen, dass jeder individuelle Mensch begreift, wie er im sozialen Leben verwurzelt ist und was er oder sie beitragen kann zur konstruktiven individuellen Entwicklung der nächsten Generationen.
Vgl. „Die sieben Entwicklungsgeheimnisse der Menschheit“, Vortrag vom 13. Mai 2025, gehalten in Mannheim sowie das Büchlein „Entwicklungsperspektiven im Leben des Einzelnen und der Menschheit“, von gesundheit aktiv, Esslingen 2025
- Gerald Hüther, Würde – Was uns stark macht, als Einzelne und als Gesellschaft, München 2022.
- Michaela Glöckler, Kita, Kindergarten und Schule als Orte gesunder Entwicklung, Stuttgart 2023.

