Soziale Folgen der Trennung von Gefühl und Willen

Was braucht es, dass zwei fremde Menschen, die sich gefühlsmäßig nicht sympathisch sind, miteinander reden und Prozesse des Kennenlernens in Gang setzen können?

Wodurch zeigt sich das Interesse der Menschen am Allgemeinmenschlichen?

Inwiefern verändert sich die Bedeutung von Familie und Volk im Laufe des Lebens?

Was muss getan werden, dass Menschen wieder selber denken und selbstverantwortlich handeln wollen, anstatt es so zu machen, wie es wirtschaftspolitisch gewollt und gefördert wird?

Was durch die Trennung von Gefühl und Willen ermöglicht wird

Auch wenn wir es gefühlsmäßig schwer miteinander haben, können wir Menschen auf der Willensebene in positiver Weise miteinander umgehen, können uns auch gedanklich miteinander auseinandersetzen, indem wir z.B. Fragen stellen, um uns trotz fehlender Sympathie besser kennenzulernen. Man kann sein Denken und Wollen innerlich vom Fühlen trennen, wenn man es möchte.

Das war Menschen in früherer Zeit nicht in dem Maß möglich wie heute. Das Denken war viel weniger abstrakt und daher weniger geeignet, sich zu distanzieren. Es war lebendiger mit Fühlen und Wollen verbunden. Woran heute in der Erziehung so intensiv gearbeitet werden muss, nämlich das Fühlen mit der Willenserziehung und Denkentwicklung in Einklang zu bringen, war damals noch gegeben. Heute ist beides möglich:

  • die getrennte Handhabung von Denken, Fühlen und Wollen
  • und das bewusste Wieder-Verbinden

Die Möglichkeit, Denken, Fühlen und Wollen getrennt zu handhaben, hat zur positiven Folge, dass wir Sympathien und Antipathien für uns behalten und somit auf der Vernunft- und Handlungsebene konstruktiv zusammenarbeiten können, unabhängig von unseren persönlichen Vorlieben und Abneigungen.

Pathologische Trennung von Denken, Fühlen und Wollen

Andererseits ist diese Tatsache aber auch mit dafür verantwortlich, dass Menschen ihren Hassgefühlen in weit stärkerem Maße freien Lauf lassen können, weil sie nicht mehr „wie von selbst“ von Vernunft und Erziehung davon zurückgehalten werden.

Wie weit die Trennung von Denken, Fühlen und Wollen in pathologischer Weise gehen kann, hat der Nationalsozialismus gezeigt. Dieselben Menschen, welche die Deportation der Juden perfekt planen konnten, waren in der Lage, mit feuchten Augen Beethoven-Symphonien zu hören.1

Rudolf Steiner hat auf diese Signatur des zwanzigsten Jahrhunderts im Gegensatz zu früheren Jahrhunderten hingewiesen. Er sagte, Intellektualität, Sentimentalität und Brutalität würden gemeinsam auftreten, wenn nicht durch Erziehung und Selbsterziehung bewusst am Zusammenwirken dieser drei Seelenkräfte gearbeitet würde.

Zeitgeistiges Interesse am Allgemeinmenschlichen

In diesem Zusammenhang ist ein weiterer Gesichtspunkt zu besprechen. Wir erleben gegenwärtig bei vielen Menschen, besonders in der jüngeren Generation, eine selbstverständliche Offenheit gegenüber den verschiedenen Hautfarben, Kulturen und Nationen. Es gibt eine starke Neigung, multikulturell zu denken und nicht mehr nationalkulturell. Amerikaner sind immer wieder davon begeistert, wenn man sich nicht als Deutscher, den sie tendenziell für nationalistisch halten, bezeichnet, sondern als Europäer.

Viele Menschen haben eine tiefe Sehnsucht nach dem Allgemeinmenschlichen, nach dem, was über den Kulturen liegt, was alle verbindet und was religiöse und in den Volksgebräuchen liegende Unterschiede überwindet.

Es besteht das Bedürfnis, das Wort „Rasse“ ganz aus dem Vokabular zu streichen. Man kann diesen Begriff heute im Grunde gar nicht mehr verwenden.2

Vielmehr spricht man von Internationalität, Solidarität, Frieden und von Wahrhaftigkeit, von übergreifenden menschlichen Verhaltensweisen und Idealen. Gegenüber allen, die Unterschiede feiern, die Cliquen, eigene „Blasen“ und Abgrenzungen bilden, ist eine spürbare Antipathie vorhanden.

Bedeutung von Familien- und Volkszugehörigkeit in der Kindheit

Im Kindesalter steht die Familien- und Volkszugehörigkeit noch stärker im Vordergrund. Denn in diesem Alter wiederholt der Mensch mit Recht Entwicklungsschritte, die früheren Bewusstseinsstadien der Menschheit entsprachen, als Blut-, Sippen- und Familienbande wichtiger waren als der Einzelne. Man lehnte instinktiv das Fremde ab, um sich in dieser Ablehnung und den damit verbundenen Streitigkeiten bis hin zu Kriegen selbst zu erleben und daran Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Diese Entwicklungsnotwendigkeit zeigt sich an den Cliquen- und Bandenbildungen unter Jugendlichen, an ihren Gruppenzwängen und der Neigung, die „nicht dazu Gehörigen“ zu drangsalieren. Der Sinn eines solchen Verhaltens und der damit verbundenen Streitigkeiten ist - wie bereits dargestellt – die Entwicklung bzw. Stärkung von Selbstbewusstsein.

Auch wenn diese Entwicklungsphase berechtigt ist und durchlaufen werden muss, ist es entscheidend, dass die Erwachsenen ein weltoffenes, tolerantes Verhalten vorleben. Denn solange Kinder noch in Entwicklung begriffen sind, brauchen sie gerade in Bezug auf die genannten Eigenschaften ein Vorbild. Die Fähigkeit, Fremdem selbstbewusst und offen gegenüberzutreten, ist erst bei Erwachsenen oder älteren Jugendlichen vorhanden.

Wer im späteren Leben immer noch diese Art von Abgrenzung und Auseinandersetzung braucht, hat diese Entwicklungsetappe nicht zureichend durchlaufen können. So ist es verständlich, dass es immer wieder neu zu Sektenbildungen, Cliquen und Abhängigkeitsverhältnissen kommen muss.

Vgl. „Macht in der zwischenmenschlichen Beziehung“, 9. Kapitel, Verlag Johannes M. Mayer, Stuttgart – Berlin 1997

  1. Vgl. hierzu Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem.
  2. Dies ist mit ein Grund dafür, dass sich die Anthroposophie seit einigen Jahren immer wieder dem Vorwurf des Rassismus ausgesetzt sieht, da Rudolf Steiner den Rassebegriff in bestimmten Zusammenhängen zeitimmanent gebraucht. Diesem Vorwurf liegt aber ein falsches, die historischen Umstände nicht berücksichtigendes Verständnis des Begriffs zugrunde. Es wird dabei übersehen, dass zu Lebzeiten des Autors die Erfahrungen des substanziellen Missbrauchs des Wortes „Rasse“ durch den Nationalsozialismus mit den bekannten furchtbaren Folgen noch nicht vorlagen, sondern sich erst nachträglich mit diesem Begriff verbanden.