Die Wesensglieder in Darstellungen der bildenden Kunst

Auch für die Kunstbetrachtung ist eine Kenntnis der Gesetzmäßigkeiten der Wesensglieder erhellend. So hat Michelangelo in seinen vier Skulpturen in der Capella di Medici anhand von zwei Frauengestalten Morgen und Nacht dargestellt und anhand von zwei männlichen Figuren Tag und Abend.1 Wer die Wesensglieder und ihre Gesetze kennt, sieht sie hier mit künstlerischen Mitteln dargestellt. Physischer Leib (Abenddämmerung), Ätherleib (Nacht), Astralleib (Morgenröte) und Ich-Organisation (Tag) werden als unterschiedliche Ganzheiten erfasst und bildhauerisch gestaltet.

Abenddämmerung – physischer Leib

Die Abendskulptur zeigt eine männliche Gestalt, die so gelagert ist, dass jeder Körperteil gleichsam für sich genommen oder wie „abgelegt" erscheint: Der Kopf ist seitwärts gedreht, etwas geneigt, die Arme in lockerer Beugehaltung, die Beine stabil gelagert. Der ganze Leib wirkt entspannt und schwer zugleich. Die Figur bringt das Form- und Schwereprinzip des physischen Leibes zum Ausdruck sowie die Isolationstendenz der Einzelteile.

Nacht – Ätherleib

Das Wesen der Nacht wird in Form einer in Meditation versunkenen, blühenden Frauengestalt gezeigt. Es imponiert die Rundheit des Körpers: das linke Bein ist gebeugt und gibt dem ebenfalls gebeugten rechten Arm Stütze, ohne dass dieser darauf lastet. Rechtes Bein und linker Arm sind nahezu dem Blick entzogen, was den Eindruck der Geschlossenheit der Skulptur verstärkt. Das leicht in die Hand geneigte Haupt ist jugendlich schön, die Brüste wohl geformt. Die Figur bringt die aufbauenden, regenerierenden Lebenskräfte des ätherischen Leibes zum Ausdruck.

Morgenröte – Astralleib

Die Morgenfigur wirkt wie eine noch im Schlaf lagernde Frauengestalt. Sie zeigt jedoch in ihrem Gesichtsausdruck bereits das Aufleuchten des vollen Bewusstseins. In die Wachheit mischen sich Ernst, Wehmut und ein Ausdruck von Schmerz, ein „Innewerden" des Bewusstseinshorizontes, der das Gestern mit dem Heute und Morgen verknüpft. Hier wird das Prinzip der Wachheit und des Bewusstseins dargestellt, dessen Ausdruck das seelische Leben ist, das vom Astralleib getragen wird.

Tag – Ich-Organisation

Die Tagfigur ist ein Bild wacher, kraftvoller Tatbereitschaft und Anwesenheit. Nur sie blickt den Zuschauer klar aus geöffneten Augen an: Eine Begegnung von Ich zu Ich kann jetzt stattfinden. Dank der Geistesgegenwart und Ich-Präsenz im Blick, erlebt sich der Zuschauer als Gegenüber, als „Du".

Vgl. „Anthroposophische Arzneitherapie für Ärzte und Apotheker“. Loseblattsammlung mit 4. Aktualisierungslieferung. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2012.

  1. Michelangelo (1475-1564), Skulpturen „Abenddämmerung“, „Nacht“, Morgenröte“ und „Tag“ in der Medici-Kapelle in Florenz.